Baronin bereits am Tisch sa?.

»Habt Ihr Hunger?« Joan nickte. »Nun, wenn Ihr etwas essen wollt, solltet Ihr es besser jetzt tun.«

Der Monch nahm Elionor gegenuber am Kopfende des langen Esstisches Platz. Zwei Diener trugen Wei?brot, Wein, Suppe und geschmorte Gans mit Paprika und Zwiebeln auf.

»Sagtet Ihr nicht, Ihr hattet Hunger?«, bemerkte Elionor, als sie sah, dass der Monch nur im Essen herumstocherte.

Es war der einzige Satz, der wahrend des gesamten Abends gesprochen wurde. Joan sah seine Schwagerin stumm an.

Mehrere Stunden, nachdem er sich in sein Zimmer zuruckgezogen hatte, horte Joan Bewegung im Palast. Dienstboten liefen, um Arnau zu empfangen. Sie wurden ihm etwas zu essen anbieten, und er wurde es ablehnen, wie er es auch die drei Male getan hatte, die Joan beschlossen hatte, auf ihn zu warten: Arnau hatte sich in einen der Salons des Palasts gesetzt, wo Joan auf ihn wartete, und mit einer muden Geste die spate Mahlzeit zuruckgewiesen.

Joan horte die Dienstboten zuruckkommen. Dann horte er Arnau an seiner Tur vorbei langsam zu seinem Schlafzimmer gehen. Was sollte er ihm sagen, wenn er jetzt zu ihm ging? Dreimal hatte er auf ihn gewartet und versucht, mit ihm zu sprechen, doch Arnau war verschlossen gewesen und hatte nur einsilbig auf die Fragen seines Bruders geantwortet. »Geht es dir gut?« »Ja.« »Hast du viel zu tun in der Borse?« »Nein.« »Lauft es gut?« Schweigen. »Und Santa Maria?« »Gut.« In der Dunkelheit seines Zimmers barg Joan das Gesicht in seinen Handen. Arnaus Schritte waren verklungen. Woruber sollte er mit ihm reden? Uber sie? Sollte Arnau aus seinem Munde horen, dass er sie liebte? Wo er es sich selbst nicht eingestand?

Joan hatte gesehen, wie Mar die Trane wegwischte, die Arnau ubers Gesicht lief. »Vater«, hatte sie gesagt. Er hatte gesehen, wie Arnau zitterte. Dann hatte Joan sich umgedreht und gesehen, wie Elionor lachelte. War es notig gewesen, ihn leiden zu sehen, um zu begreifen … Aber wie konnte er ihm die Wahrheit gestehen? Wie sollte er ihm sagen, dass er es gewesen war, der … Wieder sah Joan diese Trane vor sich. So sehr liebte er sie? Wurde er sie vergessen konnen? Niemand trostete Joan, als er wieder einmal niederkniete und bis zum Morgengrauen betete.

»Ich mochte weg aus Barcelona.«

Der Prior der Dominikaner betrachtete den Monch eingehend. Er war abgemagert, seine tiefliegenden Augen waren von dunklen Schatten umgeben, und sein schwarzer Habit war zerknittert.

»Siehst du dich imstande, Bruder Joan, das Amt des Inquisitors auszuuben?«

»Ja«, versicherte Joan. Der Prior musterte ihn von oben bis unten. »Ich muss nur aus Barcelona weg, dann werde ich mich erholen.«

»Nun denn. Nachste Woche wirst du in den Norden reisen.«

Sein Ziel war eine Reihe kleiner Bauerndorfer tief im Gebirge, deren Bewohner der Ankunft des Inquisitors mit Angst entgegensahen. Seine Anwesenheit war nichts Neues fur sie. Seit Papst Innozenz IV. vor uber hundert Jahren Ramon de Penyafort damit beauftragt hatte, die Inquisition in das Konigreich Aragon und das Furstentum Narbonne zu tragen, litten diese Dorfer unter den Nachforschungen der schwarzen Monche. Die meisten Lehren, die von der Kirche als haretisch betrachtet wurden, kamen von Frankreich nach Katalonien. Zunachst waren es die Katharer und Waldenser gewesen, dann die Begarden und schlie?lich die vom franzosischen Konig verfolgten Templer. Die Grenzgebiete gerieten als erste unter den Einfluss haretischer Lehren, Adlige wurden angeklagt und hingerichtet, etwa der Vicomte Arnau und seine Gemahlin Ermessenda, Ramon de Cadi oder Guillem de Niort, Amtsrichter des Grafen Nuno Sanc in Cerdana und Coflent – Gegenden, in denen nun auch Bruder Joan seinem Auftrag nachkommen sollte.

