wurde. Ihr seid frei! Ihr seid Bauern, doch niemals wieder werdet ihr auf diesem Land Leibeigene sein, genauso wenig wie eure Kinder und Kindeskinder!«

»Und eure Mutter«, flusterte Francesca leise, bevor sie erneut in Tranen ausbrach und sich an Aledis klammerte, die eine Gansehaut hatte.

Arnau musste das Podest verlassen, um zu verhindern, dass sich das jubelnde Volk auf ihn sturzte. Joan stutzte Elionor, die sich nicht alleine auf den Beinen halten konnte. Hinter ihnen versuchte Mar, ihre aufgewuhlten Gefuhle in den Griff zu bekommen.

Als sich Arnau und seine Begleiter in die Burg zuruckzogen, begann sich die Ebene zu leeren. Nachdem die Adligen ubereingekommen waren, wie sie die Angelegenheit dem Konig unterbreiten sollten, preschten auch sie im gestreckten Galopp davon, ohne Rucksicht auf die Menschen zu nehmen, die sich auf den Stra?en drangten und die in den Graben springen mussten, um nicht von einem wutentbrannten Reiter uber den Haufen geritten zu werden. Die Bauern kehrten langsam zu ihren Hofen zuruck, mit einem Lacheln auf ihren Gesichtern.

Nur zwei Frauen blieben auf dem Platz zuruck.

»Weshalb hast du mich belogen?«, fragte Aledis.

Die alte Frau sah sie an.

»Weil du ihn nicht verdient hattest … und weil er nicht mit dir leben sollte. Du warst nicht dazu bestimmt, seine Frau zu sein.« Francesca zogerte nicht. Sie sagte es kalt, so kalt, wie es ihre raue Stimme zulie?.

»Findest du wirklich, dass ich ihn nicht verdient habe?«, fragte Aledis.

Francesca wischte sich die Tranen ab und wurde wieder zu der Frau, die seit Jahren energisch und unerschutterlich ihr Geschaft betrieb.

»Hast du nicht gesehen, was aus ihm geworden ist? Hast du nicht gehort, was er gerade gesagt hat? Glaubst du, sein Leben ware mit dir genauso verlaufen?«

»Die Sache mit meinem Mann und dem Duell …«

»… war eine Luge.«

»Dass ich gesucht wurde …«

»Auch.« Aledis runzelte die Stirn und sah Francesca an. »Du hast mich ebenfalls belogen, erinnerst du dich?«, warf ihr die Alte vor.

»Ich hatte meine Grunde.«

»Und ich die meinen.«

»Du wolltest mich fur dein Geschaft kodern … Jetzt verstehe ich.«

»Das war nicht der einzige Grund, aber ich gebe es zu, ja. Hast du einen Grund zur Klage? Wie viele unbedarfte Madchen hast du seither belogen?«

»Das ware nicht notig gewesen, wenn du nicht …«

»Ich erinnere dich daran, dass es deine freie Entscheidung war. Andere unter uns hatten keine Wahl.«

Aledis zogerte. »Es war sehr hart, Francesca. Mich nach Figueras durchzuschlagen, mich zu erniedrigen, zu unterwerfen … Und wozu das alles?«

»Du lebst gut, besser als viele der Adligen, die heute hier waren. Es fehlt dir an nichts.«

»Doch. Meine Ehre.«

Francesca richtete sich so weit auf, wie es ihr gebeugter Korper erlaubte.

»Wei?t du, Aledis, ich verstehe nichts von Ehrbarkeit und Ehre. Du hast mir deine verkauft. Mir wurde meine geraubt, als ich ein Madchen war. Niemand hat mir die Wahl gelassen. Heute habe ich die Tranen geweint, die ich mir mein Leben lang versagt habe, und damit ist es genug. Wir sind, was wir sind, und weder dir noch mir nutzt es, daran zu denken, wie wir dazu wurden. Uberlass es den anderen, sich um der Ehre willen zu schlagen. Du hast sie heute gesehen. Wer von denen, die mit uns hier standen, ist in der Lage, von Ehre zu sprechen?«

»Vielleicht jetzt, da sie nicht langer unfrei sind …«

»Mach dir nichts vor. Sie werden auch weiterhin arme Schlucker bleiben, fur die es nicht zum Leben und nicht zum Sterben reicht. Wir haben hart gekampft, um das zu erreichen, was wir haben. Denk nicht an die Ehre. Sie ist nicht furs Volk gemacht.«

Aledis sah sich um und betrachtete die Leute. Man hatte sie aus der Leibeigenschaft befreit, ja, aber es waren immer noch dieselben Manner und Frauen ohne Hoffnung, dieselben hungernden Kinder, barfu?ig und halbnackt. Sie nickte und umarmte Francesca.

41

»Du willst mich doch nicht hier zurucklassen!«

Elionor sturzte wie eine Furie die Treppe hinunter. Arnau sa? in dem gro?en Saal am Tisch und unterzeichnete die Dokumente, mit denen er die Leibeigenschaft auf seinem Land abschaffte. »Sobald sie unterschreibt, reise ich ab«, hatte er zu Joan gesagt. Der Monch und Mar standen hinter Arnau und beobachteten die Szene.

Arnau horte auf zu schreiben und sah Elionor an. Es war wohl das erste Mal seit ihrer Hochzeit, dass sie miteinander sprachen. Arnau stand nicht auf.

»Was liegt dir daran, ob ich bleibe?«

»Wie kannst du wollen, dass ich an einem Ort bleibe, wo man mich derart gedemutigt hat?«

»Dann lass es mich anders ausdrucken: Was konnte dir daran liegen, mit mir zu kommen?«

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату