»Geht es ihm gut?«
Der Bursche sah nicht auf und Bernat schuttelte ihn erneut.
»Nein, tut es nicht!«, schrie der Junge. Bernat trat einen Schritt zuruck, um ihm in die Augen zu sehen. »Nein, tut es nicht«, wiederholte der Junge. Bernat sah ihn fragend an.
»Was ist mit ihm?«
»Ich kann nicht … Wir haben Befehl, dir nichts zu sagen …« Die Stimme des Jungen brach.
Bernat schuttelte ihn erneut heftig und erhob die Stimme, ohne sich darum zu scheren, dass er die Wache auf sich aufmerksam machen konnte.
»Was ist mit meinem Sohn? Was ist mit ihm? Antworte!«
»Ich kann nicht. Wir konnen nicht …«
»Wurde das deine Meinung andern?«, fragte er ihn und hielt ihm einen Brotlaib hin.
Der Schmiedebursche riss die Augen auf. Ohne zu antworten, riss er Bernat das Brot aus den Handen und biss hinein, als hatte er tagelang nichts gegessen. Bernat zog ihn in eine Ecke, wo sie vor Blicken sicher waren.
»Was ist mit meinem Arnau?«, fragte er noch einmal nachdrucklich.
Der Junge sah ihn mit vollem Mund an und gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. Verstohlen schlichen sie sich an den Hauswanden entlang bis zur Schmiede. Sie schlupften hinein und gingen in den hinteren Teil. Der Junge offnete die Tur zu einem kleinen Verschlag, in dem Material und Werkzeug aufbewahrt wurden, und ging hinein. Bernat folgte ihm. Kaum waren sie drinnen, hockte sich der Bursche auf den Boden und sturzte sich auf das Brot. Bernat sah sich in dem kleinen Raum um. Es war brutend hei?. Er entdeckte nichts, was ihm erklart hatte, warum der Schmiedelehrling ihn dorthin gefuhrt hatte: In diesem Raum gab es nur Werkzeuge und altes Eisen.
Er sah den Jungen fragend an. Dieser deutete in eine Ecke des Verschlags, wahrend er genusslich weiterkaute. Bernat wandte sich dorthin.
Auf einigen Holzplanken lag in einem zerfransten Weidenkorb verlassen und abgemagert sein Sohn und schien dort auf seinen Tod zu warten. Die wei?leinene Decke war schmutzig und zerlumpt. Bernat konnte den Schrei nicht unterdrucken, der sich seiner Brust entrang. Es war ein erstickter Schrei, ein unmenschliches Schluchzen. Er nahm Arnau und druckte ihn an sich. Das Kind reagierte nur sehr schwach, aber es reagierte.
»Der Herr hat befohlen, deinen Sohn hierzulassen«, horte Bernat den Schmiedeburschen sagen. »Am Anfang ist deine Frau noch ein paar Mal am Tag vorbeigekommen, um ihn zu beruhigen und ihm die Brust zu geben.«
Bernat druckte den kleinen Korper mit Tranen in den Augen an seine Brust, um ihm Leben einzuhauchen.
»Zuerst kam der Verwalter«, erzahlte der Junge weiter. »Deine Frau wehrte sich und schrie … Ich habe es gesehen, ich war in der Schmiede.« Er deutete auf einen Spalt in der Bretterwand. »Aber der Verwalter ist sehr kraftig … Als er fertig war, kam der Herr in Begleitung einiger Soldaten herein. Deine Frau lag auf dem Boden, und der Herr begann, uber sie zu lachen. Dann lachten alle. Von da an warteten jedes Mal neben der Tur die Soldaten darauf, dass deine Frau herauskam, um deinen Sohn zu stillen. Sie konnte sich nicht wehren. Seit einigen Tagen kommt sie kaum noch. Die Soldaten … sie fallen uber sie her, sobald sie Dona Caterinas Gemacher verlasst. Sie schafft es nicht mal mehr bis hierher. Manchmal sieht der Herr sie, aber er lacht nur.«
Ohne zu uberlegen, hob Bernat sein Hemd und schob den kleinen Korper seines Sohnes darunter. Dann verbarg er die Ausbuchtung hinter dem Brot, das ihm verblieben war. Der Kleine bewegte sich nicht. Der Schmiedelehrling sprang auf, als Bernat zur Tur ging.
