brennen, denn wer eine Sunde zulasst, ist schlimmer als jener, der sundigt. Wer sundigt, kann Vergebung erlangen, doch wer die Sunde fur sich behalt …«
Er beobachtete die Zuhorer. Eine Bewegung zu viel, ein fluchtiger Blick … Sie wurden die Ersten sein.
»Wer die Sunde fur sich behalt –«, Joan schwieg erneut, zogerte sein Schweigen so lange heraus, bis er sah, wie sie unter seiner Drohung zusammenbrachen, »– wird keine Vergebung finden.«
Angst. Feuer, Schmerz, Sunde, Strafe … der schwarze Monch tobte und wetterte, bis er ihre Seelen erreichte, eine Verbindung, die er schon bei seiner ersten Predigt verspurte.
»Ihr habt eine Frist von drei Tagen«, sagte er schlie?lich. »Jeder, der kommt und seine Sunden freiwillig bekennt, wird mit Milde behandelt. Nach diesen drei Tagen werde ich ein Exempel statuieren.« Er wandte sich an den Beamten. »Stellt Nachforschungen uber diese blonde Frau, den barfu?igen Mann und den mit dem schwarzen Gurtel an. Und uber das Madchen mit dem Kind …« Joan deutete unauffallig auf die Benannten. »Wenn sie sich nicht freiwillig melden, bringt sie zusammen mit einigen anderen, zufallig Ausgewahlten zu mir.«
Wahrend der dreitagigen Bedenkfrist sa? Joan reglos neben dem Schreiber und den Soldaten, die sich nicht von der Stelle ruhrten, am Tisch, wahrend langsam und lautlos die Stunden verstrichen.
Nur vier Personen kamen, um ihr Schweigen zu brechen. Zwei Manner, die ihrer Pflicht nicht nachgekommen waren, an der Messe teilzunehmen, eine Frau, die ihrem Mann nicht immer gehorsam gewesen war, und ein Kind, das mit riesengro?en Augen durch die Tur lugte.
Jemand schob den Knaben vorwarts, der sich straubte und auf der Turschwelle verharrte.
»Komm herein, Junge«, forderte Joan ihn auf.
Der Junge wich zuruck, doch eine Hand stie? ihn erneut in den Raum, dann wurde die Tur geschlossen.
»Wie alt bist du?«, fragte Joan.
Der Junge sah die Soldaten an, den Schreiber, der bereits mit seiner Aufgabe beschaftigt war, und dann Joan.
»Neun Jahre«, stotterte er.
»Wie hei?t du?«
»Alfons.«
»Tritt naher, Alfons. Was hast du uns zu sagen?«
»Dass … Also, vor zwei Monaten habe ich Bohnen aus dem Nachbargarten genommen.«
»Genommen?«, fragte Joan.
Alfons blickte zu Boden.
»Ich habe sie gestohlen«, war leise zu horen.
Joan stand auf und entzundete die Kerze. Seit Stunden war es still im Dorf, und genauso lange versuchte er vergeblich, Schlaf zu finden. Er schloss die Augen und doste ein, doch die Erinnerung an die Trane, die uber Arnaus Wange rollte, lie? ihn wieder hochschrecken. Er brauchte Licht. Er versuchte es erneut, ein ums andere Mal, doch am Ende stand er immer auf, manchmal hastig, manchmal schwei?gebadet, manchmal schwerfallig, benommen von den Erinnerungen, die ihm den Schlaf raubten.
Er brauchte Licht. Er vergewisserte sich, dass Ol in der Lampe war.
Arnaus trauriges Gesicht erschien ihm in der Dunkelheit.
Er legte sich wieder hin. Es war kalt. Es war immer kalt. Fur einige Sekunden beobachtete er das Flackern der Flamme und die zuckenden Schatten. Das einzige Fenster der Schlafkammer besa? keine Laden und es zog durch die Ritzen. »Wir alle tanzen unseren Tanz …«
Er wickelte sich in die Decken und zwang sich, an die Zimmerdecke zu sehen.
Wann dammerte es endlich? Noch ein Tag, und die dreitagige Bedenkfrist war vorbei.
Joan fiel in einen Dammerschlaf. Nach etwas mehr als einer halben Stunde wachte er schwei?gebadet wieder auf.
Die Lampe brannte noch, die Schatten tanzten auf den Wanden, das Dorf lag immer noch still da. Warum wurde es nicht Morgen?
Er wickelte sich in die Decke und trat ans Fenster.
Ein Dorf von vielen. Eine weitere Nacht, in der er darauf wartete, dass es hell wurde.
Dass der nachste Tage kam …
Am Morgen stand, bewacht von den Soldaten, eine Reihe von Dorflern vor dem Haus.
Sie hie? Peregrina. Joan tat, als achtete er nicht auf die blonde Frau, die als Vierte eintrat. Den ersten dreien war nichts zu entlocken gewesen. Peregrina blieb vor dem Tisch stehen, hinter dem Joan und der Schreiber sa?en. Das Feuer im Herd knisterte. Sonst war niemand anwesend. Die Soldaten waren vor dem Haus stehen geblieben. Plotzlich blickte Joan hoch. Die Frau zitterte.
»Du wei?t etwas, nicht wahr, Peregrina? Gott sieht alles«, sagte Joan. Peregrina nickte, den Blick fest auf den Lehmboden des Hauses geheftet. »Sieh mich an. Du musst mich ansehen. Willst du denn im ewigen Feuer brennen? Sieh mich an. Hast du Kinder?«
Die Frau sah langsam auf.
»Ja, aber …«, stammelte sie.
»Aber sie sind nicht die Sunder«, unterbrach Joan. »Wer ist es dann, Peregrina?« Die Frau zogerte. »Wer ist es, Peregrina?«
»Sie lastert Gott«, sagte sie dann.
»Wer lastert Gott, Peregrina?«
