Rauchfang des Rittergehofts befand. Arnau sah sich nach Guillem um. Die Leute redeten und lachten und riefen nach der Alten, damit sie Kase und Wein brachte. Joan und Elionor standen am Kamin; sie wichen Arnaus Blicken aus, als er zu ihnen herubersah.

Als ein Raunen durch die Versammelten ging, sah er zum anderen Ende des Raumes hinuber.

Mar hatte an Felip de Ponts Arm den Saal betreten. Arnau sah, wie sie sich von dem Mann losriss und auf ihn zugerannt kam. Ein Lacheln erschien auf ihren Lippen. Mar breitete die Arme aus, wahrend sie auf ihn zuflog, doch dann hielt sie plotzlich inne und lie? die Arme langsam sinken.

Arnau glaubte, einen Bluterguss auf ihrer Wange zu erkennen.

»Was ist los, Arnau?«, fragte ihn das Madchen.

Arnau drehte sich Hilfe suchend zu Joan um, doch sein Bruder stand mit gesenktem Kopf da. Alle im Raum warteten auf seine Antwort.

»Felip de Ponts hat sich auf das Gesetz Si quis virginem berufen«, sagte er schlie?lich.

Mar ruhrte sich nicht. Eine Trane rollte uber ihre Wange. Arnau hob die rechte Hand, doch dann zog er sie zuruck, und die Trane rann ungehindert den Hals hinab.

»Dein Vater …«, begann Felip de Ponts, bevor Arnau ihn mit einer herrischen Geste zum Schweigen brachte. »Der Seekonsul hat mir vor dem Heer von Barcelona deine Hand versprochen«, erklarte Felip de Ponts, bevor Arnau ihn daran hindern oder sein Wort zurucknehmen konnte.

»Stimmt das?«, fragte Mar.

Alles, was Arnau wusste, war, dass er sie umarmen, sie kussen, sie immer bei sich haben wollte. Waren das die Gefuhle eines Vaters?

»Ja, Mar.«

Auf Mars Gesicht erschienen keine weiteren Tranen mehr. Felip de Ponts trat zu dem Madchen und fasste es wieder beim Arm. Sie wehrte sich nicht. Hinter Arnau brach jemand das Schweigen und alle stimmten mit ein. Arnau und Mar sahen sich an. Man horte Hochrufe auf das Brautpaar, die Arnau in den Ohren drohnten. Nun liefen ihm die Tranen uber die Wangen. Vielleicht hatte sein Bruder recht. Vielleicht hatte er geahnt, was nicht einmal Arnau selbst wusste. Vor der Jungfrau hatte er geschworen, nie wieder aus Liebe zu einer anderen seiner Ehefrau untreu zu sein, selbst wenn er diese Ehe nicht freiwillig eingegangen war.

»Vater«, sagte Mar, wahrend sie mit der freien Hand seine Tranen abwischte.

Arnau zitterte, als er Mars Beruhrung spurte. Er drehte sich auf dem Absatz um und floh.

Zur gleichen Zeit blickte irgendwo auf dem einsamen, dunklen Weg nach Barcelona ein Sklave in den Himmel und hatte den Schmerzensschrei des Madchens in den Ohren, das er wie eine eigene Tochter gro?gezogen hatte. Er war als Sklave geboren und hatte als Sklave gelebt. Er hatte gelernt, stumm zu lieben und seine Gefuhle zu unterdrucken. Ein Sklave war kein Mann, und so hatte er in seiner Einsamkeit – dem einzigen Ort, an dem niemand seine Freiheit einschranken konnte – gelernt, viel tiefer zu sehen als all jene, denen das Leben den Geist vernebelte. Er hatte gesehen, welche Liebe die beiden fureinander empfanden, und er hatte zu seinen beiden Gottern gebetet, dass es diesen Menschen, die er so sehr liebte, gelingen moge, sich von ihren Fesseln zu befreien, die viel starker waren als die eines einfachen Sklaven.

Guillem schluckte seine Tranen hinunter, denn Weinen war einem Sklaven verboten.

