aufmerksam auf die Gerausche der Tiere im Stall gelauscht. Es waren Momente stillen Einverstandnisses zwischen Vater und Sohn und ihrem Land gewesen, die wenigen Minuten, in denen sein Vater wieder zu Sinnen zu kommen schien. Bernat hatte davon getraumt, diese Momente mit seiner Frau zu teilen, anstatt sie alleine zu erleben, wahrend er sie im Untergeschoss wirtschaften horte, und ihr all das erzahlen zu konnen, was er selbst aus dem Mund seines Vaters gehort hatte, wie dieser vorher von seinem, und so weiter uber Generationen hinweg.

Er hatte davon getraumt, ihr erzahlen zu konnen, dass dieses reiche Land einmal freieigener Besitz der Estanyols gewesen war und seine Vorfahren es mit Freude und Sorgfalt bestellt und seine Fruchte geerntet hatten, ohne Abgaben oder Steuern zahlen zu mussen oder uberheblichen, ungerechten Herren verpflichtet zu sein. Er hatte davon getraumt, mit ihr, seiner Frau, der zukunftigen Mutter der Erben dieses Landes, dieselbe Trauer teilen zu konnen, die er mit seinem Vater geteilt hatte, als dieser ihm von den Grunden berichtet hatte, deretwegen die Kinder, die sie ihm einmal schenken wurde, nun, dreihundert Jahre spater, eines anderen Knechte sein wurden. Er hatte ihr gerne voller Stolz erzahlt, dass vor dreihundert Jahren die Estanyols und viele andere als freie Manner ihre Waffen in ihren Hausern aufbewahrt hatten, um unter dem Befehl des Grafen Ramon Borrell und seines Bruders Ermengol d'Urgell das alte Katalonien vor den Einfallen der Sarazenen zu verteidigen. Er hatte ihr gerne erzahlt, wie mehrere Estanyols unter dem Befehl des Grafen Ramon in dem siegreichen Heer gekampft hatten, welches in Albesa, unweit von Balaguer in der Ebene von Urgell, die Sarazenen des Kalifats von Cordoba besiegte. Sein Vater hatte ihm voller Begeisterung davon erzahlt, wenn sie die Zeit dazu gehabt hatten, doch die Begeisterung war Wehmut gewichen, als er vom Tod des Grafen Ramon Borrell im Jahre 1017 berichtete. Ihm zufolge hatte dieser Todesfall sie zu Leibeigenen gemacht. Der funfzehnjahrige Sohn des Grafen Ramon Borrell war diesem auf den Thron gefolgt. Seine Mutter, Ermessenda von Carcassonne, hatte die Regierungsgeschafte ubernommen, und die Barone von Katalonien, die Seite an Seite mit den Bauern gekampft hatten, nutzten nun, da die Grenzen des Prinzipats gesichert waren, das Machtvakuum. Sie bedrangten die Bauern, jene zu ermorden, die nicht nachgaben, und sich dann ihres Landes zu bemachtigen. Den fruheren Besitzern erlaubten sie, den Boden weiterhin zu bestellen, wenn sie dem Grundherrn einen Teil ihrer Ernte ablieferten. Die Estanyols hatten nachgegeben, aber viele Familien auf dem Lande waren grausam dahingemetzelt worden.

»Als freie Manner, die wir waren«, hatte sein Vater ihm erzahlt, »haben wir Seite an Seite mit den Rittern gegen die Mauren gekampft – als Fu?volk naturlich –, aber gegen die Ritter hatten wir keine Chance. Als die nachsten Grafen von Barcelona die Zugel in Katalonien wieder an sich rei?en wollten, sahen sie sich einem reichen und machtigen Adel gegenuber, mit dem sie zu paktieren gezwungen waren, und das immer auf unsere Kosten. Zuerst war es unser Land, das alte Katalonien, dann unsere Freiheit, unser Leben … und schlie?lich unsere Ehre. Deine Gro?eltern waren es, die unsere Freiheit verloren«, hatte er mit zitternder Stimme erzahlt, den Blick unverwandt auf die Felder gerichtet. »Man untersagte ihnen, ihr Land zu verlassen. Man machte sie zu Leibeigenen, die an ihren Grund und Boden gefesselt waren, wie spater ihre Kinder – ich – und ihre Enkelkinder – du. Unser Leben … dein Leben liegt in den Handen des Grundherrn, dem es obliegt, Recht zu sprechen, und der das Recht hat, uns zu misshandeln und unsere Ehre zu verletzen. Wir konnen uns nicht einmal wehren! Wenn dir jemand Unrecht tut, musst du zu deinem Grundherrn gehen, damit dieser Entschadigung fordert, und wenn er sie bekommt, behalt er die Halfte fur sich.«

