»Ich muss … wir mussen es tun«, flehte Bernat und packte sie am Handgelenk, um sie zu sich umzudrehen.
»Fass mich nicht an!«, schrie Francesca ihn an und erwachte aus ihrer Lethargie.
»Er wird mir die Haut in Fetzen herunterrei?en!« Bernat drehte seine Frau mit Gewalt zu sich herum und walzte sich auf ihren nackten Korper.
»Lass mich los!«
Sie rangen miteinander, bis es Bernat gelang, sie an beiden Handgelenken zu fassen und zu sich hochzuziehen. Trotzdem wehrte sich Francesca weiter.
»Es wird ein anderer kommen«, flusterte er ihr zu. »Es wird sich ein anderer finden, der … der dir Gewalt antut!« Die Augen des Madchens kehrten in die Realitat zuruck und sahen ihn anklagend an. »Er wird mir die Haut in Fetzen vom Korper ziehen …«
Francesca horte nicht auf, sich zu strauben, aber Bernat warf sich ungestum auf sie. Die Tranen des Madchens reichten nicht aus, um das Verlangen zu bezahmen, das bei der Beruhrung ihres nackten Korpers in Bernat aufgekeimt war, und er drang in sie ein, wahrend Francesca die ganze Welt zusammenschrie.
Das Geschrei war ganz nach dem Geschmack des Soldaten, der Bernat gefolgt war und nun ohne jede Scham die Szene in der Bodenluke lehnend verfolgte.
Bernat war noch nicht fertig, als Francesca ihren Widerstand aufgab. Allmahlich verwandelte sich ihr Geschrei in Schluchzen. Begleitet vom Weinen seiner Frau, kam Bernat zum Hohepunkt.
Llorenc de Bellera hatte die verzweifelten Schreie gehort, die aus dem Fenster im zweiten Stock drangen, und als sein Spitzel ihm meldete, dass die Ehe vollzogen worden sei, lie? er die Pferde holen und ritt mit seinem unheilvollen Gefolge davon. Die meisten Gaste folgten seinem Beispiel und machten sich niedergedruckt auf den Heimweg.
Es wurde still auf dem Hof. Bernat lag auf seiner Frau und wusste nicht, was er tun sollte. Erst jetzt bemerkte er, dass er sie fest an den Schultern gepackt hatte. Er lie? sie los, um sich neben ihrem Kopf auf der Matratze abzustutzen, doch sein Korper sank wie leblos auf ihren. Er versuchte, sich aufzurichten, und da begegnete er Francescas Blick, die durch ihn hindurchsah. In dieser Haltung musste er bei jeder Bewegung erneut den Korper seiner Frau beruhren. Bernat wollte dieser Situation entkommen, wusste aber nicht, wie er das anstellen sollte, ohne dem Madchen wehzutun. Er wunschte sich, schweben zu konnen, um von Francesca wegzukommen, ohne sie beruhren zu mussen.
Nach einigen endlosen Momenten der Unentschlossenheit ruckte er ungeschickt von dem Madchen ab und kniete neben ihr nieder. Er wusste immer noch nicht, was er tun sollte: aufstehen, sich zu ihr legen, das Zimmer verlassen oder sich rechtfertigen … Er wandte den Blick von Francescas Korper ab, die immer noch unbewegt dalag, ihre Blo?e vulgar zur Schau gestellt. Er versuchte, ihr Gesicht zu erkennen, das weniger als zwei Handbreit von seinem entfernt war, aber es gelang ihm nicht. Er blickte nach unten und beim Anblick seines nackten Gliedes uberkam ihn plotzlich Scham.
»Es tut mir …«
Eine unerwartete Bewegung von Francesca uberraschte ihn. Das Madchen hatte ihm das Gesicht zugewandt. Bernat versuchte, Verstandnis in ihrem Blick zu erkennen, doch dieser war vollig leer.
