keine Sunden. Nicht fur uns. Wir bu?en alles gleich ab. Bereue, was du zu bereuen hat. Wenn keine Beichte moglich ist, ist das genug. So steht es im Katechismus.«

Ammers horte einen Moment auf zu keuchen. »Bist du auch katholisch?« fragte er.

»Ja«, sagte 509. Es war nicht wahr.

»Dann wei?t du es doch! Ich mu? einen Priester haben! Ich mu? beichten und kommunizieren! Ich will nicht in Ewigkeit brennen!« Ammers zitterte. Seine Augen waren weit aufgerissen. Sein Gesicht war nicht mehr als zwei Fauste, und die Augen waren viel zu gro? dafur. Er hatte dadurch etwas von einer Fledermaus. »Wenn du Katholik bist, wei?t du, wie es ist. Wie das Krematorium; aber man verbrennt nie und stirbt nie. Willst du, da? das mit mir passiert?« 509 sah zur Tur. Sie war offen. Ein klarer Abendhimmel stand darin wie ein Bild.

Dann sah er zuruck auf den abgezehrten Kopf, in dem die Bilder der Holle brannten.

»Fur uns hier ist das anders, Ammers!« sagte er schlie?lich. »Wir haben druben eine Vorzugsstellung. Ein Stuck Holle haben wir ja schon hier gehabt.«

Ammers bewegte ruhelos den Kopf. »Versundige dich nicht«, flusterte er. Dann hob er sich muhsam auf, starrte um sich und brach plotzlich aus:»Ihr! Ihr! Ihr seid gesund! Und ich mu? abkratzen! Gerade jetzt! Ja, lacht! Lacht! Ich habe alles gehort, was ihr gesagt habt! Ihr wollt 'raus!

Ihr kommt 'raus! Und ich? Ich! Ins Krematorium! Ins Feuer! Die Augen! Und ewig – huh – huh -«

Er heulte wie ein mondsuchtiger Hund. Sein Korper war straff hochgezogen, und er heulte. Sein Mund war ein schwarzes Loch, aus dem es heiser heulte.

Sulzbacher erhob sich. »Ich gehe«, sagte er. »Ich will nach einem Priester fragen -«

»Wo?« fragte Lebenthal.

»Irgendwo. Auf der Schreibstube. Bei der Wache -«

»Sei nicht verruckt. Hier gibt es keine Priester. Die SS duldet das nicht. Sie wird dich in den Bunker stecken.«

»Das macht nichts.«

Lebenthal starrte Sulzbacher an. »Berger, 509«, sagte er dann. »Habt ihr das gehort?«

Sulzbachers Gesicht war sehr bla?. Seine Kinnbacken traten stark heraus. Er sah niemand an. »Es nutzt nichts«, sagte Berger zu ihm. »Es ist verboten. Wir wissen auch keinen unter den Gefangenen.

Meinst du, wir hatten ihn sonst nicht schon geholt?«

»Ich gehe«, erwiderte Sulzbacher.

»Selbstmord!« Lebenthal griff sich in die Haare. »Und noch fur einen Antisemiten!«

Sulzbachers Kiefer arbeiteten. »Gut, fur einen Antisemiten.«

»Meschugge! Wieder einer meschugge!«

»Gut, meschugge, ich gehe.«

»Bucher, Berger, Rosen«, sagte 509 ruhig.

Bucher stand bereits mit einem Knuppel hinter Sulzbacher. Er schlug ihm auf den Kopf. Der Schlag war nicht besonders stark, aber er genugte, um Sulzbacher taumeln zu lassen. Alle zerrten ihn jetzt herunter und rollten sich uber ihn. »Gib die Bander vom Schaferhund, Ahasver«, sagte Berger.

Sie banden die Hande und Fu?e Sulzbachers und lie?en ihn los. »Wenn du schreist, mussen wir dir was in den Mund stecken«, sagte 509.

»Ihr versteht mich nicht -«

»Doch. Du bleibst so, bis dein Koller vorbei ist. Wir haben schon genug Leute so verloren -«

Sie schoben ihn in eine Ecke und kummerten sich nicht mehr um ihn. Rosen richtete sich auf. »Er ist noch durcheinander«, murmelte er, als musse er fur ihn um Entschuldigung bitten. »Ihr mu?t das verstehen. Sein Bruder damals -«

Ammers war heiser geworden. Er flusterte nur noch. »Wo bleibt er?

