»Was ist los, Herrin?«

Der Monch fuhr zur Tur herum. Auf der Schwelle stand ein herkulischer Mann, mit einer Sense bewaffnet, und sah ihn drohend an. Hinter einem seiner Beine lugte der Kopf des Jungen hervor. Joan stand keine zwei Handbreit von dem Mann entfernt, der ihn beinahe um doppelte Haupteslange uberragte.

»Es ist nichts«, antwortete Joan, doch der Mann stie? ihn zur Seite, als ob er gar nicht da ware, und ging zu Mar. »Ich sagte dir doch, es ist nichts«, beteuerte Joan. »Geh an deine Arbeit.«

Der Junge fluchtete sich vor die Tur und spahte von drau?en herein. Joan beachtete ihn nicht langer. Als er sich wieder in den Raum umwandte, sah er, dass der Mann mit der Sense neben Mar kniete, ohne sie indes zu beruhren.

»Hast du nicht gehort?«, fragte Joan. Der Mann gab keine Antwort. »Gehorche und geh an deine Arbeit.«

Diesmal sah der Mann Joan an.

»Ich gehorche nur meiner Herrin.«

Wie viele gro?e, kraftige, stolze Manner wie er waren vor ihm zu Kreuze gekrochen? Wie viele hatte er weinen und flehen gesehen, bevor er das Urteil uber sie sprach? Joan kniff die Augen zusammen, ballte die Fauste und machte zwei Schritte auf den Knecht zu.

»Du wagst es, dich der Inquisition zu widersetzen?«, brullte er.

Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als Mar vom Fu?boden hochfuhr. Sie zitterte erneut. Auch der Mann mit der Sense richtete sich langsam auf.

»Wie kannst du es wagen, in mein Haus zu kommen und meinem Knecht zu drohen? Inquisitor? Ha! Du bist nichts weiter als ein Teufel im Monchsgewand. Du hast mich vergewaltigt!« Joan sah, wie der Knecht den Schaft der Sense umklammerte. »Du hast es selbst zugegeben!«

»Ich …«, begann Joan zogerlich.

Der Knecht trat auf ihn zu und druckte ihm die Spitze der Sense in die Magengrube.

»Niemand wurde es erfahren, Herrin. Er ist alleine gekommen.«

Joan sah Mar an. Es war keine Angst in ihren Augen, nicht einmal Mitleid, nur … Er lief so rasch er konnte zur Tur, doch der kleine Junge schlug sie zu und stellte sich ihm in den Weg.

Der Knecht legte Joan von hinten die Sense um den Hals. Diesmal druckte die scharfe Schneide gegen den Adamsapfel des Monchs. Joan erstarrte. Der Junge sah nicht mehr angstlich aus. Sein Gesicht spiegelte die Gefuhle wider, die sich hinter ihm abspielten.

»Was … Was willst du tun, Mar?« Als er sprach, schnitt ihm die Sense in den Hals.

Mar schwieg. Joan konnte ihren Atem horen.

»Sperr ihn in den Turm«, befahl sie.

Mar hatte den Turm nicht mehr betreten, seit sie von dort aus zugesehen hatte, wie sich das Heer von Barcelona zuerst zum Angriff formierte und dann in Jubel ausbrach. Nachdem ihr Mann in Calatayud gefallen war, hatte sie den Turm zugesperrt.

50

Die Witwe und ihre beiden Tochter gingen uber die Plaza de la Llana zum Hostal del Estanyer, einem zweigeschossigen Gasthof aus Stein, in dem sich ebenerdig die Kuche und der Schankraum und im Obergeschoss die Schlafkammern befanden. Sie wurden von dem Wirt und dem Burschen empfangen. Aledis zwinkerte dem Jungen zu, als sie seinen verdutzten Blick bemerkte. »Was glotzt du so?«, schimpfte der Gastwirt, bevor er ihm eine Ohrfeige verpasste. Der Bursche verschwand hastig im hinteren Teil des Gastraums. Teresa und Eulalia hatten das Zwinkern bemerkt und grinsten.

»Die Ohrfeige sollte ich euch verpassen«, flusterte Aledis ihnen zu, als sich der Wirt fur einen Moment abwandte. »Wollt ihr wohl anstandig gehen und aufhoren, euch zu kratzen? Die Nachste, die sich kratzt, werde ich …«

»In diesen Latschen kann man nicht laufen …«

»Still jetzt!«, zischte Aledis, als der Wirt sich ihnen wieder zuwandte.

Er habe ein Zimmer frei, sagte er, in dem sie zu dritt schlafen konnten. Allerdings gebe es nur zwei Matratzen.

»Seid unbesorgt, guter Mann«, sagte Aledis. »Meine Tochter sind daran gewohnt, das Lager zu teilen.«

»Hast du gesehen, wie uns der Wirt angesehen hat, als du ihm sagtest, dass wir zusammen schlafen?«, fragte Teresa, als sie sich auf ihrem Zimmer befanden.

Zwei Strohsacke und eine kleine Truhe, auf der eine Ollampe stand, waren das ganze Mobiliar.

»Er hat sich schon zwischen uns beiden liegen gesehen«, kicherte Eulalia.

»Und das, obwohl ihr eure Reize nicht zeigt. Ich habe es euch doch gesagt«, bemerkte Aledis.

»Wir konnten so arbeiten. Wenn man den Erfolg betrachtet …«

»Es funktioniert nur einmal«, erklarte Aledis, »ein paar Mal allenfalls. Sie lechzen nach Unschuld, nach Jungfraulichkeit. Sobald sie ihr Ziel erreicht haben … Wir mussten von einem Ort zum anderen ziehen, um die Leute zu betrugen, und wir konnten nicht kassieren.«

»So viel Gold kann es in ganz Katalonien nicht geben, dass ich in diesen Schuhen und in so einem Kittel herumlaufe.« Teresa kratzte sich von den Oberschenkeln bis hinauf zu den Brusten.

»Du sollst dich nicht kratzen!«

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