Gemusebeete vor, die im Fruhjahr bestellt wurden, und beschnitt und pfropfte die Reben. Wenn er nach Hause kam, hatte sich Francesca um den Haushalt, den Gemusegarten, die Huhner und die Kaninchen gekummert. Abend fur Abend setzte sie ihm schweigend das Essen vor und ging dann schlafen. Morgens stand sie vor ihm auf, und wenn Bernat nach unten kam, standen das Fruhstuck und der Brotbeutel mit dem Mittagessen auf dem Tisch. Wahrend er fruhstuckte, horte er, wie sie das Vieh im Stall versorgte.
Weihnachten war im Handumdrehen voruber und im Januar endete die Olivenernte. Bernat besa? nicht sehr viele Olivenbaume, gerade genug, um den Bedarf des Hofes an Ol zu decken und die Abgaben an den Herrn zu zahlen.
Danach ging es fur Bernat ans Schweineschlachten. Zu Lebzeiten seines Vaters hatten sich die Nachbarn, die sonst nur selten zum Hof der Estanyols kamen, stets am Schlachttag eingefunden. Bernat hatte diese Tage als wahre Festtage in Erinnerung. Die Schweine wurden geschlachtet, und dann wurde gegessen und getrunken, wahrend die Frauen das Fleisch verarbeiteten.
Eines Morgens erschienen die Esteves: Vater, Mutter und zwei der Bruder. Bernat begru?te sie im Hof. Francesca wartete hinter ihm.
»Wie geht es dir, Tochter?«, fragte ihre Mutter.
Francesca antwortete nicht, lie? sich jedoch umarmen. Bernat beobachtete die Szene: Die Mutter schloss ihre Tochter liebevoll in die Arme, in der Hoffnung, diese werde es ihr gleichtun. Doch das tat sie nicht; sie blieb stocksteif. Bernat sah seinen Schwiegervater an.
»Francesca«, sagte Pere Esteve nur, wahrend er es nicht uber sich brachte, seiner Tochter in die Augen zu blicken.
Ihre Bruder begru?ten sie mit einer Handbewegung.
Francesca ging zum Stall, um das Schwein zu holen; die ubrigen blieben im Hof stehen. Niemand sagte etwas, nur das erstickte Schluchzen der Mutter war zu horen. Bernat war versucht, sie zu trosten, lie? es jedoch bleiben, als er sah, dass weder ihr Mann noch ihre Sohne Anstalten dazu machten.
Francesca erschien mit dem Schwein, das sich weigerte, ihr zu folgen, so als wusste es, welches Schicksal ihm bevorstand, und ubergab es ihrem Mann. Bernat und Francescas Bruder warfen das Schwein um und setzten sich darauf. Die schrillen Schreie des Tieres hallten durch das ganze Tal der Estanyols. Pere Esteve trennte ihm mit einem sicheren Schnitt die Kehle durch, und alle warteten schweigend ab, wahrend das Blut des Tieres in die Schusseln floss, die von den Frauen ausgetauscht wurden, wenn sie voll waren.
Sie tranken nicht einmal ein Glas Wein, wahrend Mutter und Tochter das mittlerweile zerteilte Schwein verarbeiteten.
Als gegen Abend die Arbeit beendet war, versuchte die Mutter erneut, ihre Tochter zu umarmen. Bernat beobachtete die Szene und wartete auf eine Reaktion seiner Frau, doch die gab es nicht. Ihr Vater und ihre Bruder verabschiedeten sich mit gesenktem Blick von ihr. Die Mutter trat zu Bernat.
»Ruf mich, wenn du meinst, dass das Kind kommt«, sagte sie zu ihm, etwas abseits von den anderen. »Ich glaube nicht, dass sie es tun wird.«
Die Esteves machten sich auf den Heimweg. Als Francesca an diesem Abend die Treppe zur Schlafkammer hinaufstieg, konnte Bernat nicht anders, als auf ihren Leib zu starren.