Dann zahlte er ihm immer wieder die zahlreichen Rechte des Herrn auf, Rechte, die sich Bernat ins Gedachtnis eingegraben hatten, weil er es nie gewagt hatte, den aufgebrachten Monolog seines Vaters zu unterbrechen. Der Herr konnte von einem Leibeigenen jederzeit einen Teil seines Besitzes einbehalten, wenn dieser ohne Testament starb, wenn er kinderlos blieb oder seine Frau Ehebruch beging, wenn der Hof abbrannte oder er diesen belieh, wenn er die Leibeigene eines anderen Grundherrn heiratete und naturlich, wenn er ihn verlassen wollte. Der Grundherr konnte in der ersten Nacht mit der Braut schlafen, er konnte die Frauen dazu verpflichten, seine Kinder zu stillen, und ihre Tochter, als Magde auf der Burg zu dienen. Ein Leibeigener war verpflichtet, ohne Entgelt das Land des Grundherrn zu bestellen und zur Verteidigung der Burg zu kampfen. Er musste einen Teil der Ertrage seiner Felder abliefern und seinen Herrn oder seine Gesandten in seinem Haus aufnehmen und sie wahrend ihres Aufenthaltes bewirten. Er musste fur die Nutzung des Waldes oder des Weidelandes ebenso zahlen wie fur die Benutzung der herrschaftlichen Schmiede, des Backhauses oder der Muhle, und er musste zu Weihnachten und anderen Feiertagen Geschenke abliefern.

Und was war mit der Kirche? Als er seinem Vater diese Frage gestellt hatte, war dessen Stimme noch wutender geworden.

»Monche, Ordensleute, Priester, Diakone, Erzdiakone, Kanoniker, Abte, Bischofe … sie alle sind um keinen Deut besser als die Feudalherren, die uns unterdrucken! Sie haben uns sogar untersagt, den Habit zu nehmen, damit wir unser Land nicht verlassen konnen und unsere Knechtschaft ewig wahrt!«

»Bernat«, hatte er ihm bei diesen Gelegenheiten geraten, wenn die Kirche zur Zielscheibe seines Zorns wurde, »vertraue nie denen, die behaupten, Gott zu dienen. Sie werden dir gute Worte geben, die so hochgestochen sind, dass du sie nicht verstehst. Sie werden dich mit Argumenten zu uberzeugen versuchen, denen nur sie folgen konnen, bis sie sich deines Verstandes bemachtigt haben. Sie werden dir gegenuber als gutige Menschen auftreten, die behaupten, uns vor dem Bosen und der Versuchung erretten zu wollen, doch in Wirklichkeit steht ihre Meinung uber uns fest, und all diese Soldaten Christi, wie sie sich nennen, werden keinen Deut von dem abweichen, was in ihren Buchern steht.«

»Vater«, hatte Bernat ihn daraufhin gefragt, »was steht in ihren Buchern uber uns Bauern?«

Sein Vater hatte uber die Felder geblickt, bis dorthin, wo sie in den Himmel ubergingen.

»Sie sagen, wir seien wie die Tiere, unfahig zu begreifen, was Hoflichkeit bedeutet. Sie sagen, wir seien schandlich, niedertrachtig und verabscheuungswurdig, schamlos und unwissend. Sie sagen, wir seien grausam und starrsinnig, wir hatten keine Ehre verdient, weil wir sie nicht zu schatzen wussten, und verstunden nur die Sprache der Gewalt. Sie sagen …«

»Ist es denn so, Vater?«

»Das wollen sie aus uns machen, mein Sohn.«

»Aber Ihr betet jeden Tag, und als Mutter starb …«

»Zur Jungfrau bete ich, mein Sohn, zur Jungfrau. Unsere Jungfrau Maria hat nichts mit den Monchen und Priestern zu schaffen. An sie konnen wir weiterhin glauben.«

Bernat Estanyol hatte sich gerne morgens auf die Fensterbrustung gelehnt und mit seiner jungen Frau gesprochen, ihr erzahlt, was ihm sein Vater erzahlt hatte, und mit ihr gemeinsam uber die Felder geschaut.

Im Oktober spannte Bernat die Ochsen an und lockerte mit dem Pflug die Felder auf, damit Sonne, Luft und Dunger der Erde wieder Kraft gaben. Dann sate er mit Francescas Hilfe das Getreide aus. Sie warf aus einem Korb die Saatkorner aus, wahrend er zunachst mit dem Ochsengespann die Erde umpflugte und sie nach der Aussaat mithilfe einer schweren Eisenplatte wieder festdruckte. Sie arbeiteten schweigend, ein Schweigen, das nur von den Rufen unterbrochen wurde, mit denen Bernat die Ochsen antrieb und die im ganzen Tal widerhallten. Bernat glaubte, durch die gemeinsame Arbeit wurden sie sich ein wenig naherkommen, aber Francesca blieb gleichgultig. Sie nahm ihren Korb und warf die Saat aus, ohne ihn auch nur anzusehen.

Der November kam, und Bernat widmete sich den Arbeiten, die in dieser Zeit des Jahres zu tun waren. Er mastete die Schweine, machte Feuerholz fur das Gehoft und Hacksel fur die Felder, bereitete die Acker und

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату