man nackt unter riesigen Scheinwerfern, fertig fur die Zielvorrichtungen der Flugzeuge. Wenn nur eine Wolke kame, einen Augenblick nur! Schwei? stromte ihm in Bachen den Korper entlang. Die Mauern zitterten. Eine ungeheure Erschutterung nahebei donnerte, und in das Donnern fiel langsam ein Stuck Mauer, mit einem leeren Fensterrahmen darin, nach vorn. Es sah kaum gefahrlich aus, als es uber die Haftlinge schlug. Das Stuck war etwa funf Meter breit gewesen. Nur der Haftling, uber den das leere Fensterviereck gefallen war, stand noch und starrte ohne Verstandnis um sich. Er begriff nicht, warum er plotzlich bis an den Magen im Schutt stand und noch lebte. Neben ihm schlugen Beine, die aus dem niedergesturzten Haufen ragten, einige Male auf und nieder und wurden still. Langsam lie? der Druck nach. Es war fast unmerklich im Anfang, nur die Klammer um Gehirn und Ohren lockerte sich etwas. Dann begann Bewu?tsein hindurchzufiltern wie schwaches Licht in einem Schacht. Der Larm tobte noch wie vorher; aber trotzdem wu?ten alle auf einmal: es war voruber. Die SS kroch aus ihrem Keller. Werner sah auf die Mauer vor sich. Es wurde allmahlich wieder eine gewohnliche Mauer, die von der Sonne beleuchtet war, mit einem ausgeschaufelten Kellereingang darin; nicht mehr ein greller Block Hohn, in dem ein Wirbel dunkler Hoffnung raste. Er sah auch wieder das tote Gesicht mit dem Bart vor seinen Fu?en; und er sah die Beine seiner verschutteten Kameraden. Dann horte er durch das abflauende Feuer uberraschend das Klavier noch einmal durchkommen. Er pre?te die Lippen fest zusammen. Befehle erschollen. Der gerettete Haftling, der im Fensterrahmen stand, kletterte aus dem Schutthaufen. Sein rechter Fu? war verdreht. Er zog ihn hoch und stand auf einem Bein. Er wagte nicht, sich fallen zu lassen. Einer der SS-Leute kam heran. »Los! Grabt die hier aus!« Die Gefangenen rissen Schutt und Steine beiseite. Sie arbeiteten mit Handen, Schaufeln und Picken. Es dauerte nicht lange, bis sie die Kameraden freigelegt hatten.

Es waren vier. Drei waren tot. Einer lebte noch. Sie hoben ihn heraus. Werner suchte nach Hilfe. Er sah die Frau mit der roten Bluse aus dem Toreingang kommen. Sie war nicht zum Luftschutzkeller gelaufen. Behutsam trug sie eine Blechschale mit Wasser und ein Handtuch. Ohne sich um etwas zu kummern, brachte sie das Wasser an der SS vorbei und stellte es neben den Verletzten. Die SS-Leute blickten sich unschlussig an, sagten aber nichts. Sie wusch das Gesicht frei. Der Verletzte brach blutigen Schaum. Die Frau wischte ihn weg. Einer der SS- Leute begann zu lachen. Er hatte ein unausgereiftes, zusammengeworfenes Gesicht, mit so hellen Wimpern, da? die blassen Augen nackt erschienen. Das Flakfeuer horte auf. In der Stille drohnte wieder das Klavier. Werner sah jetzt, woher es kam; aus einem Fenster im ersten Gescho? des Kolonialwarenladens. Ein blasser Mann mit einer Brille spielte dort an einem aufrechten braunen Klavier immer noch den Chor der Gefangenen. Die SS grinste. Einer tippte sich auf die Stirn. Werner wu?te nicht, ob der Mann gespielt hatte, um fur sich uber das Bombardement hinwegzukommen, oder ob er etwas anderes gewollt hatte. Er entschlo? sich, zu glauben, da? es eine Botschaft gewesen sei. Er glaubte immer das Bessere, wenn es ohne Risiko war. Es machte das Dasein einfacher. Leute kamen herangelaufen. Die SS wurde militarisch. Kommandos erschollen. Die Haftlinge formierten sich. Der Zugfuhrer befahl einem SS-Mann, bei den Toten und Verletzten zu bleiben; dann kam der Befehl, im Laufschritt die Stra?e entlangzurennen. Die letzte Bombe hatte einen Luftschutzkeller getroffen. Die Gefangenen sollten ihn ausgraben. Der Krater stank nach Sauren und Schwefel. Ein paar Baume standen mit offenen Wurzeln schrag am Rande. Das Gitter der Rasenanlagen starrte losgerissen in den Himmel. Die Bombe hatte den Keller nicht direkt getroffen; sie hatte ihn seitlich eingedruckt und verschuttet. Die Haftlinge arbeiteten uber zwei Stunden an dem Eingang. Stufe auf Stufe legten sie die Treppe frei. Sie war schiefgedruckt worden. Alle arbeiteten, so rasch sie konnten; sie arbeiteten, als seien es ihre eigenen Kameraden, die verschuttet waren. Nach einer weiteren Stunde hatten sie den Eingang frei. Sie horten Schreie und Wimmern lange vorher. Der Keller mu?te irgendwoher noch Luft bekommen. Das Schreien schwoll an, als sie die erste Offnung machten. Ein Kopf schob sich hindurch und schrie, und zwei Hande erschienen direkt unter dem Kopf und kratzten im Schutt, als wollte ein riesiger Maulwurf sich durcharbeiten. »Vorsicht!« schrie ein Vorarbeiter. »Es kann noch einsturzen.« Die Hande arbeiteten weiter. Dann wurde der Kopf von hinten zuruckgerissen, und ein anderer erschien schreiend. Auch er wurde weggerissen. Die Leute kampften drinnen in einer Panik um den Platz am Licht. »Sto?t sie zuruck! Sie werden verletzt! Das Loch mu? gro?er gemacht werden. Sto?t sie zuruck!« Sie stie?en in die Gesichter. Die Gesichter bissen nach ihren Fingern. Sie rissen mit den Picken den Zement los. Sie arbeiteten, als ob es um ihr eigenes Leben ginge. Dann war die Offnung gro? genug, da? der erste hindurchkriechen konnte. Es war ein kraftiger Mann. Lewinsky erkannte ihn sofort. Es war der Mann mit dem Schnurrbart, der im Kolonialwarengeschaft gestanden hatte. Er hatte sich an die erste Stelle gearbeitet und schob und achzte, um durchzukommen. Sein Bauch blieb stecken. Die Schreie drinnen wurden starker; er verdunkelte den Keller. Man zerrte an seinen Beinen, um ihn zuruckzurei?en. »Hilfe!« stohnte er mit einer hohen, pfeifenden Stimme. »Hilfe! Helft mir 'raus! 'raus hier! 'raus! Ich will euch -ich gebe euch -« Seine kleinen schwarzen Augen quollen aus dem runden Gesicht. Der Hitlerschnurrbart zitterte.