Ende Mai, am ersten Tag der Ernte, blickte Bernat, die Sichel uber der Schulter, auf seine Felder. Wie sollte er alleine das ganze Getreide einbringen? Vor zwei Wochen hatte er Francesca jegliche Anstrengung verboten, nachdem sie zweimal ohnmachtig geworden war. Bernat blickte erneut uber die riesigen Felder, die ihn erwarteten. Die Frauen auf dem Land bekamen ihre Kinder wahrend der Arbeit, aber nachdem Francesca zum zweiten Mal zusammengebrochen war, hatte er nicht umhingekonnt, sich Sorgen zu machen. Und wenn das Kind nicht seines war?
Bernat packte die Sichel und begann mit Kraft, das Korn zu schneiden. Die Ahren flogen nur so durch die Luft. Die Mittagssonne stand hoch am Himmel. Bernat hielt nicht einmal inne, um zu essen. Das Feld war schier endlos. Er hatte immer gemeinsam mit seinem Vater das Korn geschnitten, selbst als dieser bereits krank gewesen war. Die Getreideernte schien ihm neue Kraft zu verleihen. »Auf geht's, mein Sohn!«, hatte er ihn ermuntert. »Warten wir nicht, bis uns ein Unwetter oder ein Hagelschauer die Ernte vernichten.« Und dann hatten sie gesichelt. Wenn einer von beiden mude war, hatte er Unterstutzung beim anderen gesucht. Sie hatten im Schatten gegessen und guten Wein getrunken, den gereiften seines Vaters, und geplaudert und gelacht … Nun horte er seine Sichel durch die Luft zischen und die Ahren schneiden, sonst nichts, nur die Sichel, und die Frage, wer der Vater seines zukunftigen Kindes war, ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.
In den folgenden Tagen war Bernat bis Sonnenuntergang bei der Ernte. Einmal arbeitete er sogar im Mondschein. Wenn er zum Gehoft zuruckkehrte, stand das Abendessen auf dem Tisch. Er wusch sich am Becken und a? lustlos. Bis sich eines Abends plotzlich die Wiege bewegte, die er wahrend des Winters getischlert hatte, als Francescas Schwangerschaft nicht mehr zu ubersehen gewesen war. Bernat bemerkte es aus den Augenwinkeln, loffelte aber weiter seine Suppe. Ein Loffel, zwei, drei. Die Wiege bewegte sich erneut. Bernat starrte hinuber, der vierte Loffel mit Suppe war in der Luft versteinert. Er sah sich im Raum um, ob etwas auf die Anwesenheit seiner Schwiegermutter hindeutete, aber nein. Francesca hatte das Kind alleine zur Welt gebracht … und sich dann schlafen gelegt.
Er legte den Loffel hin und erhob sich. Doch bevor er die Wiege erreichte, blieb er stehen, drehte sich um und setzte sich wieder. Starker als je zuvor uberkamen ihn Zweifel bezuglich dieses Kindes.
»Alle Estanyols haben ein Muttermal neben dem rechten Auge«, hatte sein Vater zu ihm gesagt. Er selbst hatte es, und auch sein Vater hatte es gehabt. »Dein Gro?vater hatte es auch«, hatte dieser beteuert, »und der Vater deines Gro?vaters …«
Bernat war erschopft. Er hatte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ohne auszuruhen gearbeitet. Seit Tagen tat er das nun schon. Erneut sah er zu der Wiege hinuber.
Er stand wieder auf und trat zu dem Kind. Es schlief friedlich, die Faustchen geoffnet, unter einer Decke, die aus den Fetzen eines wei?leinenen Hemdes genaht war. Bernat drehte das Kind zu sich um, um sein Gesicht zu sehen.
3
Francesca sah das Kind nicht an. Sie gab dem Kleinen, den sie Arnau genannt hatten, erst die eine Brust, dann die andere, aber sie sah ihn nicht an. Bernat hatte viele Bauerinnen ihre Kinder saugen sehen, und alle, von der reichsten bis zur armsten, hatten sie gelachelt, die Augen gesenkt oder ihre Kinder gestreichelt, wahrend sie ihnen die Brust gaben. Nicht so Francesca. Sie wusch das Kind und versorgte es, doch in den zwei Monaten seines Lebens hatte Bernat nicht einmal gehort, dass sie mit ihm geschakert hatte. Sie spielte nicht mit ihm, fasste es nicht an den Handchen, noch kusste oder kitzelte sie es. ›Was kann der Kleine dafur?‹, dachte Bernat, wenn er Arnau auf dem Arm hielt. Dann ging er mit
