»Du wirst sehen, meine Liebe«, antwortete Grau ernst. »Wir leben vom Handel und verdienen viel Geld damit. Einen Teil unserer Gewinne investieren wir wieder in unsere eigenen Geschafte. Heute haben wir andere Schiffe als noch vor zehn Jahren, und deswegen fahren wir weiterhin Gewinne ein. Die adligen Grundbesitzer hingegen haben keinen einzigen Sueldo in ihr Land oder ihre Anbaumethoden investiert. Tatsachlich verwenden sie immer noch dieselben Geratschaften und Anbaumethoden wie die Romer. Die Romer! Die Felder mussen alle zwei oder drei Jahre brachliegen, wo sie doch doppelt oder dreimal so lange Ertrag bringen konnten, wenn man sie besser bestellte. Diese adligen Grundherren, die du so sehr verteidigst, kummern sich keinen Deut um die Zukunft; alles, was sie wollen, ist leicht verdientes Geld. Sie werden das Prinzipat in den Ruin treiben.«
»So schlimm wird es schon nicht werden«, beharrte die Baronin.
»Wei?t du, was ein Scheffel Weizen kostet?« Seine Frau antwortete nicht, und Grau schuttelte den Kopf, bevor er fortfuhr. »Um die hundert Sueldos. Wei?t du, wo der Preis normalerweise liegt?« Diesmal erwartete er erst gar keine Antwort. »Bei zehn Sueldos ungemahlen und sechzehn Sueldos gemahlen. Der Preis fur ein Scheffel hat sich verzehnfacht!«
»Aber wir werden doch weiterhin zu essen haben?« Der Baronin war die Besorgnis anzumerken, die sie uberkommen hatte.
»Du willst es nicht verstehen, Frau. Wir konnen den Weizen zahlen – wenn es welchen gibt, denn es kann der Moment kommen, in dem es keinen mehr gibt … Das Problem ist, dass das Volk von Barcelona immer noch dasselbe fur das Getreide bezahlt, obwohl der Preis um das Zehnfache gestiegen ist …«
»Dann werden wir also genug Getreide haben«, unterbrach ihn seine Frau.
»Ja, aber …«
»Und Bernat wird keine Arbeit finden.«
»Ich glaube nicht, aber …«
»Nun, das ist das Einzige, was mich interessiert«, sagte sie, bevor sie ihm, der ganzen Erklarungen uberdrussig, den Rucken zukehrte.
»… aber es steht etwas Schreckliches bevor«, brachte Grau seinen Satz zu Ende, als die Baronin schon nicht mehr horen konnte, was er sagte.
Es war ein schlechtes Jahr. Bernat war es leid, immer und immer wieder diese Erklarung zu horen. Uberall, wo er nach Arbeit fragte, war von einem schlechten Jahr die Rede. »Ich musste die Halfte meiner Lehrlinge entlassen. Wie soll ich dir da Arbeit geben?«, fragte einer. »Es ist ein schlechtes Jahr. Ich habe nicht einmal genug, um meine Kinder zu ernahren«, sagte ein anderer. »Hast du es noch nicht bemerkt?«, fuhr ihn ein anderer an. »Es ist ein schlechtes Jahr. Ich musste uber die Halfte meiner Ersparnisse ausgeben, um meine Kinder zu ernahren. Fruher hatte ein Viertel ausgereicht.«
»Wie sollte ich es nicht bemerken«, dachte Bernat. Aber er suchte weiter, bis der Winter kam und mit ihm die Kalte. Nun wagte er vielerorts gar nicht mehr zu fragen. Die Kinder hungerten, die Eltern sparten sich das Essen vom Mund ab, um ihre Kinder zu ernahren, und Pocken, Typhus und Diphtherie begannen, ihre todliche Runde zu machen.
Jedes Mal, wenn sein Vater au?er Haus war, warf Arnau einen Blick in dessen Geldborse, anfangs jede Woche, mittlerweile taglich. Manchmal sah er mehrmals am Tag nach, weil er wusste, dass Bernats Rucklagen zur Neige gingen.
»Was ist der Preis der Freiheit?«, fragte er eines Tages Joan, als sie beide zur Jungfrau beteten.
»Der heilige Gregor sagt, dass ursprunglich alle Menschen gleich geboren wurden und folglich alle frei waren.« Joan sprach mit ruhiger, gleichmutiger Stimme, so als sagte er eine Lektion auf. »Es waren freie Menschen, die sich zu ihrem eigenen Wohl einem Herrn unterwarfen, damit dieser fur sie sorge. Sie verloren einen Teil ihrer Freiheit, doch sie gewannen einen Herrn, der seine schutzende Hand uber sie hielt.«
Arnau sah zur Jungfrau auf, wahrend er seinem Bruder zuhorte. Weshalb lachelte sie nicht? Hatte der heilige Gregor wohl auch eine leere Borse, so wie sein Vater?
»Joan?«
»Ja?«
»Was soll ich deiner Meinung nach tun?«
»Du selbst musst die Entscheidung treffen.«
»Aber was denkst du?«
»Das habe ich dir bereits gesagt. Es waren freie Menschen, die die Entscheidung trafen, sich einen Herrn zu suchen, damit er fur sie sorge.«
Noch am selben Tag wurde Arnau in Grau Puigs Haus vorstellig, ohne dass sein Vater davon wusste. Er ging durch die Kuche, um nicht von den Stallungen aus gesehen zu werden. Dort traf er Estranya an. Sie war dick wie eh und je, als betrafe sie der Hunger nicht. Plump wie eine Ente stand sie vor einem Topf, der uber dem Feuer hing.
»Sag deinen Herrschaften, dass ich gekommen bin, um mit ihnen zu sprechen«, sagte er, als die Kochin ihn bemerkte.
Ein dummes Lacheln erschien auf dem Gesicht der Sklavin. Estranya sagte Graus Hausverwalter Bescheid und dieser informierte seinen Herrn. Sie lie?en ihn stundenlang warten. Unterdessen defilierte das gesamte Personal durch die Kuche, um Arnau in Augenschein zu nehmen. Einige grinsten, anderen – den wenigsten – war eine gewisse Traurigkeit daruber anzumerken, dass er klein beigab. Arnau hielt den Blicken stand und begegnete jenen, die ihn angrinsten, mit Hochmut. Doch es gelang ihm nicht, den Spott aus ihren Gesichtern zu loschen.
Nur Bernat fehlte, obwohl Tomas, der Stallbursche, ihm sofort Bescheid gab, dass sein Sohn gekommen war, um sich zu entschuldigen. »Es tut mir leid, Arnau, es tut mir leid«, murmelte Bernat immer wieder, wahrend er eines der Pferde striegelte.
Nachdem er lange gewartet hatte – seine Beine schmerzten ihn von dem langen Stehen, da Estranya ihm verboten hatte, sich hinzusetzen –, wurde Arnau in den gro?en Salon der Graus gefuhrt. Er hatte keine Augen fur den Luxus, mit dem das Haus eingerichtet war. Gleich beim Eintreten richtete sich sein Blick auf die funf Familienmitglieder, die dort auf ihn warteten. Baron und Baronin sa?en, seine drei Cousins standen daneben. Die Manner trugen kostbare, farbige Seidenhosen und knielange, mit goldenen Scharpen gegurtete Wamser, die Frauen perlen- und edelsteinbestickte Kleider.
