Dass sie sich allenthalben drängten mit den Scharen: Da wollten heim die Kühnen zu den Burgonden fahren. (528) Da sprach die Königstochter: “Dem blieb' ich immer hold, Der da verteilen wollte mein Silber und mein Geld Meinen Gästen und des Königs, des ich so viel gewann.” Zur Antwort gab ihr Dankwart, des kühnen Geiselher Mann: (529) “Viel edle Königstochter, lasst mich der Schlüssel pflegen: Ich will es so verteilen,” sprach der kühne Degen, “Wenn ich mir Schand erwerbe, die treffe mich allein.” Dass er milde wäre, das leuchtete da wohl ein. (530) Als sich Hagens Bruder der Schlüssel unterwand, So manche reiche Gabe bot des Helden Hand: Wer einer Mark begehrte, dem ward so viel gegeben, Dass die Armen alle da in Freuden mochten leben. (531) Wohl mit hundert Pfunden gab er ohne Wahl: Da ging in reichem Staate mancher aus dem Saal, Der nie zuvor im Leben so hehre Kleider trug. Die Königin erfuhr es: Da war es ihr leid genug. (532) Da sprach die Königstochter: “Das misst ich, König, gern. Dass nichts mir soll verbleiben vor euerm Kammerherrn Von allem meinem Staate: er verschwendet all mein Gold. Wer dem noch widerstände, dem wollt ich immer bleiben hold. (533) * Er gibt so reiche Gaben: Der Degen wähnet eben, Mich lüste nach dem Tode: Ich will noch länger leben; Meines Vaters Erbe bring ich wohl selber hin.” So milden Kammerherren gewann nie eine Königin. (534) Da sprach von Tronje Hagen: “Frau, euch sei bekannt: Der König von dem Rheine hat Gold und gut Gewand Zu geben solche Fülle, dass er nicht nötig hat, Dass wir von hinnen führen einen Teil von Brunhilds Staat.” (535) “Nein, wenn ihr mich liebet,” die Königin begann, “Zwanzig Reiseschreine fülle man mir an Mit Gold und mit Seide: das verteile meine Hand, So wir hinüber kommen in der Burgonden Land.” (536) Da lud man ihr die Kisten mit edelm Gestein. Der Frauen Kämmerlinge mussten zugegen sein: Sie wollt es nicht vertrauen Geiselhers Untertan. Gunther und Hagen darob zu lachen begann. (537) Da sprach die Jungfraue: “Wem lass ich nun mein Land?” Das soll hier erst bestimmen mein und eure Hand.” Da sprach der edle König: “So rufet wen herbei, Der euch dazu gefalle, dass er zum Vogt geordnet sei.” (538) Ihrer nächsten Vettern einen die Fraue bei sich sah, Es war ihr Mutterbruder, zu dem begann sie da: “Nun lasst euch sein befohlen meine Burgen und das Land, * Bis seine Amtleute der König Gunther gesandt.” (539) Aus dem Gesinde wählte sie zweitausend Mannen gleich, Die mit ihr fahren sollten in der Burgonden Reich, Mit jenen tausend Recken aus Nibelungenland. * Sie schickten sich zur Reise; man sah sie reiten nach dem Strand. (540) Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun, Dazu noch hundert Mägdelein, die waren schön zu schaun. Sie säumten sich nicht länger, sie wollten bald hindann: Die sie zurücke ließen, wie manche hub zu weinen an! (541) In tugendlichen Züchten räumte die Frau ihr Land, Die nächsten Freunde küssend, die sie bei sich fand. Mit gutem Urlaube kamen sie auf das Meer; Zu ihres Vaters Lande kam die Jungfrau nimmermehr. (542) Auf ihrer Fahrt ertönte vielfaches Freudenspiel; Aller Kurzweile hatten sie da viel. Auch erhob sich zu der Reise der rechte Wasserwind: Sie fuhren ab vom Lande; das beweinte mancher Mutter Kind. (543) Doch wollte sie den König nicht minnen auf der Fahrt, Ihre Kurzweil wurde bis in sein Haus gespart Zu Wormes in der Veste, zu einem Hofgelag, Wohin mit ihren Helden sie fröhlich kamen hernach. (544)