der Holle nicht so schlimm sind, wie immer behauptet wird, und dass es mir gut erginge in der Holle, wenn es dort solche Teufel gibt.‹«

Als es Tag wurde, schlug Fra Joan seine Bucher zu. Er wurde sich keine Blo?e geben. Er wollte kein frommer Einsiedler sein, der den Knaben tadelte, welcher den Teufel vorzog. Er wurde seinen Bruder nicht klein im Geiste nennen. So stand es in seinen Buchern, die Arnau ihm gekauft hatte. Seine Entscheidung konnte nicht anders ausfallen. Er kniete vor dem Kruzifix in seinem Zimmer nieder und betete.

An diesem Abend glaubte er vor dem Einschlafen einen seltsamen Geruch wahrzunehmen, einen Geruch nach Tod, der seine Schlafkammer erfullte, bis es ihm beinahe die Luft nahm.

Am Markustag ernannten der vollzahlig zusammengetretene Rat der Hundert und die Zunftmeister von Barcelona Arnau Estanyol, Baron von Granollers, Sant Vicenc und Caldes de Montbui, zum Seekonsul von Barcelona. Wie es das Llibre de Consolat de Mar vorsah, zogen Arnau und der zweite Konsul, die Mitglieder des Rats der Hundert und die Vornehmen der Stadt unter dem Beifall des Volkes zur Borse, dem Sitz des Seekonsulats. Diese befand sich in einem neu errichteten Gebaude in unmittelbarer Ufernahe, nur wenige Schritte von der Kirche Santa Maria und Arnaus Wechselstube entfernt.

Die Missatges, die Soldaten des Seekonsulats, standen Spalier. Das Gefolge betrat das Gebaude und die Ratsherren von Barcelona ubergaben den neu gewahlten Konsuln das Gebaude. Gleich nachdem die Ratsherren gegangen waren, begann Arnau mit der Wahrnehmung seiner neuen Aufgaben. Ein Handler forderte Entschadigung fur eine Schiffsladung Pfeffer, die ein junger Hafenschiffer beim Entladen ins Wasser hatte fallen lassen. Der Pfeffer wurde in den Gerichtssaal gebracht, und Arnau uberzeugte sich personlich davon, dass er verdorben war.

Er horte den Handler und den Hafenschiffer an sowie die Zeugen, die beide mitgebracht hatten. Der Hafenschiffer war ihm personlich bekannt. Es war noch nicht lange her, dass er ein Darlehen in seiner Wechselstube aufgenommen hatte. Er hatte erst kurzlich geheiratet und Arnau hatte ihm gratuliert und ihm alles Gute gewunscht.

»Es ergeht folgendes Urteil«, sagte er, und seine Stimme zitterte. »Der Hafenschiffer muss den Wert des Pfeffers ersetzen. So verlangt es …« Arnau sah in dem Buch nach, das ihm der Schreiber hinhielt. »So verlangt es Kapitel 72 des Seehandelsrechts.« Der junge Mann hatte in der Kirche Santa Maria geheiratet, wie es sich fur einen Mann der See gehorte. Ob seine Frau schwanger war? Arnau erinnerte sich an das Leuchten in den Augen der jungen Frau, als er ihnen gratuliert hatte. Er rausperte sich.

»Hast du …« Er rausperte sich erneut. »Hast du Geld?«

Arnau sah den Jungen an. Ob das Darlehen, das er ihm gewahrt hatte, fur die Wohnung gewesen war? Fur die Ausstattung? Fur die Mobel oder vielleicht fur das Boot. Das Nein des Jungen tat ihm in den Ohren weh.

»Hiermit verurteile ich dich …« Der Klo? in seinem Hals hinderte ihn beinahe am Weitersprechen. »Ich verurteile dich zu Kerkerhaft, bis du die gesamte Schuld beglichen hast.«

Wie sollte er zahlen, wenn er nicht arbeiten konnte? Arnau verga?, mit dem Holzhammerchen auf den Tisch zu schlagen. Die Missatges machten ihn mit Blicken darauf aufmerksam, und er klopfte. Der Junge wurde in das Verlies des Konsulats gebracht. Arnau sah zu Boden.

