»Sie …«Joan wartete schweigend ab. Es gab keinen Ausweg mehr. »Ich habe sie fluchen gehort, wenn sie wutend ist …« Peregrina sah wieder zu Boden. »Die Schwester meines Mannes, Marta. Sie sagt schreckliche Dinge, wenn sie wutend ist.«
Es war nichts weiter zu horen als das Kratzen der Feder, wahrend der Schreiber mitschrieb.
»Noch etwas, Peregrina?«
Diesmal sah die Frau ruhig auf.
»Nein.«
»Sicher?«
»Ich schwore es Euch. Ihr musst mir glauben.«
Nur bei dem mit dem schwarzen Gurtel hatte er sich getauscht. Der barfu?ige Mann denunzierte zwei Schafer, die sich nicht an die Fastentage hielten. Er behauptete, gesehen zu haben, wie sie in der Fastenzeit Fleisch a?en. Das Madchen mit dem Kind, eine junge Witwe, benannte ihren Nachbarn, einen verheirateten Mann, der ihr standig unanstandige Angebote mache … Er habe ihr sogar an die Brust gefasst.
»Und du? Hast du ihn gewahren lassen?«, fragte Joan. »Empfandest du Lust dabei?«
Das Madchen brach in Tranen aus.
»Hast du es genossen?«, bohrte Joan weiter.
»Wir hatten Hunger«, schluchzte das Madchen und hielt das Kind hoch.
Der Schreiber notierte den Namen des Madchens. Joan sah sie an. Und was hat er dir gegeben?, dachte er. Ein Stuck trockenes Brot? So wenig ist deine Ehre wert?
»Gestandig!«, urteilte Joan.
Zwei weitere Dorfler denunzierten ihre Nachbarn. Ketzer, so behaupteten sie.
»Manchmal nachts hore ich merkwurdige Gerausche und sehe Lichter im Haus«, erzahlte einer. »Sie sind Teufelsanbeter.«
Was hat dir dein Nachbar getan, dass du ihn denunzierst?, dachte Joan. Du wei?t ja, dass er den Namen seines Verraters nie erfahren wird. Was bringt es dir ein, wenn ich ihn verurteile? Ein Stuck Land vielleicht?
»Wie hei?t dein Nachbar?«
»Anton, der Backer.«
Der Schreiber notierte den Namen.
Als Joan die Befragung fur beendet erklarte, war es bereits dunkel. Er befahl den Hauptmann herein, und der Schreiber nannte ihm die Namen derer, die am nachsten Morgen bei Sonnenaufgang vor dem Inquisitionstribunal zu erscheinen hatten.
Wieder die Stille der Nacht, die Kalte, das Zittern der Flamme … und die Erinnerungen. Joan stand auf.
Ein Fall von Gotteslasterung, ein Fall von Unzucht und ein Teufelsanbeter. »Wenn es hell wird, gehort ihr mir«, murmelte er. Ob die Sache mit dem Teufelsanbeter stimmte? Schon oft hatte es ahnliche Beschuldigungen gegeben, doch nur in einem Fall hatte die Anzeige Erfolg gehabt. Ob es diesmal stimmte? Wie sollte er das beweisen?
Er war mude und legte sich wieder hin. Ein Teufelsanbeter …
»Schworst du auf die vier Evangelien?«, fragte Joan, als das erste Tageslicht durch die Fenster im Erdgeschoss des Hauses drang.
Der Mann nickte.
»Ich wei?, dass du gesundigt hast«, behauptete Joan.
Bewacht von zwei Soldaten, erblasste der Mann, der sich von der jungen Witwe einen Augenblick der Lust erkauft hatte. Schwei?tropfen traten ihm auf die Stirn.
»Wie ist dein Name?«
»Gaspar«, war leise zu vernehmen.
»Ich wei?, dass du gesundigt hast, Gaspar«, wiederholte Joan.
»Ich … Ich …«, stotterte der Mann.
»Gestehe!« Joan erhob die Stimme.
»Ich …«
»Peitscht ihn, bis er gesteht!« Joan sprang auf und hieb mit beiden Fausten auf den Tisch.
Einer der Soldaten griff an seinen Gurtel, an dem eine Lederpeitsche baumelte. Der Mann fiel vor dem Tisch mit Joan und dem Schreiber auf die Knie.
»Nein, ich flehe Euch an. Peitscht mich nicht aus.«
»Dann gestehe.«
Der Soldat strich ihm mit der Peitsche uber den Rucken.
»Gestehe!«, schrie Joan.
»Ich … Es war nicht meine Schuld. Es war diese Frau. Sie hat mich verhext.« Der Mann sprach hastig. »Ihr Mann fasst sie nicht mehr an.« Joan regte sich nicht. »Sie stellt mir nach, sie verfolgt mich. Wir haben es nur ein paar Mal getrieben. Aber ich werde es nicht wieder tun. Ich werde sie nicht wiedersehen. Ich schwore es Euch.«
