ihm weg, um fernab von Francescas Kalte mit ihm zu sprechen und ihn zu streicheln.

Denn es war sein Kind. ›Alle Estanyols haben es‹, sagte sich Bernat, wenn er das Muttermal kusste, das Arnau neben der rechten Augenbraue hatte. »Wir alle haben es«, sagte er dann noch einmal laut, wahrend er den Jungen zum Himmel hob.

Dieses Muttermal war bald mehr als nur eine Beruhigung fur Bernat. Wenn Francesca zur Burg ging, um Brot zu backen, hoben die Frauen die Decke hoch, unter der Arnau lag, um ihn zu betrachten. Francesca lie? sie gewahren, und dann lachelten sie sich vor den Augen des Backers und der Soldaten zu. Und als Bernat ging, um das Land seines Herrn zu bestellen, klopften ihm die Bauern auf die Schultern und gratulierten ihm, diesmal vor den Augen des Verwalters, der ihre Arbeit uberwachte.

Llorenc de Bellera hatte viele Bastarde, doch noch nie waren irgendwelche Forderungen erfolgreich gewesen. Sein Wort galt mehr als das einer ungebildeten Bauerin, doch unter seinesgleichen wurde er nicht mude, mit seiner Mannlichkeit zu prahlen. Es war offensichtlich, dass Arnau Estanyol nicht sein Sohn war, und der Herr von Navarcles begann ein spottisches Grinsen bei den Bauerinnen zu bemerken, die zur Burg kamen. Von seinen Gemachern aus sah er, wie sie untereinander und sogar mit seinen Soldaten tuschelten, wenn sie Estanyols Frau begegneten. Das Gerucht machte nicht nur unter den Bauern die Runde und Llorenc de Bellera wurde zum Gespott von seinesgleichen.

»Iss nur tuchtig, Bellera«, ermunterte ihn grinsend ein Baron, der zu Besuch auf der Burg weilte, »mir ist zu Ohren gekommen, dass du Krafte brauchst.«

Alle Anwesenden, die am Tisch des Herrn von Navarcles sa?en, quittierten die Bemerkung mit schallendem Gelachter.

»Auf meinem Grund und Boden«, erklarte ein anderer, »lasse ich nicht zu, dass ein Bauernweib meine Mannlichkeit infrage stellt.«

»Lasst du etwa Muttermale verbieten?«, gab der Erste, schon unter dem Einfluss des Weins, zuruck und erntete erneutes Gelachter, das Llorenc de Bellera mit einem gezwungenen Lacheln beantwortete.

Es geschah Anfang August. Arnau schlief in seiner Wiege im Schatten eines Feigenbaums auf dem Vorplatz des Gehofts. Seine Mutter arbeitete im Garten bei den Stallen, und sein Vater, der stets ein Auge auf die holzerne Wiege hatte, trieb die Ochsen immer wieder uber das Getreide, das er im Hof ausgebreitet hatte, um die wertvollen Korner aus den Ahren zu dreschen, die sie wahrend des Jahres ernahren sollten.

Sie horten sie nicht kommen. Drei Reiter preschten im Galopp auf den Hof: Es waren der Verwalter Llorenc de Belleras sowie zwei weitere Manner. Sie waren bewaffnet und sa?en auf beeindruckenden Schlachtrossern, die speziell fur den Krieg gezuchtet worden waren. Bernat bemerkte, dass die Pferde nicht gepanzert waren wie bei den Ausritten seines Herrn. Wahrscheinlich hatten sie es nicht fur notig erachtet, sie zu wappnen, um einen einfachen Bauern einzuschuchtern. Der Verwalter hielt sich ein wenig abseits, aber die anderen beiden gaben ihren Tieren die Sporen. Die Pferde, die fur den Kampf abgerichtet waren, zogerten nicht und gingen auf Bernat los. Bernat stolperte ruckwarts und fiel schlie?lich hin, genau neben die Hufe der unruhigen Tiere. Erst jetzt zugelten die Reiter ihre Pferde.

»Dein Herr«, rief der Verwalter, »Llorenc de Bellera, verlangt nach den Diensten deiner Frau als Amme fur Don Jaume, den Sohn deiner Herrin Dona Caterina.«

Bernat versuchte aufzustehen, doch einer der Reiter gab seinem Pferd erneut die Sporen.

