»Ich glaube, Arnau hat mehr Augen fur Mar als fur mich.«
»Ihr wisst doch, dass Arnau das Madchen vergottert.«
»Ich meine nicht diese Art von Liebe, Bruder Joan«, sagte sie und senkte die Stimme. Joan richtete sich in seinem Sessel auf. »Ich wei?, dass es Euch schwerfallen wird, mir zu glauben, doch ich bin uberzeugt, dass dieses Madchen, wie Ihr sie zu nennen beliebt, meinem Mann nachstellt. Es ist, als hatte man den Teufel im eigenen Haus, Bruder Joan!« Elionor legte ein Beben in ihre Stimme. »Meine Waffen sind die einer verheirateten Frau, die dem Auftrag der Kirche nachkommen will. Doch immer wenn ich es versuche, stelle ich fest, dass mein Mann von einer Wollust gefangen ist, die ihn daran hindert, mich zu beachten. Ich wei? nicht mehr, was ich tun soll!«
Deshalb also wollte Mar nicht heiraten! Konnte das wirklich stimmen? Joan erinnerte sich: Die beiden waren immer zusammen. Und wie sie sich in die Arme fielen! Und diese Blicke, und das Lacheln. Wie dumm er gewesen war! Der Maure wusste davon, keine Frage. Deshalb verteidigte er sie.
»Ich wei? nicht, was ich Euch sagen soll«, entschuldigte er sich.
»Ich habe einen Plan. Doch dabei benotige ich Eure Hilfe und vor allen Dingen Euren Rat.«
43
Joan horte sich Elionors Plan an und es lief ihm kalt den Rucken hinunter.
»Ich muss daruber nachdenken«, antwortete er.
An diesem Abend lie? sich Joan beim Essen entschuldigen und schloss sich in seinem Zimmer ein, um Arnau und Mar aus dem Weg zu gehen und Elionors fragendem Blick zu entkommen. Bruder Joan betrachtete seine theologischen Bucher, die sorgfaltig in einem Bucherschrank aufgereiht standen. In ihnen musste die Antwort auf seine Probleme zu finden sein. All die Jahre, die er getrennt von seinem Bruder verbracht hatte, hatte Joan nie aufgehort, an ihn zu denken. Er liebte Arnau. Er und sein Vater waren alles gewesen, was er in seiner Kindheit gehabt hatte. Doch diese Liebe war kein ungetrubtes Gefuhl. In ihr schwang auch eine Bewunderung mit, die in schlechten Momenten an Neid grenzte. Arnau mit seinem offenen Lacheln und seiner aufgeweckten Art, ein Junge, der behauptete, mit der Jungfrau zu sprechen. Bruder Joan verzog das Gesicht bei der Erinnerung daran, wie er mit allen Mitteln versucht hatte, diese Stimme zu horen. Mittlerweile wusste er, dass es nahezu unmoglich war und nur wenige Auserwahlte mit dieser Gnade gesegnet waren. Er hatte gelernt und sich diszipliniert in der Hoffnung, einer von ihnen zu sein. Er hatte gefastet, bis es ihn beinahe die Gesundheit gekostet hatte, doch es war alles vergeblich gewesen.
Bruder Joan vertiefte sich in die Schriften Bischof Hinkmars von Reims, Leos des Gro?en und Gratians, in die Paulusbriefe und vieles andere mehr.
Nur durch die korperliche Verbindung zwischen den Ehepartnern, die
Nur wenn die Ehe auch im Fleische vollzogen werde, habe sie Gultigkeit vor der Kirche, erklarte Leo der Gro?e.
Auch Gratian, lange vor seiner Zeit Lehrer an der Universitat Bologna, vertrat dieselbe Doktrin, namlich dass das Eheversprechen vor dem Altar untrennbar mit der korperlichen Vereinigung von Mann und Frau verbunden sei, der Verschmelzung zu
Bis spat in die Nacht hinein studierte Bruder Joan die Lehren und Schriften der gro?en Kirchenlehrer. Wonach suchte er? Er schlug eine weitere Abhandlung auf. Wie lange noch wollte er sich der Wahrheit verschlie?en? Elionor hatte recht: Ohne fleischliche Vereinigung gab es keine Ehe. »Weshalb hast du nicht mit ihr geschlafen? Du lebst in Sunde. Die Kirche erkennt deine Ehe nicht an.« Im Kerzenlicht las er noch einmal Gratian. Ganz langsam glitt sein Finger uber die Zeilen, auf der Suche nach etwas, von dem er genau wusste, dass es nicht existierte. »Die Ziehtochter des Konigs! Der Konig hat dir sein Mundel anvertraut, und du hast nicht mit ihr geschlafen! Was wurde der Konig sagen, wenn er davon erfuhre? Nicht einmal dein ganzes Geld konnte … Es ist ein Affront gegen die Krone. Er hat dir Elionor zur Frau gegeben. Er selbst hat sie zum Altar gefuhrt, und du verschmahst, was er dir gewahrte. Und der Bischof? Was wurde der Bischof sagen?« Er vertiefte sich wieder in den Gratian. Und das alles wegen einem hochmutigen jungen Ding, das sich weigerte, seiner weiblichen Bestimmung nachzukommen.
