»Wir konnen nicht noch mehr zahlen, Herr!« Die Frau war auf die Knie gefallen und kroch auf Mar und Arnau zu. Arnau packte sie an den Armen. Bei der Beruhrung zuckte die Frau zusammen. Die Kinder begannen zu weinen.

»Schlagt sie nicht, Herr, ich flehe Euch an«, warf ihr Mann ein und trat naher. »Es ist wahr, wir konnen nicht mehr zahlen. Schlagt mich stattdessen.«

Arnau lie? die Frau los und trat einige Schritte zuruck, bis er neben Mar stand, die das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen verfolgte.

»Ich werde sie nicht schlagen«, sagte er dann, an den Bauern gewandt. »Und auch dich nicht. Niemanden aus deiner Familie. Ich werde nicht mehr Geld verlangen. Ich will nur deinen Hof sehen. Sag deiner Frau, sie soll aufstehen.«

Zuerst war es Angst gewesen, dann Traurigkeit, nun war es Verwunderung. Uberrascht starrten sie Arnau aus ihren eingefallenen Augen an. Spielen wir hier Gott?, dachte Arnau. Was hatte man dieser Familie angetan, dass sie so reagierte? Sie lie?en eines ihrer Kinder sterben und dachten immer noch, jemand konne kommen, um mehr Geld von ihnen zu verlangen.

Der Kornspeicher war leer, der Stall auch. Die Felder lagen brach, die Arbeitsgerate waren abgenutzt, und das Haus … Wenn das Kind nicht Hungers starb, dann an irgendeiner Krankheit. Arnau wagte es nicht, es anzufassen. Es sah aus, als wurde es bei der kleinsten Beruhrung zerbrechen.

Arnau loste die Borse vom Gurtel und nahm ein paar Munzen heraus. Er wollte sie dem Mann geben, doch dann besann er sich und nahm noch mehr Munzen heraus.

»Ich will, dass dieses Kind lebt«, sagte er, wahrend er das Geld auf ein Mobelstuck legte, das irgendwann einmal ein Tisch gewesen sein musste. »Ich will, dass du, deine Frau und deine beiden anderen Kinder zu essen habt. Dieses Geld ist fur euch, verstanden? Niemand hat ein Recht darauf. Sollte es Probleme geben, dann kommt zu mir auf die Burg.«

Niemand ruhrte sich. Die Bauersfamilie starrte die Munzen an. Sie konnten sich nicht einmal von dem Anblick losrei?en, um sich von Arnau zu verabschieden, als dieser das Haus verlie?.

Bedruckt und schweigend kehrte Arnau auf die Burg zuruck. Auch Mar sagte nichts.

»Es geht allen gleich, Joan«, sagte Arnau irgendwann, als die beiden unweit der Burg durch die kuhle Abendluft spazierten. »Einige hatten Gluck und konnten in verlassenen Hofen unterkommen, deren Bewohner gestorben oder auch nur gefluchtet sind – was bleibt ihnen anderes ubrig? Dieses Land nutzen sie nun als Forst- und Weideland und sichern so ihr Uberleben, falls die Felder keinen Ertrag abwerfen. Aber die anderen … die anderen befinden sich in einer verzweifelten Lage. Die Felder bringen keinen Ertrag und sie verhungern.«

»Das ist noch nicht alles«, setzte Joan hinzu. »Ich habe gehort, dass die Adligen, deine Lehnsmanner, die ubrig gebliebenen Bauern dazu verpflichten, samtliche Feudalanspruche zu erfullen, die in guten Zeiten nicht in Kraft waren. Die wenigen, die geblieben sind, werden ausgeblutet, um keine Einbu?en zu haben gegenuber fruher, als es noch viele waren und die Dinge gut liefen.«

Arnau schlief seit Tagen schlecht und schreckte immer wieder hoch, weil er im Traum ausgezehrte Gesichter vor sich sah. Doch in dieser Nacht fand er erst gar keinen Schlaf. Er hatte seine Besitzungen besucht und war gro?zugig gewesen. Wie konnte er so etwas zulassen? All diese Familien waren von ihm abhangig – zuallererst von ihren Herrschaften, doch diese waren ihrerseits Arnaus Lehnsmanner. Wenn er als ihr Herr die Zahlung ihrer Pachtzinsen und Abgaben von ihnen verlangte, wurden die Adligen die neuen Belastungen, die der Vogt nur au?erst nachlassig eingetrieben hatte, an diese unglucklichen Menschen weitergeben.

