»Ja, Ihr konnt Euch dessen vergewissern. Sie nennt sich Francesca.«
»Und die andere Frau?«
»Sie wollte unbedingt mitkommen.«
»Ist sie ebenfalls eine Hexe?«
»Das bleibt Eurem Urteil uberlassen.«
Nicolau dachte nach.
»Gibt es noch etwas?«, fragte er dann.
»Ja«, brach es aus Genis Puig heraus. »Arnau hat meinen Bruder Guiamon getotet, als dieser sich weigerte, an seinen teuflischen Riten teilzunehmen. Er versuchte ihn bei Nacht am Strand zu ertranken. Danach ist er gestorben.«
Nicolau wandte seine Aufmerksamkeit Genis zu.
»Meine Schwester Margarida kann es bezeugen. Sie war dabei. Sie erschrak und versuchte zu fliehen, als Arnau begann, den Teufel anzurufen. Sie wird es Euch bestatigen.«
»Und Ihr habt ihn damals nicht angezeigt?«
»Ich habe erst jetzt davon erfahren, als ich meiner Schwester erzahlte, was ich vorhatte. Sie hat noch immer schreckliche Angst, Arnau konnte ihr Schaden zufugen. Seit Jahren findet sie keine Ruhe.«
»Das sind schwere Anschuldigungen.«
»Berechtigte Anschuldigungen«, setzte der Herr von Bellera hinzu. »Ihr wisst, dass dieser Mann es sich zum Ziel gemacht hat, die Obrigkeit zu untergraben. Auf seinen Besitzungen schaffte er gegen den Willen seiner Ehefrau die Leibeigenschaft ab. Hier in Barcelona verleiht er Geld an die Armen, und es ist bekannt, dass er in seiner Funktion als Seekonsul haufig Urteile zugunsten des Volkes fallt.« Nicolau Eimeric horte aufmerksam zu. »Sein ganzes Leben hindurch hat er die Gesetze hintertrieben, von denen unser Zusammenleben bestimmt werden sollte. Gott hat die Bauern erschaffen, damit sie fur ihre Grundherren das Land bestellen. Selbst die Kirche hat ihren Bauern verboten, den Habit zu nehmen, um ihre Arbeitskraft nicht zu verlieren …«
»Im neuen Katalonien gibt es keine Leibeigenschaft mehr«, unterbrach ihn Nicolau.
Genis Puig sah vom einen zum anderen.
»Genau das ist es, was ich meinte.« Der Herr von Bellera fuchtelte heftig mit den Handen. »Im neuen Katalonien gibt es keine Leibeigenschaft mehr. Im Interesse des Konigs, im Interesse Gottes. Das von den Unglaubigen eroberte Gebiet musste bevolkert werden, und das ging nur, indem man die Leute anlockte. Der Konig hat es so beschlossen. Doch Arnau … Arnau ist nichts anderes als ein Handlanger des Teufels.«
Genis Puig lachelte, als er sah, dass der Generalinquisitor leise nickte.
»Er verleiht Geld an die Armen«, fuhr der Adlige fort, »Geld, von dem er wei?, dass er es nie zuruckbekommen wird. Gott hat die Menschen als Reiche und Arme geschaffen. Es kann nicht sein, dass die Armen Geld haben und ihre Tochter verheiraten wie die Reichen. Es ist gegen Gottes Gesetz. Was sollen die Armen von Euch Kirchenmannern und uns Adligen denken? Erfullen wir nicht die Vorschriften der Kirche, indem wir die Armen als das behandeln, was sie sind? Arnau ist eine Ausgeburt des Teufels, der nichts anderes vorhat, als durch die Unzufriedenheit des Volkes die Ankunft des Leibhaftigen vorzubereiten. Denkt daruber nach.«
Und Nicolau Eimeric dachte daruber nach. Er rief den Schreiber, damit dieser die Beschuldigungen des Herrn von Bellera und Genis Puigs schriftlich festhielt. Er lie? Margarida Puig vorladen und veranlasste Francescas Verhaftung.
»Und die andere?«, fragte der Inquisitor den Herrn von Bellera. »Liegt etwas gegen sie vor?« Die beiden Manner zogerten. »In diesem Fall bleibt sie in Freiheit.«
Francesca wurde weit weg von Arnau am anderen Ende des riesigen Verlieses angekettet. Aledis wurde auf die Stra?e geworfen.
Nachdem alles in die Wege geleitet war, lie? sich Nicolau in seinen Lehnstuhl fallen. Fluchen im Haus Gottes, das Unterhalten fleischlicher Beziehungen zu einer Judin, Judenfreundlichkeit, Mord, Teufelspraktiken, Versto?e gegen die Vorschriften der Kirche … Und das alles gestutzt von Priestern, Adligen und Edelleuten. Und von der Ziehtochter des Konigs. Der Inquisitor lehnte sich zuruck und lachelte Joan an.
»So reich ist dein Bruder, Fra Joan? Dummkopf! Was redest du von Geldstrafen, wenn mit der Verurteilung deines Bruders sein gesamtes Vermogen an die Inquisition fallt?«
Aledis stolperte auf die Stra?e, als die Soldaten sie aus dem Bischofspalast warfen. Nachdem sie das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, merkte sie, dass die Leute stehen geblieben waren und sie angafften. Was hatten die Soldaten gerufen? Hexe? Sie sah an ihren schmutzigen Kleidern herunter und strich ihr verfilztes, wirres Haar glatt. Ein gut gekleideter Mann ging an ihr voruber und sah sie verachtlich an. Aledis stapfte mit dem Fu? auf und sturzte ihm knurrend und zahnefletschend hinterher wie ein bissiger Hund. Der Mann machte einen Satz und rannte davon, bis er merkte, dass Aledis ihm nicht folgte. Stattdessen sah sie die Umstehenden herausfordernd an, bis einer nach dem anderen zu Boden blickte und seiner Wege ging.
Was war geschehen? Die Soldaten des Herrn von Bellera waren in ihr Haus eingedrungen und hatten Francesca festgenommen, die in einem Lehnstuhl sa?, um auszuruhen. Niemand gab ihnen irgendeine Erklarung. Die Madchen wurden gewaltsam zuruckgedrangt, als sie auf die Soldaten losgingen. Sie suchten Hilfe bei Aledis, die starr war vor Schreck. Ein Kunde rannte halb nackt davon. Aledis wandte sich an den, den sie fur den Hauptmann hielt: »Was hat das zu bedeuten? Warum nehmt ihr diese Frau fest?«
»Befehl des Herrn von Bellera«, antwortete dieser.
Der Herr von Bellera! Aledis sah zu Francesca, die klein und gebeugt zwischen zwei Soldaten stand, die sie unter den Armen gefasst hatten. Die alte Frau zitterte. Bellera! Seit Arnau vor der Burg Montbui die Gewohnheitsrechte abgeschafft und Francesca Aledis ihr Geheimnis anvertraut hatte, war die Kluft uberwunden, die zwischen den beiden Frauen gestanden hatte. Wie oft hatte sie von Francesca die Geschichte des Llorenc de Bellera gehort? Wie oft hatte sie die alte Frau weinen gesehen, wenn sie an jene Momente zuruckdachte? Und nun war da wieder ein Bellera. Wieder wurde sie zur Burg gebracht, wie damals, als man sie …
Francesca stand immer noch zitternd zwischen den Soldaten.
»Lasst sie los!«, schrie Aledis die Soldaten an. »Seht ihr nicht, dass ihr der Frau wehtut?« Die Manner sahen