»Es muss sein«, sagte der Schreiber zu ihm, als alle Beteiligten den Gerichtssaal verlassen hatten.

Arnau schwieg. Er sa? zur Linken des Schreibers in der Mitte des riesigen Tischs, der den Raum beherrschte.

»Schau hier«, sagte der Schreiber und schob ihm ein weiteres Buch hin, die Satzung des Konsulats. »Hier steht bezuglich der Kerkerstrafen: ›So zeige man seine Macht, vom Hoheren zum Niederen.‹ Du bist Seekonsul und musst deine Macht zeigen. Unser Wohlergehen, das Wohlergehen unserer Stadt hangt davon ab.«

An jenem Tag musste er niemanden mehr ins Gefangnis schicken, an vielen anderen jedoch schon. Die Rechtsprechung des Seekonsuls umfasste den gesamten Handel – Preise, die Heuer der Seeleute, die Sicherheit der Schiffe und der Waren – und alles, was mit der See zu tun hatte. Durch sein Amt wurde Arnau eine Autoritat, die nicht dem Stadtrichter unterstand. Er fallte Urteile, beschlagnahmte Waren, pfandete Schuldner, schickte Leute ins Gefangnis. Dabei stand ihm eine eigene bewaffnete Truppe zur Verfugung.

Wahrend Arnau gezwungen war, junge Hafenschiffer einzukerkern, lie? Elionor Felip de Ponts kommen, einen Ritter, den sie aus der Zeit ihrer ersten Ehe kannte. Er war schon einige Male bei ihr vorstellig geworden, damit sie ein gutes Wort fur ihn bei Arnau einlegte, dem er eine betrachtliche Summe schuldete, die er nicht zuruckzahlen konnte.

»Ich habe versucht, was in meiner Macht stand, Don Felip«, log Elionor, als er vor ihr stand, »doch es war schlichtweg unmoglich. In Kurze werden Eure Schulden gepfandet.«

Felip de Ponts, ein gro?er, kraftiger Mann mit rotem Bart und kleinen Auglein, wurde blass, als er die Worte seiner Gastgeberin horte. Wenn man seine Schulden pfandete, wurde er sein weniges Land verlieren … und sogar sein Schlachtross. Ein Ritter ohne Land, das ihn unterhielt, und ohne Pferd, um in den Krieg zu ziehen, konnte sich nicht langer als Ritter bezeichnen.

Felip de Ponts kniete nieder.

»Ich flehe Euch an, werte Dame«, bat er. »Ich bin sicher, Euer Gemahl wird seine Entscheidung aufschieben, wenn Ihr es wunscht. Wenn er zur Pfandung schreitet, hat mein Leben keinen Sinn mehr. Tut es fur mich! Um der alten Zeiten willen!«

Elionor lie? sich ein wenig bitten, wahrend der Ritter vor ihr kniete. Sie tat, als dachte sie nach.

»Erhebt Euch«, sagte sie schlie?lich. »Es gabe da vielleicht eine Moglichkeit …«

»Ich flehe Euch an«, wiederholte Felip de Ponts noch einmal, bevor er sich erhob.

»Es ist sehr riskant.«

»Sei's drum! Mich kann nichts schrecken. Ich war mit dem Konig in …«

»Es wurde darum gehen, ein Madchen zu entfuhren«, erklarte Elionor.

»Ich … ich verstehe nicht«, stammelte der Ritter, nachdem es einige Sekunden still geworden war.

»Ihr habt mich genau verstanden«, entgegnete Elionor. »Es wurde darum gehen, ein Madchen zu entfuhren … und zu entjungfern.«

»Darauf steht der Tod!«

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