Wo – der Priester -«

Sie hatten allmahlich alle genug. »Ist wirklich kein Priester oder Kuster oder Me?diener in den Baracken?« fragte Bucher. »Irgendeiner, damit er Ruhe gibt.«

»Es waren vier in siebzehn. Einer ist entlassen worden; zwei sind tot; der andere ist im Bunker«, sagte Lebenthal. »Breuer verprugelt ihn jeden Morgen mit einer Kette. Er nennt das: die Messe mit ihm lesen.«

»Bitte -« flusterte Ammers weiter. »Um Christi willen – einen -«

»Ich glaube, in B ist ein Mann, der Lateinisch kann«, sagte Ahasver. »Ich habe mal davon gehort.

Kann man den nicht nehmen?«

»Wie hei?t er?«

»Ich wei? es nicht genau. Dellbruck oder Hellbruck oder so ahnlich. Der Stubenalteste wei? das sicher.« 509 stand auf. »Das ist Mahner. Wir konnen ihn fragen.«

Er ging mit Berger hinuber. »Es kann Hellwig sein«, sagte Mahner. »Das ist einer, der Sprachen spricht. Er ist etwas verruckt. Ab und zu deklamiert er. Er ist in A.«

»Das wird er sein.«

Sie gingen zu Sektion A. Mahner sprach mit dem Stubenaltesten dort, einem gro?en, dunnen Mann mit einem Birnenkopf. Der Birnenkopf zuckte schlie?lich die Achseln.

Mahner ging in das Labyrinth von Betten, Beinen, Armen und Stohnen hinein und rief den Namen aus.

Er kam nach einigen Minuten zuruck. Ein mi?trauischer Mann folgte ihm. »Dies ist er«, sagte Mahner zu 509. »La?t uns 'rausgehen. Hier kann man ja kein Wort verstehen.« 509 erklarte Hellwig die Situation. »Sprichst du Lateinisch?« fragte er.

»Ja.« Hellwigs Gesicht zuckte nervos. »Wi?t ihr, da? mir jetzt mein E?napf gestohlen wird?«

»Wieso?«

»Hier wird gestohlen. Gestern ist mir mein Loffel weggekommen, wahrend ich auf der Latrine sa?.

Ich hatte ihn unter meinem Bett versteckt. Jetzt habe ich den E?napf drinnen gelassen.«

»Dann hole ihn.«

Hellwig verschwand ohne ein Wort. »Der kommt nicht wieder«, sagte Mahner.

Sie warteten. Es wurde dunkler. Schatten krochen aus Schatten; Dunkelheit aus der Dunkelheit der Baracken. Dann kam Hellwig zuruck. Er hielt den E?napf an die Brust gepre?t.

»Ich wei? nicht, wieviel Ammers versteht«, sagte 509. »Sicher nicht mehr als ego te absolvo. Das mag er behalten haben. Wenn du ihm das sagst und noch irgend etwas, was dir einfallt-«

Hellwig knickte mit seinen langen dunnen Beinen beim Gehen ein. »Virgil?« fragte er.

»Horaz?«

»Gibt es nicht etwas Kirchliches?«

»Credo in unum deum -«

»Sehr gut.«

»Oder Credo quia absurdum -« 509 blickte auf. Er sah in zwei sonderbar rastlose Augen. »Das tun wir alle«, sagte er.

Hellwig blieb stehen. Er zeigte dabei mit dem knotigen Zeigefinger auf 509, als wollte er ihn aufspie?en. »Es ist eine Gotteslasterung, das wei?t du. Aber ich will es tun. Er braucht mich nicht.

Es gibt eine Reue und Sundenvergebung ohne Beichte.«

»Vielleicht kann er nicht bereuen, ohne da? einer dabei ist.«

»Ich tue es nur, um ihm zu helfen. Inzwischen stehlen sie meine Portion Suppe.«

»Mahner wird deine Suppe fur dich halten. Aber gib mir deinen E?napf«, sagte 509.

»Ich bewahre ihn fur dich, wahrend du drin bist.«

»Warum?«

»Er glaubt dir vielleicht eher, wenn du keinen E?napf bei dir hast.«

»Gut.«

Sie traten in die Tur. Die Baracke war auch vorn jetzt schon fast dunkel. Man horte Ammers flustern. »Hier«, sagte 509. »Wir haben einen gefunden, Ammers.«

Ammers wurde still. »Wirklich?« fragte er dann deutlich. »Ist er da?«

»Ja.«

Hellwig buckte sich. »Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit, Amen«, flusterte Ammers mit einer Stimme wie ein erstauntes Kind.

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