Sie waren Sklaven. Sklaven des Landes. Sklaven seines Landes. Arnau walzte sich im Bett herum. Seine Sklaven! Ein Heer hungernder Manner, Frauen und Kinder, auf die niemand etwas gab, au?er um sie bis auf den Tod auszupressen. Arnau dachte an die Adligen, die Elionor ihre Aufwartung gemacht hatten, gesund, kraftig, vornehm gekleidet … Wie konnten sie leben, ohne zu bemerken, wie ihre Untertanen litten? Was konnte er tun?

Wahrend Arnau jeden Tag niedergeschlagener war, sah Elionors Befinden ganz anders aus.

»Sie hat zu Maria Himmelfahrt Adlige, Bauern und Dorfler herbestellt«, erklarte Joan seinem Bruder. Der Dominikanermonch war der Einzige, der in irgendeiner Weise Kontakt zur Baronin hatte.

»Warum das?«

»Damit sie euch ihre Aufwartung machen«, erlauterte er. Arnau bat ihn fortzufahren. »Nach dem Gesetz …« Joan hob entschuldigend die Arme. Du hast mich darum gebeten, schien er sagen zu wollen. »Nach dem Gesetz kann ein Adliger jederzeit von seinen Untertanen eine Erneuerung ihres Treueschwurs verlangen. Da Elionor diesen noch nicht entgegengenommen hat, ist es nur verstandlich, dass sie dies nun andern will.«

»Soll das hei?en, dass sie kommen werden?«

»Adlige und Ritter sind nicht verpflichtet, einem offentlichen Aufruf Folge zu leisten, solange sie ihrem Herrn im Verlaufe eines Jahres, eines Monats und eines Tages ihre Aufwartung machen. Aber Elionor hat mit ihnen gesprochen, und so wie es aussieht, werden sie kommen. Immerhin ist sie ein Mundel des Konigs. Niemand will es sich mit der Ziehtochter des Konigs verscherzen.«

»Und mit dem Ehemann der Ziehtochter des Konigs?«

Joan antwortete nicht. Doch da war etwas in seinen Augen … Er kannte diesen Blick.

»Hast du mir etwas zu sagen, Joan?«

Der Monch schuttelte den Kopf.

Elionor lie? auf einer Wiese zu Fu?en der Burg ein Podest errichten. Sie traumte von Maria Himmelfahrt. Wie oft hatte sie gesehen, wie Adlige und ganze Dorfer ihrem Vormund, dem Konig, den Treueid geleistet hatten. Nun wurde man ihr den Treueid schworen, wie einer Konigin, die uber ihr Land herrschte. Was tat es da zur Sache, dass Arnau an ihrer Seite war? Alle wussten, dass der Treueid ihr galt, der Ziehtochter des Konigs.

So gro? war ihre Vorfreude, dass sie sich kurz vor dem gro?en Tag sogar dazu herablie?, Arnau zuzulacheln, zwar nur von fern und sehr fluchtig, aber sie lachelte.

Arnau zogerte, und seine Lippen verzogen sich zu einer schiefen Grimasse.

»Warum nur habe ich ihm zugelachelt?«, dachte Elionor. Sie ballte die Fauste. »Wie dumm von mir, mich vor einem gewohnlichen Geldwechsler, einem entlaufenen Bauern zu demutigen!« Sie lebten nun seit anderthalb Monaten in Montbui und Arnau hatte sich ihr nicht genahert. War er denn kein Mann? Wenn niemand hinschaute, betrachtete sie Arnaus starken, kraftigen Korper, und wenn sie nachts alleine in ihrem Bett lag, traumte sie davon,

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