»Nehmt sie fest!«, brullte der Inquisitor und winkte wutend die Soldaten herbei, die an der Tur standen.

Guillem ruckte von den Soldaten ab. Die Ratsherren ruhrten sich nicht. Einige Soldaten griffen nach ihren Waffen, doch der befehlshabende Hauptmann winkte ab.

»Nehmt sie fest!«, verlangte Nicolau erneut.

»Sie sind gekommen, um zu verhandeln«, widersetzte sich der Hauptmann.

»Wie kannst du es wagen!«, tobte Nicolau und sprang auf.

Der Hauptmann lie? ihn nicht ausreden: »Sagt mir, wie ich diesen Palast verteidigen soll, dann nehme ich sie fest. Der Konig wird uns nicht zu Hilfe kommen.« Der Hauptmann deutete nach drau?en, von wo das Geschrei der Menge zu horen war. Dann sah er zum Bischof.

»Ihr konnt euren Seekonsul mitnehmen«, antwortete der Bischof. »Er ist frei.«

Nicolau lief rot an.

»Was sagt Ihr da?«, rief er und packte den Bischof am Arm.

Berenguer d'Erill riss sich wutend los.

»Arnau Estanyol untersteht nicht Eurer Autoritat«, sagte der Ratsherr, an den Bischof gewandt. »Nicolau Eimeric«, fuhr er dann fort, »das Burgerheer von Barcelona hat Euch drei Moglichkeiten gewahrt. Ubergebt uns nun den Seekonsul oder Ihr werdet die Folgen tragen.«

Wie um die Worte des Ratsherren zu unterstreichen, flog ein Stein durchs Fenster und prallte gegen den langen Tisch, an dem die Mitglieder des Tribunals sa?en. Selbst die Dominikanermonche zuckten auf ihren Platzen zusammen. Das Geschrei auf der Plaza Nova war wieder lauter geworden. Ein weiterer Stein flog in den Raum. Der Schreiber sprang auf, raffte seine Unterlagen zusammen und fluchtete ans andere Ende des Saales. Die schwarzen Monche, die dem Fenster am nachsten sa?en, wollten es ihm nachtun, doch ein Zeichen des Inquisitors hinderte sie an der Flucht.

»Seid Ihr verruckt?«, flusterte ihm der Bischof zu.

Nicolau lie? seinen Blick uber die Anwesenden gleiten, bis er an Arnau hangenblieb. Dieser sah ihn an und lachelte.

»Ketzer!«, tobte er.

»Es reicht«, sagte der Ratsherr und wandte sich zum Gehen.

»Nehmt ihn mit!«, flehte der Bischof.

»Wir sind nur gekommen, um zu verhandeln«, erklarte der Ratsherr und blieb stehen. Er musste die Stimme erheben, um den Larm zu ubertonen, der vom Platz heraufdrang. »Wenn sich die Inquisition den Forderungen der Stadt nicht beugt und den Gefangenen nicht freilasst, wird das Burgerheer ihn befreien mussen. So ist das Gesetz.«

Nicolau stand zitternd vor ihnen. Seine Augen waren blutunterlaufen und traten aus den Hohlen. Zwei weitere Steine prallten gegen die Wande des Gerichtssaals.

»Sie werden den Palast sturmen«, sagte der Bischof zu ihm, ohne darauf zu achten, ob man ihn horte. »Was wollt Ihr noch? Ihr habt seine Aussage und sein Vermogen. Erklart ihn trotzdem zum Ketzer, und er ist dazu verdammt, ein Leben lang auf der Flucht zu sein.«

Die Ratsherren und der Zunftmeister der Bastaixos hatten sich zum Gehen gewandt. Die Soldaten traten beiseite, Angst stand auf ihren Gesichtern. Guillem achtete nur auf das Gesprach zwischen dem Bischof und dem Inquisitor. Unterdessen stand Arnau immer noch mitten im Raum neben Francesca und sah Nicolau herausfordernd an. Dieser wich seinem Blick aus.

»Nehmt ihn mit!«, gab der Inquisitor schlie?lich nach.

Die Menge auf dem Platz und in den uberfullten Seitenstra?en brach in Jubel aus, als die Ratsherren mit Arnau vor dem Tor des Palasts erschienen. Francesca zog die Fu?e nach. Niemand hatte auf die alte Frau geachtet, als Arnau sie am Arm gepackt und aus dem Gerichtssaal geschoben hatte. Doch an der Tur hatte er sie losgelassen und war wie angewurzelt stehen geblieben. Die Ratsherren hatten ihn zum Weitergehen gedrangt, doch Arnau ruhrte sich nicht. Nicolau stand noch immer hinter dem Tisch und sah ihm hinterher, ohne auf den Steinhagel zu achten, der durch das Fenster hereinprasselte. Einer der Steine traf ihn am linken Arm, doch der Inquisitor blieb reglos stehen. Die ubrigen Mitglieder des Tribunals hatten sich weit weg von der Fensterfront in Sicherheit gebracht, vor der sich der Zorn der Burger entlud.

»Guillem …«

Der Maure trat zu ihm, fasste ihn bei den Schultern und kusste ihn auf den Mund.

»Geh mit ihnen, Arnau«, drangte er ihn. »Drau?en warten Mar und dein Bruder. Ich habe noch etwas hier zu erledigen. Wir sehen uns spater.«

Obwohl sich die Ratsherren bemuhten, ihn zu schutzen, sturzten sich die Leute auf Arnau, sobald er den Platz betrat, um ihn zu umarmen, zu beruhren und zu begluckwunschen. Immer neue lachelnde Gesichter tauchten vor ihm auf. Niemand wollte zur Seite weichen, um die Ratsherren durchzulassen. Die Gesichter riefen ihm etwas zu.

Durch das Gedrange der Menge wurden die funf Ratsherren und der Zunftmeister, die Arnau in ihre Mitte nahmen, hin und her geschoben. Das Geschrei ging Arnau durch Mark und Bein. Immer neue Gesichter tauchten vor ihm auf. Seine Beine gaben nach. Arnau versuchte uber die Kopfe der Leute hinwegzusehen, doch er erkannte nur einen Wald von Armbrusten, Schwertern und Dolchen, die sich unter dem Geschrei der Menge in den Himmel reckten, immer und immer wieder … Er stutzte sich auf die Ratsherren, doch als er kurz davor war zu fallen, tauchte eine kleine steinerne Figur in dem Meer aus Waffen auf, die genau wie diese hin und her wogte.

Guillem war zuruckgekommen und seine Jungfrau lachelte ihm zu. Arnau schloss die Augen und lie? sich von den Ratsherren davontragen.

Mar, Aledis und Joan kamen nicht an Arnau heran, sosehr sie auch drangten und rempelten. Als das Gnadenbild der Jungfrau und die Banner zuruck zur Plaza del Blat zogen, entdeckten sie ihn auf den Armen der Ratsherren. Auch Jaume de Bellera und Genis Puig, die sich unters Volk gemischt hatten, konnten ihn sehen. Bis gerade eben hatten auch sie ihre Schwerter in dem Meer aus Waffen gegen den Bischofspalast erhoben und waren gezwungenerma?en in die Rufe gegen den Inquisitor eingefallen, obwohl sie aus tiefstem Herzen beteten, dass Nicolau hart blieb und der Konig seine Haltung anderte und dem Sanctum Officium zu Hilfe kam. Wie war es moglich, dass sich der Konig, fur den sie so oft ihr Leben riskiert

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату