Gefangenen.«
Dreyer uberlegte. Er bewegte vorsichtig seine Oberlippe und schielte wieder.
»Fur Sie ist das Risiko bedeutend geringer«, fuhr Berger fort. »Es kommt nur eine Verfehlung zu drei, vier anderen hinzu. Das gibt kaum einen Unterschied. Ich aber belaste mich zum ersten Male.
Ich nehme das weit gro?ere Risiko. Das ist genug Garantie, glaube ich.«
Dreyer antwortete nicht.
»Es ist noch etwas anderes zu uberlegen«, sagte Berger, wahrend er ihn weiter beobachtete. »Der Krieg ist so gut wie verloren. Die deutschen Truppen sind von Afrika und Stalingrad weit uber die Grenzen und uber den Rhein zuruckgedrangt worden. Dagegen hilft keine Propaganda und kein Gerede von geheimen Waffen mehr. In ein paar Wochen oder Monaten ist es zu Ende. Dann kommt auch hier die Abrechnung. Wofur sollen Sie da fur andere mitbu?en? Wenn bekannt wird, da? Sie uns geholfen haben, sind Sie gesichert.«
»Wer ist das: uns?«
»Wir sind viele. Uberall. Nicht nur im Kleinen Lager.«
»Und wenn ich das nun anzeige? Da? ihr existiert?«
»Was hat das mit Ringen und Goldbrillen zu tun?«
Dreyer hob den Kopf und lachelte schief. »Ihr habt wirklich alles gut uberlegt, was?«
Berger schwieg.
»Will der Mann ausrei?en, den ihr vertauschen wollt?«
»Nein. Wir wollen ihn nur vor dem da schutzen.« Berger zeigte auf die Haken in der Wand.
»Ein Politischer?«
»Ja.«
Dreyer kniff die Augen zusammen. »Und wenn eine scharfe Kontrolle kommt und man ihn findet?
Was dann?«
»Die Baracken sind uberfullt. Man wird ihn nicht finden.«
»Man kann ihn erkennen. Wenn er ein bekannter Politischer ist.«
»Er ist nicht bekannt. Und bei uns, im Kleinen Lager, sehen wir alle ahnlich aus. Da ist nicht viel zu erkennen.«
»Wei? euer Blockaltester Bescheid?«
»Ja«, log Berger. »Sonst ware es ja nicht moglich.«
»Habt ihr Verbindungen mit der Schreibstube?«
»Wir haben uberall Verbindungen.«
»Hat euer Mann seine Nummer eintatowiert?«
»Nein.«
»Und die Sachen?«
»Ich wei?, welche ich umtauschen will. Ich habe sie schon beiseite gelegt.«
Dreyer sah auf die Tur. »Dann fang an! Los! Rasch, bevor einer kommt.«
Er offnete die Tur um einen Spalt und horchte hinaus. Berger kroch zwischen den Toten herum und durchsuchte sie. Ihm war im letzten Augenblick noch etwas eingefallen. Er wollte einen doppelten Tausch machen. Dreyer konnte auf diese Weise so irregefuhrt werden, da? er den Namen von 509 nie feststellen konnte.
»Rasch! Verdammt!« fluchte Dreyer. »Wozu suchst du da noch lange?« Berger hatte Gluck mit dem dritten Toten; er war vom Kleinen Lager und hatte keine Zeichen am Korper. Er streifte ihm die Jacke ab, holte unter seiner eigenen die verborgene Jacke und Hose von 509 mit den Nummern hervor und zog sie der Leiche an. Dann warf er die Sachen des Toten auf den Haufen Kleider und zog darunter eine Jacke und Hose hervor, die er vorher beiseite gelegt hatte. Er wickelte sie um seine Huften, zerrte das Hosenband daruber zusammen und zog seine eigene Jacke wieder an. »Fertig.«
Berger keuchte. Schwarze Flecken glitten vor ihm uber die Wande. Dreyer wandte sich um. »Alles in Ordnung?« »Ja.«
»Gut. Ich habe nichts gesehen. Ich wei? von nichts. Ich war auf der Latrine. Was hier geschehen ist, hast du gemacht. Ich wei? von nichts, verstanden?« »Ja.«
Der Aufzug, in dem die nackten Leichen lagen, fuhr hoch und kam nach kurzer Zeit leer wieder zuruck.