Joan suchte stundenlang in den Buchern, doch seine Gedanken waren bei Elionors Plan und den moglichen Alternativen. Vielleicht sollte er es ihm direkt sagen. Dann stellte er sich vor, wie er Arnau gegenubersa? – oder vielleicht besser stand … Ja, besser, sie standen beide. »Du solltest mit Elionor die Ehe vollziehen. Du lebst in Sunde«, wurde er zu ihm sagen. Und wenn er ungehalten wurde? Er war Baron von Katalonien und Seekonsul der Stadt Barcelona. Wer war er, dass er ihm Vorschriften zu machen hatte? Er vertiefte sich wieder in die Bucher. Warum nur hatte Arnau das Madchen bei sich aufgenommen? Sie war der Grund fur all seine Probleme. Wenn Elionor recht hatte, sollte Mar Arnau zur Besinnung bringen, nicht er. Sie trug die alleinige Schuld an der Situation, niemand anders als sie. Sie hatte alle Heiratskandidaten abgewiesen, um Arnau weiterhin mit ihren Reizen zu betoren. Welcher Mann konnte da widerstehen? Sie war der Teufel! Der Teufel in Frauengestalt, die Versuchung, die Sunde. Weshalb sollte er die Zuneigung seines Bruders aufs Spiel setzen, wenn sie der Teufel war? Sie war der Teufel. Sie trug die Schuld. Nur Christus vermochte der Versuchung zu widerstehen. Arnau war nicht Gott, er war ein Mann. Weshalb sollten die Manner um des Teufels willen leiden?
Joan vertiefte sich erneut in die Bucher, bis er fand, was er suchte:
»Siehe, diese schlechte Neigung ist in uns angelegt, die menschliche Natur neigt von Grund auf und ihrer ursprunglichen Verderbtheit wegen zu dieser Sunde, und drangte der Herr in seiner Gute diese naturliche Neigung nicht zuruck, wurde die ganze Welt schandlich dieser Verfehlung anheimfallen. So lesen wir von einem jungen, reinen Knaben, welcher bei frommen Einsiedlern in der Wuste aufgezogen wurde und keinen Kontakt zu Frauen gehabt hatte, der in die Stadt geschickt wurde, in der sein Vater und seine Mutter lebten. Und als er den Ort betrat, an dem sein Vater und seine Mutter lebten, fragte er jene, die ihn zu all diesen neuen Dingen gebracht hatten, was diese Dinge seien. Und da er schone, aufgeputzte Frauen sah, fragte er sie, was das fur Dinge seien, und die frommen Einsiedler antworteten ihm, es seien Teufel, welche die Sinne betorten. Im Hause der Eltern angekommen, fragten die frommen Einsiedler, welche den Knaben hergebracht hatten: ›Welches von all den schonen und neuen Dingen, die du noch nie zuvor gesehen hast, hat dir am besten gefallen?‹ Und der Knabe antwortete: ›Von allen Dingen, die ich sah, gefielen mir diese Teufel am besten, welche die Sinne betoren.‹ Da antworteten sie: ›Oh, du Kleingeist! Hast du nicht so oft schon gehort und gelesen, wie bose die Teufel sind, wie viel Boses sie tun und dass sie in der Holle hausen? Und doch konnten sie dir so gefallen, als du sie zum ersten Mal sahst?‹ Darauf entgegnete dieser: ›Alles Bose, was sie wirken, ware mir gleich, und gleich ware es mir, in der Holle zu schmoren, wenn ich nur in Begleitung von Teufeln wie diesen ware. Und nun wei? ich, dass die Teufel in