»Der Herr hat es verboten. Du kannst nicht einfach …!«
»Lass mich vorbei, Junge!«
Der Bursche versuchte, ihm zuvorzukommen. Bernat hatte keinen Zweifel daran. Wahrend er mit einer Hand das Brot und den kleinen Arnau festhielt, ergriff er mit der anderen eine Eisenstange, die an der Wand lehnte, und drehte sich unerwartet um. Die Stange traf den Jungen am Kopf, als er gerade aus dem Verschlag schlupfen wollte. Er fiel zu Boden, ohne dass ihm die Zeit blieb, ein Wort zu sagen. Bernat sah nicht einmal hin. Er ging einfach hinaus und zog die Tur hinter sich zu.
Es war leicht, die Burg Llorenc de Belleras zu verlassen. Niemand ware auf die Idee gekommen, dass Bernat unter dem Brotlaib den geschundenen Korper seines Sohnes trug. Erst als er vor dem Burgtor stand, dachte er an Francesca und die Soldaten. In seiner Wut machte er ihr Vorwurfe, weil sie nicht versucht hatte, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, ihn vor der Gefahr zu warnen, in der sich ihr Kind befand, dass sie nicht um Arnau gekampft hatte … Bernat druckte den Korper seines Sohnes an sich und dachte an all die Zeit, die er untatig gewesen war, wahrend Arnau auf ein paar elenden Holzplanken den Tod erwartete.
Wie lange wurden sie brauchen, um den Jungen zu finden, den er niedergeschlagen hatte? Ob er tot war? Hatte er die Tur des Verschlags hinter sich geschlossen? Unzahlige Fragen schossen Bernat durch den Kopf, wahrend er zu seinem Hof zuruckging. Ja, er hatte sie geschlossen, er erinnerte sich vage daran.
Als er um die erste Kehre des Serpentinenpfades bog, der zur Burg hinauffuhrte, und diese aus der Sicht verschwand, holte Bernat seinen Sohn hervor. Seine stumpfen Augen blickten ins Leere. Er war leichter als der Brotlaib! Seine Armchen und Beinchen … Bernat schluckte schwer. Tranen traten ihm in die Augen. Er sagte sich, dass dies nicht der Moment war, um zu weinen. Er wusste, dass sie ihn verfolgen wurden, dass sie die Hunde auf ihn hetzen wurden, aber … Was nutzte es zu fliehen, wenn das Kind nicht uberlebte? Bernat verlie? den Weg und versteckte sich in einem Gebusch. Er kniete nieder, legte das Brot hin und nahm Arnau in beide Hande, um ihn vor sein Gesicht zu halten. Das Kind lag hilflos vor seinen Augen, sein Kopfchen fiel zur Seite. »Arnau!«, flusterte Bernat. Er schuttelte ihn sanft, immer und immer wieder. Seine kleinen Auglein bewegten sich, um ihn anzusehen. Mit tranenuberstromtem Gesicht stellte Bernat fest, dass das Kind nicht einmal die Kraft hatte zu weinen. Er legte sich das Bundel auf den Arm, zerkrumelte ein wenig Brot, befeuchtete es mit Speichel und hielt es dem Kleinen vor den Mund. Arnau reagierte nicht, aber Bernat versuchte es geduldig immer wieder, bis es ihm schlie?lich gelang, das Brot in den winzigen Mund zu schieben. Er wartete ab. »Iss, mein Sohn«, bat er ihn. Bernats Lippen bebten, als sich Arnaus Kehle fast unmerklich zusammenzog. Er zerkrumelte noch mehr Brot und wiederholte den Vorgang. Arnau schluckte noch siebenmal.
»Wir schaffen das«, sagte er zu ihm. »Ich verspreche es dir.«
Bernat ging auf den Weg zuruck. Alles blieb ruhig. Mit Sicherheit hatten sie den Jungen noch nicht entdeckt. Andernfalls hatte er Larm gehort. Fur einen Augenblick dachte er an Llorenc de Bellera, grausam, niedertrachtig und gnadenlos, wie er war. Welche Befriedigung wurde es ihm verschaffen, einen Estanyol zu jagen!