»Hilfe! Meine Herren! Bitte! Meine Herren!« Er wirkte wie ein eingeklammerter Seehund, der sprechen konnte.

Sie packten ihn unter die Arme und bekamen ihn endlich durch. Er fiel, sprang auf und rannte ohne ein Wort davon. Sie pre?ten ein Brett gegen den Eingang und erweiterten ihn. Dann traten sie zuruck.

Die Menschen kletterten hinaus. Frauen, Kinder, Manner – manche eilig, bla?, schwitzend, einem Grabe entkommend, andere hysterisch, schluchzend, schreiend, fluchend -, und dann langsam und schweigend die, die nicht von der Panik gepackt worden waren.

Sie rannten und kletterten an den Gefangenen vorbei.

»Meine Herren«, flusterte Goldstein. »Habt ihr das gehort? Bitte, meine Herren! Der Mann meinte uns -«

Lewinsky nickte. »Ich gebe euch -«, wiederholte er die Worte des Seehundes. »Gar nichts«, fugte er hinzu. »Abgehauen ist er wie ein Waldaffe.« Er sah Goldstein an.

»Was ist los mit dir?«

Goldstein lehnte sich an ihn. »Zu komisch!« Er konnte kaum noch atmen. »Anstatt – da? sie uns befreien -«, keuchte er,»befreien wir – sie -«

Er kicherte und kippte langsam zur Seite. Sie hielten ihn fest und lie?en ihn auf den Erdhaufen gleiten. Dann warteten sie, bis der Bunker leer war.

Sie standen da, die Gefangenen vieler Jahre, und sahen die, die fur wenige Stunden Gefangene gewesen waren, an sich voruberhasten. Lewinsky erinnerte sich, da? es schon einmal ahnlich gewesen war – als die Haftlinge auf der Stra?e dem Zug der Fluchtlinge aus der Stadt begegnet waren. Er sah das Dienstmadchen in dem blauen Kleid mit den wei?en Tupfen aus dem Eingang kriechen. Es schuttelte seine Rocke und lachelte ihm zu. Ein einbeiniger Soldat folgte. Er richtete sich auf, schob die Krucken unter die Arme und gru?te die Gefangenen, bevor er weiterhumpelte.

Als einer der letzten kam ein sehr alter Mann heraus. Sein Gesicht hatte lange Falten wie das eines Bluthundes. Er sah die Haftlinge an. »Danke«, sagte er. »Drinnen sind noch Verschuttete.«

Langsam, gebrechlich und mit Wurde ging er die schiefen Stufen hinauf. Hinter ihm kletterten die Haftlinge in den Bunker.

Sie marschierten zuruck. Sie waren kaputt. Sie trugen ihre Toten und Verwundeten.

Der Verschuttete war inzwischen gestorben. Ein herrliches Abendrot stand am Himmel. Die Luft war ganz durchleuchtet davon, und es war von einer so weiten Schonheit, da? es schien, als stunde die Zeit still und als konnte es fur eine Stunde keine Ruinen und keinen Tod geben.

»Schone Helden sind wir«, sagte Goldstein. Er hatte sich von seinem Anfall erholt.

»Schuften uns ab fur die hier -«

Werner sah ihn an. »Du darfst nicht mehr mit aufraumen gehen. Es ist verruckt. Du machst dich kaputt, auch wenn du dich noch so druckst.«

»Was soll ich sonst machen? Warten, da? die SS mich oben findet?«

»Wir mussen dir etwas anderes verschaffen.«

Goldstein lachelte muhsam. »Ich gehore wohl allmahlich ins Kleine Lager, was?«

Werner war nicht uberrascht. »Warum nicht? Es ist sicher, und wir konnten jemand von uns da gebrauchen.«

Der Kapo, der 7105 getreten hatte, kam heran. Er ging eine Weile neben ihm her, dann schob er ihm etwas in die Hand und blieb wieder zuruck. 7105 sah nach. »Zigarette«, sagte er erstaunt.

»Sie werden weich. Die Ruinen gehen ihnen auf die Nerven«, erklarte Lewinsky. »Sie denken an die Zukunft.«

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