Hilfe suchend zum Hauptmann. »Wir kommen freiwillig mit«, erklarte Aledis, wahrend sie ihn herausfordernd ansah.

Der Hauptmann zuckte mit den Schultern und die Soldaten uberlie?en Aledis die alte Frau.

Sie wurden zur Burg von Navarcles gebracht und ins Verlies gesperrt. Allerdings misshandelte man sie nicht, sondern gab ihnen Essen, Wasser und sogar ein wenig Stroh, um darauf zu schlafen. Jetzt verstand sie auch den Grund: Der Herr von Bellera wollte, dass Francesca in ordentlicher Verfassung in Barcelona ankam, wohin man sie nach zwei Tagen brachte. Warum? Wozu? Was hatte das alles zu bedeuten?

Das Stimmengewirr holte sie in die Realitat zuruck. In ihre Gedanken verloren, war sie die Calle del Bisbe und die Calle de Sederes entlanggegangen, bis sie schlie?lich die Plaza del Blat erreichte. An diesem klaren, sonnigen Fruhlingstag hatten sich mehr Menschen auf dem Platz eingefunden als gewohnlich. Dutzende von Passanten flanierten zwischen den Getreideverkaufern. Aledis stand vor dem alten Stadttor. Als sie das duftende Brot an einem Stand zu ihrer Linken roch, drehte sie sich um. Der Backer sah sie misstrauisch an, und Aledis erinnerte sich wieder daran, wie sie aussah. Sie hatte keinen einzigen Sueldo dabei. Sie schluckte die Spucke herunter, die ihr im Munde zusammengelaufen war, und ging davon, wobei sie sich bemuhte, dem Blick des Backers auszuweichen.

Funfundzwanzig Jahre. Funfundzwanzig Jahre war es her, seit sie zuletzt durch diese Stra?en gelaufen, die Menschen beobachtet und die Geruche der graflichen Stadt eingesogen hatte. Ob es die Armenspeisung noch gab? An diesem Morgen hatten sie nichts zu essen bekommen in der Burg und ihr knurrender Magen erinnerte sie daran. Sie ging zuruck bis zur Kathedrale, am Bischofspalast vorbei. Wieder lief ihr das Wasser im Mund zusammen, als sie sich der Schar der Bedurftigen naherte, die sich vor der Tur des Almosenhauses drangte. Wie oft war sie in ihrer Jugend hier vorbeigekommen und hatte Mitleid mit diesen hungrigen Menschen empfunden, die auf der Suche nach offentlicher Mildtatigkeit gezwungen waren, sich vor den Burgern zur Schau zu stellen?

Aledis gesellte sich zu ihnen. Sie senkte den Kopf, damit ihr die Haare ins Gesicht fielen, und ruckte schlurfend mit der Reihe vorwarts bis dorthin, wo das Essen ausgegeben wurde. Sie verbarg ihr Gesicht noch mehr, als sie schlie?lich vor dem Novizen stand und die Hande ausstreckte. Warum musste sie um Almosen betteln? Sie besa? ein schones Haus und hatte genug Geld gespart, um ein sorgenfreies Leben zu fuhren. Die Manner begehrten sie nach wie vor … Es gab trockenes Brot aus Bohnenmehl, Wein und eine Schussel Suppe. Sie a? mit derselben Gier wie die ubrigen Armen um sie herum.

Als sie aufgegessen hatte, blickte sie zum ersten Mal auf. Sie war umgeben von Bettlern, Kruppeln und Greisen, die ihr Essen hinunterschlangen, ohne ihre Gefahrten im Ungluck aus den Augen zu lassen, den Brotkanten und die Schussel fest umklammernd. Was war der Grund dafur, dass sie nun hier war? Warum wurde Francesca im Bischofspalast festgehalten? Aledis stand auf. Eine blonde Frau in einem leuchtend roten Kleid, die auf dem Weg zur Kathedrale war, weckte ihre Aufmerksamkeit. Eine Adlige ohne Begleitung? Aber wenn sie keine Adlige war, konnte sie mit diesem Kleid nur eine … Da erkannte sie sie. Es war Teresa! Aledis lief zu dem Madchen.