Guillem betrat Barcelona nicht. Er erreichte die Stadt noch in der Nacht und stand vor dem verschlossenen Stadttor San Daniel. Sie hatten ihm sein kleines Madchen weggenommen. Vielleicht war er sich dessen nicht bewusst gewesen, doch Arnau hatte sie verschachert wie eine Sklavin. Was sollte er noch in Barcelona? Wie sollte er sich dorthin setzen, wo Mar gesessen hatte? Wie sollte er dort entlanggehen, wo er plaudernd und lachend mit ihr spazieren gegangen war und die Geheimnisse seines kleinen Madchens geteilt hatte? Was blieb ihm in Barcelona anderes, als Tag und Nacht an sie zu denken? Welche Zukunft erwartete ihn im Haus eines Mannes, der ihrer beider Hoffnungen durchkreuzt hatte?

Guillem folgte weiter der Stra?e in Richtung Kuste und erreichte nach zwei Tagen Salou, den zweitwichtigsten Hafen Kataloniens. Dort blickte er ubers Meer zum Horizont, und die Meeresbrise trug Erinnerungen an seine Kindheit in Genua zu ihm, Erinnerungen an eine Mutter und mehrere Geschwister, von denen er grausam getrennt wurde, als man ihn an einen Handler verkaufte, bei dem er dann das Geschaft zu erlernen begann. Auf einer Schiffsreise gerieten Herr und Sklave in Gefangenschaft der Katalanen, die im standigen Krieg mit Genua lagen. Guillem ging von Hand zu Hand, bis Hasdai Crescas schlie?lich erkannte, dass seine Fahigkeiten weit uber die eines einfachen Arbeiters hinausgingen. Guillem sah erneut aufs Meer hinaus, zu den Schiffen und den Reisenden … Warum nicht Genua?

»Wann lauft das nachste Schiff in die Lombardei aus, nach Pisa?«

Der junge Mann blatterte nervos in den Unterlagen, die sich auf dem Schreibtisch des Ladens stapelten. Er kannte Guillem nicht und hatte ihn zunachst mit Herablassung behandelt, wie er es bei jedem schmutzigen, stinkenden Sklaven getan hatte, doch als der Maure sich vorstellte, fielen ihm die Worte ein, die er so haufig von seinem Vater gehort hatte: »Guillem ist die rechte Hand von Arnau Estanyol, des Seekonsuls von Barcelona, von dem wir alle leben.«

»Ich brauche Schreibzeug und einen ruhigen Ort, um einen Brief zu verfassen«, sagte Guillem.

»Ich nehme dein Angebot, mich freizulassen, an«, schrieb er. »Ich werde uber Pisa nach Genua reisen, in deinem Namen und als dein Sklave, und dort auf die Freilassungsurkunde warten.« Was gab es noch zu sagen? Dass er ohne Mar nicht leben konnte? Wurde Arnau, sein Herr und Freund, das konnen? Wozu ihn daran erinnern? »Ich mache mich auf die Suche nach meinen Wurzeln, nach meiner Familie«, schrieb er weiter. »Neben Hasdai bist du mein bester Freund gewesen. Gib auf ihn acht. Ich werde dir ewig dankbar sein. Allah und die Jungfrau Maria mogen dich beschutzen. Ich werde fur dich beten.«

Sobald die Galeere, auf der sich Guillem eingeschifft hatte, den Hafen von Salou verlie?, machte sich der junge Mann, der den Mauren bedient hatte, auf den Weg nach Barcelona.

Arnau schrieb langsam Guillems Freilassungsbrief, wahrend er jeden Buchstaben des Schriftstucks betrachtete. Die Pest, der Krieg, die Wechselstube, Tage voller Arbeit, angeregter Gesprache, Freundschaft und Freude … Seine Hand zitterte, als er den letzten Strich machte. Nachdem er unterschrieben hatte, lie? er die Feder sinken. Sie wussten beide, dass es andere Grunde gewesen waren, die Guillem zur Flucht bewegt hatten.

Arnau kehrte zur Borse zuruck, wo er Anweisung gab, die Freilassungsurkunde an seinen Handelsvertreter in Pisa zu ubersenden. Dieser legte er eine Anweisung uber ein kleines Vermogen bei.

»Warten wir nicht auf Arnau?«, fragte Joan Elionor, nachdem er das Esszimmer betreten hatte, wo die

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