hatten, so feige zuruckhielt?

Als er Arnau entdeckte, reckte Genis Puig erneut sein Schwert in die Luft und begann zu schreien wie ein Besessener. Der Herr von Navarcles kannte diesen Schrei. Er hatte ihn schon oft gehort, wenn sich der Ritter, das Schwert uber seinem Kopf schwenkend, im gestreckten Galopp in den Kampf sturzte. Genis' Waffe stie? gegen die Armbruste und Schwerter der Umstehenden. Die Leute wichen zuruck, und Genis Puig drangte in Richtung der Ratsherren, die soeben von der Plaza Nova in die Calle del Bisbe einbogen. Hatte er vor, sich dem gesamten Heer von Barcelona entgegenzustellen? Man wurde ihn toten, zuerst ihn und dann …

Jaume de Bellera warf sich auf seinen Freund und zwang ihn, das Schwert zu senken. Die Umstehenden sahen sie befremdet an, doch die gro?e Masse drangte weiter in Richtung Calle del Bisbe. Die Lucke in der Menge schloss sich, sobald Genis aufgehort hatte zu brullen und mit dem Schwert zu fuchteln. Der Herr von Bellera zog ihn von denen weg, die seine Attacke beobachtet hatten.

»Bist du verruckt geworden?«, fragte er.

»Sie haben ihn freigelassen … Frei!« Genis betrachtete die Banner, die nun die Calle del Bisbe hinunterzogen. Jaume de Bellera zwang Genis, ihn anzusehen.

»Was hast du vor?«

Genis Puig betrachtete erneut die Banner und versuchte, sich von Jaume de Bellera loszurei?en.

»Ich will Rache!«, entgegnete er.

»Aber nicht so!«, riet ihm der Herr von Bellera. »Das ist nicht der richtige Weg!« Dann schuttelte er Genis aus Leibeskraften, bis dieser zur Besinnung kam. »Wir werden einen Weg finden …«

Genis sah ihn durchdringend an. Seine Lippen bebten.

»Schworst du es mir?«

»Bei meiner Ehre.«

Als das Burgerheer von der Plaza Nova abzog und die letzten Siegesrufe in der Calle del Bisbe verhallten, wurde es still im Gerichtssaal. Nur der schwere Atem des Inquisitors war zu horen. Niemand hatte sich geruhrt. Die Soldaten hielten die Stellung und gaben sich alle Muhe, dass ihre Waffen und Rustungen nicht verraterisch klirrten. Nicolau sah die Anwesenden an. Worte waren uberflussig. »Verrater«, sagte der Blick, den er Berenguer d'Erill zuwarf. »Feiglinge«, gab er den Ubrigen stumm zu verstehen. Als er sich schlie?lich den Soldaten zuwandte, bemerkte er Guillem.

»Was hat dieser Unglaubige hier zu suchen?«, schrie er.

Der Hauptmann wusste nicht, was er antworten sollte. Guillem war mit den Ratsherren hereingekommen, und er hatte ihn nicht bemerkt, weil er mit den Anweisungen des Inquisitors beschaftigt gewesen war. Guillem wiederum wollte abstreiten, dass er ein Unglaubiger war, und seine Taufe erwahnen, doch dann tat er es nicht: Trotz der Bemuhungen des Generalinquisitors hatte das Sanctum Officium keine rechtliche Handhabe gegen Juden und Mauren. Nicolau konnte ihn nicht festnehmen.

»Mein Name ist Sahat von Pisa«, sagte Guillem laut und vernehmlich, »und ich mochte mit Euch sprechen.«

»Ich habe nichts mit einem Unglaubigen zu besprechen. Werft ihn hinaus!«

»Ich glaube, was ich Euch zu sagen habe, wird Euch interessieren.«

»Was du glaubst, ist mir vollig gleichgultig.«

Nicolau gab dem Hauptmann ein Zeichen und dieser zog sein Schwert.

»Vielleicht ist es Euch nicht gleichgultig, zu erfahren, dass Arnau Estanyol bankrott ist«, setzte Guillem hinzu, wahrend er vor dem Hauptmann zuruckwich. »Ihr werdet keinen einzigen Sueldo aus seinem Vermogen bekommen.«

Nicolau seufzte und sah an die Decke. Ohne auf einen ausdrucklichen Befehl zu warten, senkte der Hauptmann das Schwert.

»Erklare dich, Unglaubiger«, forderte der Inquisitor Guillem auf.

»Ihr habt Arnau Estanyols Rechnungsbucher. Seht sie Euch genau an.«

»Denkst du, das haben wir nicht bereits getan?«

»Ihr solltet wissen, dass die Schulden des Konigs erlassen wurden.«

Guillem selbst hatte die entsprechenden Dokumente unterzeichnet und an Francesco de Perellos ubergeben. Arnau hatte seine Vollmachten nie loschen lassen, wie der Maure aus den Buchern des Magistrats ersah.

Nicolau verzog keine Miene. Alle im Raum hatten den gleichen Gedanken: Das also war der Grund, weshalb der Stadtrichter nicht eingegriffen hatte.

Es vergingen einige Sekunden, in denen Guillem und Nicolau sich mit Blicken ma?en. Guillem wusste, was dem Inquisitor in diesem Moment durch den Kopf ging. ›Was wirst du jetzt deinem Papst sagen? Wie willst du ihm die versprochene Summe zahlen? Der Brief ist bereits unterwegs, und es gibt keine Moglichkeit, ihn abzufangen, bevor er den Papst erreicht. Was willst du ihm sagen? Du bist auf seine Unterstutzung gegen den Konig angewiesen, den du dir zum Feind gemacht hast.‹

»Und was hast du mit all dem zu schaffen?«, fragte Nicolau schlie?lich.

»Das kann ich Euch erklaren … unter vier Augen«, verlangte Guillem angesichts der Herablassung, mit der Nicolau ihn behandelt hatte.

»Die Stadt erhebt sich gegen die Inquisition, und nun verlangt ein gewohnlicher Unglaubiger eine Privataudienz von mir!«, tobte Nicolau. »Wofur haltet ihr euch?«

›Was wirst du deinem Papst sagen?‹, schien Guillems Blick zu fragen. ›Willst du, dass ganz Barcelona von deinen Machenschaften erfahrt?‹

»Durchsucht ihn«, wies der Inquisitor den Hauptmann an. »Vergewissert euch, dass er keine Waffen bei sich tragt, und fuhrt ihn in den Vorraum meines Arbeitszimmers. Dort wartet ihr, bis ich komme.«

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