»Wir haben uns vor der Burg abgewechselt, um herauszufinden, was mit euch los war«, erzahlte Teresa, nachdem sie sich umarmt hatten. »Es war ein Leichtes fur uns, die Wache am Tor davon zu uberzeugen, uns auf dem Laufenden zu halten.« Das Madchen zwinkerte Aledis mit ihren schonen grunen Augen zu. »Als man euch abfuhrte und die Soldaten uns erzahlten, dass ihr nach Barcelona gebracht wurdet, mussten wir erst einen Weg finden, um hierherzukommen. Deshalb hat es so lange gedauert. Wo ist Francesca?«

»Im Bischofspalast gefangen.«

»Weshalb?«

Aledis zuckte mit den Schultern. Als man sie getrennt hatte und ihr befahl zu gehen, hatte sie bei den Soldaten und Priestern den Grund zu erfahren versucht. »In den Kerker mit der Alten«, hatte sie gehort. Doch niemand hatte ihr geantwortet. Stattdessen hatte man sie immer wieder beiseitegesto?en. In ihrer Hartnackigkeit, die Grunde fur Francescas Verhaftung zu erfahren, hatte sie einen jungen Monch an der Kutte gepackt, und dieser rief nach der Wache, die sie schlie?lich auf die Stra?e warf und als Hexe beschimpfte.

»Wer von euch ist alles mitgekommen?«

»Nur Eulalia und ich.«

Ein leuchtend grunes Kleid kam auf sie zugerannt.

»Habt ihr Geld dabei?«

»Naturlich.«

»Und Francesca?«, fragte Eulalia, als sie vor Aledis stand.

»Verhaftet«, erklarte diese noch einmal. Eulalia wollte weitere Fragen stellen, doch Aledis kam ihr zuvor. »Ich wei? nicht, warum.« Aledis sah die beiden an. Gab es etwas, was diese Madchen nicht herausbekommen konnten? »Ich wei? nicht, warum sie verhaftet wurde, aber wir werden es herausfinden. Oder, Madchen?«

Die Antwort der beiden bestand in einem verschworerischen Lacheln.

Joan schleifte den verschmutzten Saum seines schwarzen Habits durch ganz Barcelona. Sein Bruder hatte ihn gebeten, Mar aufzusuchen. Wie sollte er ihr unter die Augen treten? Er hatte versucht, einen Pakt mit Eimeric zu schlie?en. Doch stattdessen war er auf seine Schliche hereingefallen wie einer dieser tumben Dorfler, denen er selbst so oft den Prozess gemacht hatte, und hatte ihm die besten Indizien fur Arnaus Schuld an die Hand gegeben. Was mochte Elionor ausgesagt haben? Er uberlegte kurz, seiner Schwagerin einen Besuch abzustatten, doch schon die Erinnerung daran, wie sie ihm in Felip de Ponts Haus zugelachelt hatte, lie? ihn davon Abstand nehmen. Was sollte sie ihm zu sagen haben, wenn sie ihren eigenen Mann angezeigt hatte?

Er ging durch die Calle de la Mar zur Kirche Santa Maria. Arnaus Kirche. Joan blieb stehen und betrachtete sie. Noch war sie von holzernen Gerusten umgeben, auf denen die Maurer hin und her liefen, doch Santa Maria zeigte bereits ihr stolzes Antlitz. Samtliche Au?enmauern und Strebepfeiler waren fertiggestellt, ebenso die Apsis und zwei der vier Mittelschiffjoche. Die Rippen des dritten Jochs, dessen Schlussstein der Konig gestiftet hatte und der dessen Vater Konig Alfons zu Pferde zeigte, wuchsen auf einem komplizierten Gerustwerk in die Hohe, bis der Schlussstein den Schub auffing und das Gewolbe von alleine trug. Es fehlten nur noch die beiden letzten Joche, dann war Santa Maria vollstandig geschlossen.

Wie sollte man sich nicht in diese Kirche verlieben? Joan erinnerte sich an Pater Albert und daran, wie Arnau und er die Kirche zum ersten Mal betreten hatten. Damals wusste er nicht einmal, wie man betete! Jahre spater hatte er beten, lesen und schreiben gelernt, und wahrenddessen hatte sein Bruder Steine fur den Bau geschleppt. Joan erinnerte sich an die blutenden Wunden, mit denen Arnau in den ersten Tagen nach Hause gekommen war. Und dennoch hatte er gelachelt. Er beobachtete die Handwerker, die an den Turpfosten und Archivolten der Hauptfassade arbeiteten, an dem Figurenschmuck, den beschlagenen Turen, dem Ma?werk, das sich an jedem Portal unterschied, an den schmiedeeisernen Gittern und den Wasserspeiern in Form von Fabelgestalten, an den Kapitellen der Saulen und an den Glasfenstern – ganz besonders an den kunstvollen Glasfenstern, deren Aufgabe

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