Der Verwalter wandte sich an Francesca: »Nimm dein Kind und komm mit!«

Francesca nahm Arnau aus der Wiege und ging mit gesenktem Kopf hinter dem Pferd des Verwalters her. Bernat schrie auf und versuchte aufzustehen, doch bevor es ihm gelang, ging ihn einer der Reiter erneut mit seinem Pferd an und warf ihn um. Er versuchte es erneut, immer wieder, jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: Die beiden Reiter trieben unter Gelachter ihr Spiel mit ihm, indem sie ihm nachsetzten und ihn umwarfen. Schlie?lich blieb er keuchend und kraftlos auf dem Boden liegen, genau vor den Vorderlaufen der Tiere, die unruhig auf ihren Trensen kauten. Als der Verwalter in der Ferne verschwunden war, machten die Reiter kehrt und gaben ihren Pferden die Sporen.

Es war wieder still auf dem Hof. Bernat blickte der Staubwolke hinterher, die die Reiter hinterlie?en, und sah dann hinuber zu den Ochsen, die sich an den Ahren gutlich taten, uber die sie wieder und wieder getrottet waren.

Von jenem Tag an versorgte Bernat mechanisch das Vieh und die Felder, wahrend er in Gedanken bei seinem Sohn war. Nachts wanderte er durchs Haus. Er vermisste das Kindergebrabbel, das Leben und Zukunft verhie?, das Knarren der Wiege, wenn Arnau sich bewegte, das durchdringende Weinen, wenn er Hunger hatte. Er versuchte in jedem Winkel, an den Wanden, uberall den unschuldigen Duft seines Jungen zu erhaschen. Wo er jetzt wohl schlief? Da stand sein Bettchen, das er mit seinen eigenen Handen getischlert hatte. Wenn er schlie?lich Schlaf fand, weckte ihn die Stille wieder auf. Dann kauerte sich Bernat auf der Matratze zusammen und lie? die Stunden verstreichen. Die Gerausche des Viehs im Erdgeschoss waren seine einzige Gesellschaft.

Bernat ging regelma?ig zur Burg des Llorenc de Bellera, um Brot zu backen, und dachte dabei an Francesca, die dort eingeschlossen war und Dona Caterina und dem launischen Appetit ihres Sohnes zu Diensten sein musste. Die Burg – so hatte ihm sein Vater einmal erzahlt, als sie dort zu tun hatten – war am Anfang nicht mehr als ein Wachturm auf der Anhohe eines kleinen Vorgebirges gewesen. Jetzt gruppierten sich um den Burgturm herum ohne jegliche Ordnung das Backhaus, die Schmiede, einige neue, gro?ere Pferdestallungen, Kornspeicher, Kuchen und Gesindehauser.

Die Burg war uber eine Meile vom Hof der Estanyols entfernt. Die ersten Male hatte er nichts uber seinen Jungen in Erfahrung bringen konnen. Wen auch immer er fragte, die Antwort war stets die gleiche: Seine Frau und sein Sohn befanden sich in Dona Caterinas Privatgemachern. Der einzige Unterschied bestand darin, dass einige, wenn sie ihm antworteten, hohnisch lachten, wahrend andere den Kopf senkten, so als wollten sie dem Vater des Kindes nicht in die Augen schauen. Bernat nahm die Ausfluchte uber einen ewig scheinenden Monat lang hin, bis er eines Tages, als er mit zwei Laiben Brot aus dem Backhaus kam, einem schmutzigen Schmiedeburschen begegnete, den er manchmal uber seinen Kleinen ausgefragt hatte.

»Was wei?t du uber meinen Arnau?«, fragte er ihn.

Weit und breit war niemand zu sehen. Der Junge versuchte, ihm auszuweichen, als ob er ihn nicht gehort hatte, doch Bernat hielt ihn am Arm fest.

»Ich habe dich gefragt, was du uber meinen Arnau wei?t.«

»Deine Frau und dein Sohn …«, begann der Junge mit gesenktem Blick.

»Ich wei?, wo sie sind«, fiel ihm Bernat ins Wort. »Meine Frage ist, ob es Arnau gut geht.«

Der Junge bohrte seine Zehen in den Sand, den Blick immer noch gesenkt. Bernat schuttelte ihn.

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