Aledis kehrte in die Wirklichkeit zuruck und sah Eulalia in einem langen, farblosen Kittel, der ihr bis zu den Knocheln reichte.
»Die Waisen eines Kurschnergesellen tragen keine Seide.«
»Aber das hier?«, beschwerte sich Eulalia, wahrend sie mit zwei Fingern an dem Kittel zupfte.
»Das ist ganz normal«, erklarte Aledis. »Ihr habt das hier vergessen.«
Aledis zeigte ihnen zwei Bander, die aus dem gleichen farblosen, groben Stoff waren wie die Kittel. Die beiden Madchen traten naher, um sie zu nehmen.
»Was ist das?«, fragte Teresa.
»Leibbinden. Damit macht ihr …«
»Nein, du hast doch nicht etwa vor …«
»Anstandige Frauen verstecken ihre Bruste.« Die beiden wollten protestieren. »Zuerst die Leibbinden«, befahl Aledis, »dann die Hemden und daruber die Umschlagtucher. Und seid froh, dass ich euch Kittel gekauft habe und keine Bu?erhemden«, setzte sie angesichts der emporten Blicke der Madchen hinzu. »Vielleicht tate es euch ganz gut, ein wenig Bu?e zu uben.«
Die drei mussten sich gegenseitig beim Anlegen der Leibbinden helfen.
»Ich dachte, wir sollten die beiden Adligen verfuhren«, sagte Eulalia, wahrend Aledis die Leibbinde uber ihren uppigen Brusten festzurrte. »Ich wei? nicht, wie wir damit …«
»Lass mich nur machen«, antwortete Aledis. »Die Kleider sind wei?, ein Symbol der Jungfraulichkeit. Diese beiden Schwachkopfe werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit zwei Jungfrauen zu schlafen. Und merkt euch: Ihr habt keine Erfahrung mit Mannern«, scharfte Aledis ihnen ein, wahrend sie sich weiter ankleideten, »also seid weder kokett noch frivol. Ziert euch. Weist sie so oft zuruck wie notig.«
»Und wenn wir sie so oft abweisen, dass sie schlie?lich aufgeben?«
Aledis sah Teresa mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Dummerchen«, sagte sie lachelnd. »Ihr musst nichts weiter tun, als sie zum Trinken zu bringen. Der Wein erledigt den Rest. Solange ihr in ihrer Nahe seid, werden sie nicht aufgeben, das versichere ich euch. Und denkt daran, dass Francesca von der Kirche verhaftet wurde, nicht auf Veranlassung des Stadtrichters. Also lenkt die Unterhaltung auf religiose Themen …«
Die beiden Madchen sahen sie uberrascht an.
»Religiose Themen?«, fragten sie wie aus einem Munde.
»Ich wei?, dass ihr euch nicht besonders damit auskennt«, gab Aledis zu. »Setzt eure Phantasie ein. Ich glaube, es geht um Hexerei. Als ich aus dem Bischofspalast geworfen wurde, hat man mich als Hexe beschimpft.«
Einige Stunden spater lie?en die Wachen am Stadttor Trentaclaus eine schwarz gekleidete Frau passieren, deren Haar zu einem Knoten gebunden war. Sie befand sich in Begleitung ihrer beiden wei? gekleideten Tochter. Auch sie hatten das Haar streng nach hinten gebunden und waren weder geschminkt noch parfumiert. In ihren einfachen Strohschuhen gingen sie mit gesenkten Kopfen hinter der schwarz gekleideten Frau her, den Blick auf ihre Fersen geheftet, wie es ihnen Aledis gesagt hatte.
49
Die Tur zum Kerker wurde aufgerissen. Die Uhrzeit war ungewohnlich. Die Sonne stand noch nicht tief genug und es kam kaum Licht durch das kleine Gitterfenster. Das Elend, das in der Luft hing, schien jede Helligkeit fernhalten zu wollen, und das schwache Licht vermischte sich mit dem Staub und den Ausdunstungen der Gefangenen. Es war eine ungewohnliche Uhrzeit und alle Schemen begannen sich zu regen. Arnau horte das Rasseln der Ketten, das sofort verstummte, als der Kerkermeister mit einem neuen Gefangenen hereinkam. Sie kamen nicht, um jemanden abzuholen. Noch einer … Noch eine, korrigierte sich Arnau, als er die Umrisse einer alten Frau auf der Turschwelle sah. Welches Vergehen mochte diese arme Frau begangen haben?
Der Kerkermeister stie? das neue Opfer in das Verlies. Die Frau fiel zu Boden.
»Steh auf, du Hexe!«, drohnte es durch den Kerker. Doch die Hexe ruhrte sich nicht. Zwei dumpfe Schlage hallten von den Wanden wider. »Du sollst aufstehen, habe ich gesagt!«
Arnau beobachtete, wie die Schemen mit den Wanden zu verschmelzen versuchten, an die sie gekettet waren. Es waren dieselben Schreie, derselbe Befehlston, dieselbe Stimme. In den Tagen, die er nun bereits in diesem Kerker verbrachte, hatte er diese donnernde Stimme schon einige Male auf der anderen Seite der Tur gehort, nachdem zuvor einer der Gefangenen losgekettet worden war. Er hatte gesehen, wie die Schemen sich duckten und aus lauter Angst vor der Folter erbrachen. Zuerst horte man die Stimme brullen und gleich darauf das durchdringende Heulen eines misshandelten Korpers.
»Steh auf, du alte Hure!«
Der Kerkermeister trat erneut nach ihr, doch die alte Frau ruhrte sich immer noch nicht. Schlie?lich buckte er sich keuchend, packte sie am Arm und schleifte sie zu dem Platz, wo er sie den Anweisungen zufolge anketten sollte: weit weg von dem Geldwechsler. Das Rasseln der Schlussel und das Klirren der Fu?eisen besiegelten das Schicksal der Alten. Bevor der Kerkermeister den Raum verlie?, ging er dorthin, wo Arnau hockte.
»Warum?«, hatte er gefragt, als man ihm befahl, die Hexe weit weg von Arnau anzuketten.
»Diese Hexe ist die Mutter des Geldwechslers«, antwortete ihm der Inquisitionsbeamte. So jedenfalls hatte es ihm der Hauptmann des Herrn von Bellera erklart.
»Du musst nicht glauben, dass fur den gleichen Preis auch deine Mutter besseres Essen bekommt«, sagte der Kerkermeister, als er vor Arnau stand. »Sie mag deine Mutter sein, aber eine Hexe kostet Geld, Arnau Estanyol.«
Das Gehoft mit dem angebauten Wehrturm stand unverandert auf der kleinen Anhohe. Joan sah zu ihm hinauf und glaubte erneut das nervose Gemurmel der Soldaten zu horen, das Klirren der Schwerter und die Jubelrufe, als er selbst Arnau an genau dieser Stelle davon uberzeugt hatte, Mars Verheiratung zuzustimmen. Er hatte sich nie gut mit dem Madchen verstanden. Was sollte er ihr jetzt sagen?