»Ich gehe jetzt, die drei von drau?en zum Einladen holen«, sagte Dreyer. »Du bist wahrenddessen allein hier. Verstanden?« »Verstanden«, erwiderte Berger. »Und die Liste -«
»Ich bringe sie morgen. Oder ich kann sie vernichten.« »Kann ich mich darauf verlassen?«
»Unbedingt.«
Dreyer uberlegte einen Augenblick. »Du bist ja jetzt mit drin«, sagte er. »Mehr als ich.
Oder nicht?« »Viel mehr.« »Und wenn was 'rauskommt -«
»Ich rede nicht. Ich habe Gift. Ich werde nicht reden.«
»Ihr habt scheinbar wirklich alles.« Dreyers Gesicht zeigte eine Art von widerwilligem Respekt.
»Ich wu?te das nicht.«
Sonst hatte ich besser aufgepa?t, dachte er. Diese verfluchten Dreivierteltoten! Selbst denen konnte man nicht trauen. »Fang schon mit dein Aufzug an -« Er wollte gehen.
»Hier ist noch etwas«, sagte Berger.
»Was?«
Berger holte funf Mark aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Dreyer steckte sie ein.
»Wenigstens etwas fur das Risiko -«
»Nachste Woche kommen noch funf Mark -«
»Und – wofur?«
»Nichts. Einfach noch funf Mark fur dieses hier.«
»Gut.« Dreyer verzog die Lippen, horte aber gleich auf damit; der Furunkel schmerzte.
»Man ist ja schlie?lich kein Unmensch«, sagte er. »Hilft immer gern einem Kameraden.«
Er ging. Berger lehnte sich gegen die Wand. Ihm war schwindelig. Es war besser gegangen, als er erwartet hatte. Er machte sich nichts vor; er wu?te, da? Dreyer immer noch daruber nachdachte, wie er ihn erledigen konnte. Es war einstweilen abgebogen worden durch die Drohung mit der Untergrundbewegung und das Versprechen der zweiten funf Mark. Dreyer wurde darauf warten.
Man konnte sich bei Kriminellen darauf verlassen, da? sie ihren Vorteil wahrnahmen; das war eine Lehre, die die Veteranen bei Handke gelernt hatten. Das Geld war von Lewinsky und seiner Gruppe gekommen. Sie wurden weiterhelfen. Berger fuhlte nach der Jacke, die er umgebunden hatte. Sie sa? fest. Man konnte nichts sehen. Er war dunn, und seine eigene Jacke hing auch jetzt noch lose um ihn herum. Sein Mund war trocken. Die Leiche mit der falschen Nummer lag vor ihm.
Er zerrte von dem Haufen eine andere und schob sie neben den falschen Toten. Im gleichen Augenblick kam ein Neuer durch die Offnung gesaust. Die Ablader hatten wieder angefangen.
Dreyer erschien mit den drei Haftlingen. Er warf einen Blick auf Berger. »Was machst du hier?
Weshalb bist du nicht drau?en?« schnauzte er.
Es war fur das Alibi. Die drei anderen sollten sich einpragen, da? Berger allein unten gewesen war.
»Ich hatte noch einen Zahn zu ziehen«, sagte Berger.
»Quatsch! Du hast zu tun, was befohlen wird. Da kann ja alles mogliche passieren.«
Dreyer setzte sich umstandlich an den Tisch mit den Listen. »Weitermachen!« kommandierte er.
Schulte kam kurz darauf. Er hatte eine Ausgabe von Knigges »Umgang mit Menschen« in der Tasche, holte sie hervor und begann zu lesen.
Die Toten wurden weiter entkleidet. Der dritte in der Reihe war der Mann mit der falschen Jacke.
Berger hatte es so arrangiert, da? zwei der Helfer ihn auszogen. Er horte sie die Nummer 509 melden. Schulte blickte nicht auf. Er las in dem klassischen Buch uber Etikette die Regeln uber das Essen von Fisch und Krebsen nach. Er erwartete im Mai eine Einladung der Eltern seiner Verlobten und wollte gerustet sein. Dreyer schrieb gleichgultig die Personalien auf und verglich sie mit den Meldungen der Blocks. Der vierte Tote war wieder ein Politischer. Berger meldete ihn selbst. Er sagte die Nummer etwas lauter und merkte, da? Dreyer aufblickte. Er brachte die Sachen des Toten zum Tisch. Dreyer sah ihn an. Berger machte ein Zeichen mit den Augen. Dann nahm er die Zange und die Taschenlampe und beugte sich uber den Toten. Er hatte erreicht, was er wollte.