»Euer Exzellenz«, wurde er in einem dieser Dorfer von einem Komitee der Dorfaltesten empfangen, wahrend diese vor ihm niederknieten.

»Ich bin keine Exzellenz«, entgegnete Joan und bedeutete ihnen, sich zu erheben. »Nennt mich einfach Bruder Joan.«

Seine kurze Erfahrung zeigte ihm, dass sich diese Szene stets wiederholte. Die Nachricht von der Ankunft des Inquisitors, des Schreibers, der ihn begleitete, und eines halben Dutzends Soldaten des Sanctum Officium war ihnen vorausgeeilt. Sie standen auf dem kleinen Dorfplatz. Joan betrachtete die vier Manner, die noch immer die Kopfe gesenkt hielten. Sie hatten ihre Kopfbedeckungen abgenommen und traten nervos von einem Fu? auf den anderen. Sonst befand sich niemand auf dem Platz. Doch Joan wusste, dass heimlich viele Augen auf ihn gerichtet waren. So viel hatten sie zu verbergen?

Nach der Begru?ung wurde das Ubliche kommen. Man wurde ihnen die beste Unterkunft im Dorf anbieten, wo ein reichgedeckter Tisch auf ihn warten wurde, zu reich gedeckt fur die Moglichkeiten dieser Leute.

»Ich mochte nur ein Stuck Kase, Brot und Wasser. Tragt den Rest wieder ab und sorgt dafur, dass meine Manner verpflegt werden«, sagte er ein weiteres Mal, nachdem er sich zu Tisch gesetzt hatte.

Auch das Haus war wie die Male zuvor. Einfach, aber aus Stein erbaut, im Gegensatz zu den Hutten aus Lehm oder morschem Holz, die es in diesen Dorfern gab. Ein Tisch und einige Stuhle waren das gesamte Mobiliar des Raums, in dessen Mitte sich der Herd befand.

»Euer Exzellenz werden mude sein.«

Joan betrachtete den Kase, der vor ihm stand. Sie waren mehrere Stunden uber steinige Pfade durch die morgendliche Kalte gewandert, die Fu?e voller Schlamm und nass vom Raureif. Unter dem Tisch rieb er sich die schmerzende Wade und den rechten Fu?.

»Ich bin keine Exzellenz«, wiederholte er monoton, »und ich bin auch nicht mude. Gott kennt keine Mudigkeit, wenn es darum geht, seinen Namen zu verteidigen. Wir werden in Kurze beginnen, sobald ich etwas gegessen habe. Versammelt die Leute auf dem Dorfplatz.«

Vor seiner Abreise aus Barcelona hatte Joan in Santa Caterina um das Traktat Papst Gregors IX. aus dem Jahr 1231 gebeten und sich mit der Vorgehensweise der reisenden Inquisitoren vertraut gemacht.

»Sunder, ubt Bu?e!« Zunachst die Predigt an das Volk. Die wenig mehr als siebzig Personen, die sich auf dem Dorfplatz versammelt hatten, senkten die Blicke, als sie seine ersten Worte horten. Die Blicke des schwarzen Monchs lie?en ihnen das Blut in den Adern gefrieren. »Das ewige Feuer erwartet euch!« Beim ersten Mal hatte er an seiner Fahigkeit gezweifelt, zu den Menschen zu sprechen, doch die Worte waren ihm leichtgefallen, umso mehr, als ihm bewusst wurde, welche Macht er uber diese verangstigten Bauern besa?. »Keiner von euch wird ihm entgehen! Gott duldet keine schwarzen Schafe in seiner Herde.« Reden sollten sie; er musste die Haresie ans Licht bringen. Das war sein Auftrag: Die Sunde zu entdecken, die im Verborgenen begangen wurde, von der nur der Nachbar, der Freund, die Ehefrau wusste …

»Gott sieht alles. Er kennt euch. Er wacht uber euch. Wer der Sunde tatenlos zusieht, wird im ewigen Feuer

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