»Hier sieht uns doch keiner«, verteidigte sich das Madchen.

»Aber je mehr du kratzt, umso starker juckt es.«

»Und was sollte das Gezwinkere mit dem Jungen?«, fragte Eulalia.

Aledis sah die beiden Madchen an.

»Das geht euch nichts an.«

»Nimmst du etwas dafur?«, wollte Teresa wissen.

Aledis dachte an den Gesichtsausdruck des Jungen, als ihm nicht einmal Zeit geblieben war, die Hose herunterzulassen, an das ungeschickte Ungestum, mit dem er sich auf sie gesturzt hatte.

»Etwas habe ich bekommen«, antwortete sie lachelnd.

Sie blieben auf dem Zimmer, bis es Zeit zum Abendessen war. Dann gingen sie hinunter und setzten sich an einen groben Tisch aus rauem Holz. Kurz darauf erschienen Jaume de Bellera und Genis Puig. Sobald sie an ihrem Tisch am anderen Ende des Raumes sa?en, wandten sie keinen Blick von den Madchen. Sonst befand sich niemand im Gastraum. Aledis rief die Madchen zur Ordnung, und die beiden bekreuzigten sich, bevor sie die Suppe zu loffeln begannen, die der Wirt ihnen vorsetzte.

»Wein? Nur fur mich«, sagte Aledis zu ihm. »Meine Tochter trinken nicht.«

»Noch einen Krug Wein. Und noch einen … Seit unser Vater gestorben ist«, entschuldigte Teresa Aledis mit Blick auf den Wirt.

»Um den Kummer zu uberwinden«, erganzte Eulalia.

»Hort gut zu, Madchen«, flusterte Aledis ihnen zu, »das sind drei Kruge Wein, und die werden sich naturlich bemerkbar machen. Gleich werde ich den Kopf auf die Tischplatte legen und zu schnarchen anfangen. Ihr wisst, was zu tun ist. Wir mussen herausfinden, warum Francesca verhaftet wurde und was sie mit ihr vorhaben.«

Nachdem sie den Kopf in den Armen vergraben hatte, spitzte Aledis die Ohren.

»He, kommt her«, klang es durch den Gastraum. Dann Schweigen. »Sie ist betrunken«, war nach einer Weile zu horen.

»Wir tun euch nichts«, sagte einer der beiden. »Was kann euch in einem Gasthof in Barcelona schon geschehen? Der Wirt ist gleich dort druben.«

Aledis dachte an den Gastwirt. Wenn sie ihn auch mal ranlie?en …

»Keine Sorge, wir sind Ehrenmanner!«

Schlie?lich gaben die beiden Madchen nach, und Aledis horte, wie sie vom Tisch aufstanden.

»Man hort dich nicht schnarchen«, wisperte Teresa ihr zu.

Aledis musste grinsen.

»Eine Burg!«

Aledis sah Teresa vor sich, wie sie ihre wundervollen grunen Augen ganz weit aufriss und den Herrn von Bellera unverwandt ansah, damit er ihre Schonheit bewundern konnte.

»Hast du gehort, Eulalia? Eine Burg. Er ist ein echter Adliger. Wir haben noch nie mit einem Adligen gesprochen …«

»Erzahlt uns von Euren Schlachten«, bat ihn Eulalia. »Kennt Ihr Konig Pedro? Habt Ihr schon einmal mit ihm gesprochen?«

»Und wen kennt Ihr noch?«, fragte Teresa dazwischen.

Die beiden gingen dem Herrn von Bellera um den Bart. Aledis war versucht, die Augen zu offnen, nur ein bisschen, gerade weit genug, um zu sehen, wie … Aber sie durfte nicht. Die Madchen wurden ihre Sache gut machen.

Die Burg, der Konig, die Cortes … Ob sie schon einmal bei den Cortes gewesen seien? Der Krieg … ein paar spitze Schreie, als Genis Puig – der keine Burg, keinen Konig, keine Cortes vorzuweisen hatte – mit seinen Schlachten prahlte. Und Wein, viel Wein.

»Was macht ein Adliger wie Ihr in der Stadt, in diesem Gasthof? Wartet Ihr vielleicht auf eine wichtige Personlichkeit?«, horte Aledis Teresa fragen.

»Wir haben eine Hexe hergebracht«, sagte Genis Puig stolz.

Die Madchen hatten nur den Herrn von Bellera gefragt. Teresa sah, wie der Adlige seinem Begleiter einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Das war der richtige Moment.

»Eine Hexe!«, rief Teresa, sturzte sich auf Jaume de Bellera und ergriff seine Hande. »In Tarragona haben wir gesehen, wie eine Hexe verbrannt wurde. Sie starb unter gellenden Schreien, wahrend das Feuer an ihren Beinen hochzungelte und ihre Brust verbrannte …«

Teresa blickte zur Decke, als sahe sie den Flammen hinterher. Dann fasste sie sich mit den Handen an die Brust, doch nach einigen Sekunden kam sie wieder zu sich und sah verstort den Adligen an, in dessen Gesicht bereits das Verlangen geschrieben stand.

Ohne die Hande des Madchens loszulassen, stand Jaume de Bellera auf.

»Komm mit.« Es war weniger eine Bitte als ein Befehl, und Teresa lie? sich davonziehen.

Genis Puig sah den beiden hinterher.

»Und wir?«, fragte er Eulalia und legte eine Hand auf das Bein des Madchens.

Eulalia machte keine Anstalten, die Hand wegzuschieben.

»Zuerst will ich alles uber die Hexe wissen. Es erregt mich …«

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