»Es tut mir leid«, begann er noch einmal. Francesca sah ihn immer noch an, ohne die geringste Regung zu zeigen. »Es tut mir leid. Es tut mir leid. Er … er hatte mir die Haut vom Leib gerissen«, stotterte er.
Bernat dachte an den Herrn von Navarcles, wie er mit ausgestreckter Hand vor ihm gestanden und auf die Peitsche gewartet hatte. Er forschte erneut in Francescas Blick: Leere. Bernat versuchte, eine Antwort in den Augen des Madchens zu finden, und erschrak: Ihr Blick war ein stummer Schrei, eine Fortsetzung des Schreis, den er zuvor von ihr gehort hatte.
Unbewusst streckte Bernat die Hand aus und naherte sie Francescas Wange, so als wollte er ihr begreiflich machen, dass er sie verstand.
»Ich …«, versuchte er es erneut.
Er beruhrte sie nicht. Als sich seine Hand naherte, verkrampften sich samtliche Muskeln des Madchens. Bernat schlug die Hande vors Gesicht und weinte.
Francesca blieb reglos und mit abwesendem Blick liegen.
Schlie?lich horte Bernat auf zu weinen, stand auf, zog die Hose hoch und verschwand durch die Bodenluke, die ins Untergeschoss fuhrte. Als seine Schritte verklungen waren, stand auch Francesca auf und ging zu der Truhe, die das gesamte Mobiliar der Schlafkammer darstellte, um sich ihre eigenen Kleider herauszuholen. Als sie sich angezogen hatte, suchte sie langsam ihre verstreut herumliegenden Habseligkeiten zusammen, darunter das kostbare wei?leinene Hemd. Sie faltete es sorgfaltig zusammen, wobei sie darauf achtete, dass die Fetzen genau aufeinander zu liegen kamen, und legte es in die Truhe.
2
Francesca schlich durchs Haus wie eine gequalte Seele. Sie erfullte ihre hausfraulichen Pflichten, doch sie tat es schweigend, wahrend eine Traurigkeit von ihr ausging, die schon bald jeden Winkel des Hauses der Estanyols erfasste.
Bernat hatte oft versucht, sich fur das zu entschuldigen, was geschehen war. Je weiter der Schrecken ihres Hochzeitstages in die Ferne ruckte, desto ausfuhrlicher wurden Bernats Erklarungen: die Angst vor der Grausamkeit des Herrn, die Folgen sowohl fur ihn als auch fur sie, wenn er den Gehorsam verweigert hatte. Und »Es tut mir leid« – Tausende Male hatte Bernat diese Worte zu Francesca gesagt, die ihn ansah und ihm stumm zuhorte, so als wartete sie auf den Moment, in dem Bernats Ausfuhrungen unweigerlich auf denselben entscheidenden Punkt kamen: »Es ware ein anderer gekommen, hatte ich es nicht getan …« An diesem Punkt verstummte Bernat jedes Mal. Jede Entschuldigung versagte, und erneut stand die Vergewaltigung zwischen ihnen wie eine unuberwindliche Hurde. Die Entschuldigungen und das Schweigen, das er zur Antwort bekam, legten sich uber die Wunde, die Bernat schlie?en wollte, und das schlechte Gewissen ging in den alltaglichen Pflichten verloren, bis Bernat schlie?lich vor Francescas Gleichgultigkeit resignierte.
Jeden Morgen, wenn er bei Tagesanbruch aufstand, um sein hartes Tagewerk als Bauer zu verrichten, sah Bernat aus dem Schlafzimmerfenster. Das hatte er schon mit seinem Vater getan, selbst in dessen letzten Zeiten. Gemeinsam hatten sie sich auf die machtige steinerne Brustung gelehnt und den Himmel betrachtet, um zu sehen, was fur ein Tag sie erwartete. Sie hatten uber ihr fruchtbares, von regelma?igen Ackerfurchen durchzogenes Land geblickt, das sich in das weite Tal zu Fu?en des Gehofts erstreckte, sie hatten den Vogeln zugehort und
