Und richtet' unter Krone an das zehnte Jahr,Bis die schöne Fraue ihm einen Sohn gebar,Durch den des Königs Sippe gar höchlich erfreuet war. (736)Man ließ ihn eilends taufen und einen Namen nehmen:Gunther, nach seinem Oheim, des durft er sich nicht schämen.Geriet er nach den Freunden, so musst ihm wohlergehn:Er ward mit Fleiß erzogen; so sollt es billig geschehn. (737)In denselben Zeiten starb Frau Siegelind:Da nahm die volle Herrschaft der edeln Ute Kind,Wie sie der reichen Frauen geziemte wohl im Land.Es ward genug beweinet, dass der Tod sie hatt entwandt. (738)Nun hatt auch dort am Rheine, wie wir hören sagen,Dem reichen König Gunther einen Sohn getragenBrunhild die schöne in Burgondenland.Dem Helden zu Liebe ward er Siegfried genannt. (739)* Mit welchen Sorgen immer man sein hüten hieß!Gunther ihn, der edle, Hofmeistern ließ,Die ihn wohl ziehen konnten zu einem biedern Mann.Hei, was ihm bald das Unglück der Verwandten abgewann! (740)Zu allen Zeiten Märe ward so viel gesagt,Wie so lobenswürdig die Degen unverzagtZu allen Stunden lebten in Siegmundens Land:So lebt' auch König Gunther mit seinen Freunden auserkannt. (741)Das Land der Niebelungen war Siegfried untertan(Keiner seiner Freunde je größer Gut gewann),Desgleichen Schilbungs Recken und beider Land und Gut:Drum stand dem kühnen Siegfried desto höher der Mut. (742)Hort den allermeisten, den je ein Held gewann,Nach den ersten Herren, besaß der kühne Mann,Den vor einem Berge seine Hand erwarb im Streit:Er schlug darum zu Tode manchen Ritter allbereit. (743)Vollauf besaß er Ehre, und hätt ers halb entbehrt,Doch müsste man gestehen dem edeln Recken wert,Dass er der Beste wäre, der je auf Rossen saß.Man fürchtete seine Stärke, mit allem Grund tat man das. (744)
12. Abenteuer
Wie Gunther Siegfrieden zu dem Hofgelage lud
Da dacht auch alle Tage König Gunthers Weib:“Wie trägt so übermütig Frau Kriemhild den Leib!Nun ist doch unser eigen Siegfried ihr Mann:Der hat uns nun schon lange wenig Dienstes getan.” (745)Das trug sie in dem Herzen in großer Heimlichkeit;Dass sie ihre fremde blieben, das schuf ihr herbes Leid.Dass man ihr so selten gedient von seinem Land,Woher das kommen möge, das hätte sie gern erkannt. (746)Sie versucht' es bei dem König, ob es möchte sein,Dass sie Kriemhilden wieder säh am Rhein.Sie vertraut' es ihm alleine, worauf ihr sann der Mut;Den König aber däuchte ihre Rede gar nicht gut. (747)Da sprach der reiche König: “Wie möchten wir sie herZu diesem Lande bringen? Das fügt sich nimmermehr.Sie wohnen uns zu ferne: Ich darf sie nicht drum bitten.”Die Fraue gab zur Antwort mit gar hochfährtgen Sitten: (748)“Und wäre noch so vornehm eines Königs Mann,Was ihm sein Herr gebietet, das muss doch sein getan.”Lächeln musste Gunther ihrer Rede da:Er nahm es nicht als Dienst an, wie oft er Siegfrieden sah. (749)Sie sprach: “Lieber Herre, bei der Liebe mein,Hilf mir, dass Siegfried und die Schwester deinZu diesem Land kommen, dass wir sie hier ersehn:So könnte mir in Wahrheit nimmer lieber geschehn. (750)