Obergeschoss angebaut. Etwas entfernt befanden sich mehrere Gebaude fur das Gesinde und die wenigen Soldaten, aus denen die Besatzung der Burg bestand.
Der Hauptmann der Wache, ein zerlumpter, schmutziger Mann von untersetzter Statur, hie? Elionor und ihr Gefolge willkommen. Gemeinsam betraten sie den gro?en Saal.
»Zeig mir die Gemacher des Vogtes«, herrschte Elionor ihn an.
Der Hauptmann wies auf eine steinerne Treppe mit einer schlichten, gleichfalls steinernen Balustrade. Die Baronin ging nach oben, gefolgt von dem Soldaten, dem Majordomus, dem Schreiber und den Magden. Arnau wurdigte sie keines Blickes.
Die drei Estanyols blieben im Saal zuruck, wahrend die Sklaven Elionors Gepack hereinbrachten.
»Vielleicht solltest du …«, begann Joan.
»Misch dich nicht ein, Joan«, fuhr Arnau ihm uber den Mund.
Sie verbrachten eine ganze Weile damit, den Saal zu inspizieren: die hohen Decken, den gewaltigen Kamin, die Sessel, die Kandelaber und den Tisch fur ein Dutzend Personen. Kurz darauf erschien Elionors Majordomus auf der Treppe. Er kam jedoch nicht ganz nach unten, sondern blieb drei Stufen uber ihnen stehen.
»Die Frau Baronin«, verkundete er, ohne sich an jemand Bestimmtes zu wenden, »lasst ausrichten, dass sie heute Abend sehr erschopft ist und nicht gestort werden mochte.«
Der Majordomus wollte sich eben umdrehen, als Arnau ihm Einhalt gebot.
»He!«, rief er. Der Majordomus fuhr herum. »Richte deiner Herrin aus, dass sie unbesorgt sein kann. Niemand wird sie storen. Niemals …«, setzte er leise hinzu.
Mar riss uberrascht die Augen auf und schlug die Hande vor den Mund. Der Majordomus wollte sich erneut umdrehen, doch Arnau hielt ihn ein weiteres Mal zuruck.
»He!«, rief er. »Wo befinden sich unsere Gemacher?« Der Mann zuckte mit den Schultern. »Wo ist der Hauptmann?«
»Er kummert sich um die Herrin.«
»Dann geh hinauf zu ihr und schick den Hauptmann nach unten. Und beeil dich, sonst schneide ich dir die Eier ab, und dann zwitscherst du bei der nachsten Burgubergabe wie ein Vogelchen.«
Der Majordomus zogerte, wahrend er die Balustrade umklammerte. War das derselbe Arnau, der den ganzen Tag geduldig auf einem Karren gesessen hatte? Arnau kniff die Augen zusammen. Dann ging er zur Treppe und zog seinen Dolch aus
Als Arnau sich umdrehte, sah er Mar lachen. Bruder Joan hingegen blickte missmutig drein. Doch auch einige von Elionors Sklaven waren Zeugen der Szene geworden und tauschten belustigte Blicke aus.
»Und ihr ladet den Wagen ab und bringt die Sachen auf unsere Zimmer«, befahl er ihnen.
Sie lebten nun bereits seit uber einem Monat auf der Burg. Arnau hatte versucht, Ordnung in seine neuen Besitzungen zu bringen, doch jedes Mal, wenn er sich in die Bucher der Baronie vertiefte, klappte er sie schlie?lich mit einem Seufzer zu. Zerrissene Seiten, ausradierte und uberschriebene Zahlen, widerspruchliche, wenn nicht gar falsche Daten. Sie waren nicht zu durchschauen, au?erdem vollig unlesbar.
Nach einer Woche Aufenthalt in Montbui begann Arnau mit dem Gedanken zu spielen, nach Barcelona zuruckzukehren und die Liegenschaften einem Verwalter zu uberlassen, doch dann entschied er sich, sie ein wenig besser kennenzulernen. Doch dazu suchte er nicht etwa die Adligen auf, die ihm Gefolgschaft schuldeten, ihn bei ihren Besuchen auf der Burg jedoch vollig ignorierten und stattdessen ihr Knie vor Elionor beugten. Sein Augenmerk galt dem gemeinen Volk, den Bauern, den Untergebenen seiner Untergebenen.
Begleitet von Mar, streifte er neugierig durch die Felder. Was wohl von dem stimmen mochte, was man in Barcelona so horte? Die Entscheidungen der Handler in der gro?en Stadt, zu denen auch er gehorte, beruhten oft auf Nachrichten vom Horensagen. Arnau wusste, dass die Pestepidemie von 1348 das Land entvolkert hatte und dass erst im vergangenen Jahr, 1358, eine Heuschreckenplage die Ernten vernichtet und damit die Lage noch verschlimmert hatte. Dies begann sich allmahlich im Handel bemerkbar zu machen und die Kaufleute veranderten ihre Strategien.
»Mein Gott!«, murmelte er hinter dem ersten Bauern her, als dieser ins Haus lief, um dem neuen Baron seine Familie vorzustellen.
Genau wie Arnau konnte Mar nicht den Blick von der heruntergekommenen Hutte wenden, die genauso schabig und schmutzig war wie der Mann, der sie begru?t hatte und der nun in Begleitung einer Frau und zweier kleiner Kinder wieder aus dem Haus kam.
Die vier stellten sich in einer Reihe vor ihnen auf und versuchten eine ungeschickte Verbeugung. Angst stand in ihren Augen. Ihre Kleidung war zerschlissen und die Kinder konnten sich kaum auf den Beinen halten. Ihre Beine waren spindeldurr.
»Das ist deine ganze Familie?«, fragte Arnau.
Der Bauer wollte eben nicken, als aus dem Haus ein schwaches Wimmern zu vernehmen war. Arnau runzelte die Stirn und der Mann schuttelte langsam den Kopf. Die Angst in seinen Augen wurde zu Traurigkeit.
»Meine Frau hat keine Milch, Herr.«
Arnau betrachtete die Frau. Wie sollte dieser Korper Milch haben? Sie war bis auf die Knochen abgemagert!
»Und es gibt niemanden hier, der …?«
Der Bauer kam seiner Frage zuvor.
»Es geht allen gleich, Herr. Die Kinder sterben.«
Arnau sah, wie Mar die Hand vor den Mund schlug.
»Zeig mir deinen Hof. Den Kornspeicher, die Stalle, dein Haus, die Felder.«
