»… einem unter ihnen Stehenden die Ehre zu erweisen«, half ihm Arnau. »Du wei?t doch, dass mir das nie etwas ausgemacht hat.«

»Sie erweisen dir nicht ihre Hochachtung und unterwerfen sich dir nicht als Vasallen, doch das Gesetz verpflichtet sie, dir ihre Dienste zur Verfugung zu stellen und anzuerkennen, dass sie ihren Grundbesitz und ihre Titel aus deiner Hand empfangen.«

»Wir erkennen sie an«, erklarte der Vogt.

Arnau achtete nicht auf den Adligen. Er sah ihn nicht einmal an. Er dachte nach. Das war die Losung fur das Elend der Bauern. Joan beugte sich immer noch zu ihm heruber. Elionor zahlte nicht mehr. Ihr Blick war weit weg, bei ihren verlorenen Traumen.

»Das hei?t also«, fragte Arnau Joan, »dass ich das Sagen habe und sie mir gehorchen mussen, auch wenn sie mich nicht als ihren Baron anerkennen?«

»Ja. Sie wahren nur ihr Gesicht.«

»Gut«, sagte Arnau. Dann erhob er sich feierlich und winkte den Schreiber heran. »Siehst du die Lucke zwischen den Adligen und dem Volk?«, fragte er ihn, als dieser neben ihm stand. »Ich will, dass du dich dort hinstellst und das, was ich sage, so laut wiederholst, wie du kannst, Wort fur Wort. Ich will, dass alle erfahren, was ich zu sagen habe!«

Wahrend der Schreiber zu der Lucke hinter den Adligen ging, warf Arnau dem Vogt, der eine Antwort auf seine Einwilligung zur Anerkennung der Rechte erwartete, ein spottisches Lacheln zu.

»Ich, Arnau, Baron von Granollers, Sant Vicenc und Caldes de Montbui …«

Arnau wartete, dass der Schreiber seine Worte wiederholte: »Ich, Arnau, Baron von Granollers, Sant Vicenc und Caldes de Montbui …«

»… erklare hiermit alle Gewohnheitsrechte gegenuber unfreien Bauern fur aufgehoben …«

»… erklare hiermit alle …«

»Das kannst du nicht machen!«, schrie einer der Adligen dazwischen.

Angesichts der Emporung der Adligen sah Arnau, Bestatigung suchend, zu Joan.

»Doch, das kann ich«, antwortete er knapp, als Joan nickte.

»Wir werden uns an den Konig wenden!«, schrie ein anderer.

Arnau zuckte mit den Schultern. Joan trat zu ihm.

»Hast du bedacht, was mit diesen armen Leuten geschieht, wenn du ihnen Hoffnung machst und dich der Konig dann in die Schranken weist?«

»Joan«, entgegnete Arnau mit einer Selbstsicherheit, die ihm bislang gefehlt hatte, »mag sein, dass ich nichts von Ehre, Adel und Rittertum verstehe, aber ich wei?, wie viele Darlehen an den Konig in meinen Buchern vermerkt sind. Und nach meiner Heirat mit seinem Mundel sind sie in Anbetracht des Feldzugs nach Mallorca noch betrachtlich gestiegen«, setzte er lachelnd hinzu. »Davon verstehe ich sehr wohl etwas. Ich versichere dir, dass der Konig mein Wort nicht infrage stellen wird.«

Arnau sah den Schreiber an, damit dieser fortfahre: »… erklare hiermit alle Gewohnheitsrechte gegenuber den unfreien Bauern fur aufgehoben …«, rief der Schreiber.

»Ich erklare das Recht des Herrn fur abgeschafft, Anspruch auf einen Teil des Erbes seiner Untertanen zu erheben.« Arnau sprach klar und deutlich, damit der Schreiber seine Worte wiederholen konnte. Das Volk horte schweigend zu, unglaubig und hoffnungsvoll zugleich. »Des Weiteren erklare ich fur abgeschafft das Recht, einen Teil oder den gesamten Besitz eines Ehebrechers fur sich zu beanspruchen. Das Recht, das dem Herrn einen Teil des Besitzes jener Bauern zuspricht, die kinderlos sterben. Das Recht, die Bauern nach Gutdunken korperlich zu zuchtigen und sich in ihre Angelegenheiten einzumischen.« Es war so still, dass sogar der Schreiber verstummte, als er merkte, dass die versammelte Menge ohne Probleme verstehen konnte, was ihr Herr zu sagen hatte. Francesca hielt sich an Aledis' Arm fest. »Abgeschafft wird die Verpflichtung des Bauern, seinen Herrn fur einen Brand auf seinem Land zu entschadigen. Abgeschafft wird das Recht des Herrn, die erste Nacht mit der Braut zu verbringen.«

Arnau konnte es nicht sehen, doch inmitten der Menge, die freudig zu murmeln begann, als klar wurde, dass er seine Worte ernst meinte, lie? eine alte Frau – seine Mutter – Aledis' Arm los und schlug die Hande vors Gesicht. Aledis begriff sofort. Tranen traten ihr in die Augen und sie umarmte ihre Herrin. Unterdessen waren die Adligen und Ritter vor dem Podest, von dem herunter Arnau ihre Untertanen freisprach, aufgesprungen und beratschlagten, wie das Problem dem Konig am besten zu unterbreiten sei.

»Ich erklare alle Rechte fur abgeschafft, nach denen die Bauern bislang zu Diensten verpflichtet wurden, die uber die rechtma?ige Zahlung des Pachtzinses fur ihr Land hinausgehen. Ich erklare euch fur frei, euer eigenes Brot zu backen, eure eigenen Tiere zu beschlagen und eure Werkzeuge in euren eigenen Schmieden instand zu setzen. Den Frauen und Muttern steht es frei, sich zu weigern, den Kindern der Herrschaften kostenlos als Amme zu dienen.« Die Alte, in ihre Erinnerungen versunken, konnte gar nicht mehr aufhoren zu weinen. »So wie es euch freisteht, nicht langer kostenlos in den Hausern eurer Herrschaften zu dienen. Ich befreie euch von der Verpflichtung, eure Herrschaften zu Weihnachten zu beschenken und unentgeltlich Frondienste zu leisten.«

Arnau schwieg einen Moment und betrachtete die Menge hinter den besorgten Adligen, die auf einen ganz bestimmten Satz wartete. Etwas fehlte noch. Die Leute wussten das und warteten ungeduldig, als Arnau plotzlich verstummte. Etwas fehlte noch.

»Ich erklare euch fur frei!«, rief er schlie?lich.

Der Vogt schrie auf und ballte die Faust in Arnaus Richtung. Auch die Adligen um ihn herum gestikulierten und schrien.

»Wir sind frei!«, schluchzte die Alte im Jubel der Menge.

»Mit dem heutigen Tag, an dem sich einige Adlige geweigert haben, der Ziehtochter des Konigs ihre Hochachtung zu erweisen, sind die Bauern, die das Land der Barone von Granollers, Sant Vicenc und Caldes de Montbui bestellen, jenen im neuen Katalonien gleichgestellt, in den Baronien Entenca, Conca del Barbera, in Tarragona, in der Grafschaft Prades, Segarra oder Garriga, in der Markgrafschaft Aytona, in Tortosa oder Urgell … den Bauern in allen neunzehn Marken dieses Katalonien, das mit dem Einsatz und dem Blut eurer Vater erobert

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