Der Hausverwalter fuhrte Arnau in die Mitte des Raumes, einige Schritte von der Familie entfernt. Dann begab er sich wieder zur Tur, wo er auf Graus Anweisung hin stehen blieb.
»Sprich«, sagte Grau, reglos wie stets.
»Ich bin gekommen, um Euch um Entschuldigung zu bitten.«
»Dann tu es.«
Arnau wollte zum Sprechen ansetzen, doch die Baronin fuhr ihm ins Wort.
»So gedenkst du dich zu entschuldigen? Stehend?«
Arnau zogerte einige Sekunden, doch schlie?lich beugte er ein Knie. Margaridas blodes Kichern hallte durch den Raum.
»Ich bitte Euch alle um Verzeihung«, sagte Arnau, wahrend er die Baronin direkt ansah.
Die Frau durchbohrte ihn mit Blicken.
»Ich mache es nur fur meinen Vater«, sagte Arnaus Miene.
»Die Fu?e!«, kreischte die Baronin. »Kuss uns die Fu?e!«
Arnau wollte sich erheben, doch die Baronin hinderte ihn daran.
»Auf die Knie!«, brullte sie durch den ganzen Salon.
Arnau gehorchte und rutschte auf den Knien zu ihnen. Nur fur meinen Vater. Nur fur meinen Vater. Ich tue es nur fur meinen Vater … Die Baronin hielt ihm ihre seidenen Pantoffeln hin und Arnau kusste sie, zuerst den linken, dann den rechten. Ohne hochzusehen rutschte er hinuber zu Grau. Der zogerte, als der Junge vor ihm kniete, den Blick starr auf seine Fu?e geheftet. Doch als seine Frau ihn wutentbrannt ansah, hob er sie nacheinander zum Mund des Jungen. Arnaus Cousins taten es ihren Eltern nach. Arnau versuchte den seidenen Pantoffel zu kussen, den Margarida ihm entgegenstreckte, doch als seine Lippen den Schuh beruhren wollten, zog sie ihn weg und kicherte. Arnau versuchte es erneut, und wieder lachte seine Cousine ihn aus. Schlie?lich wartete sie, bis der Junge seinen Mund auf den Pantoffel presste, erst den einen, dann den anderen.
15
Bernat zahlte die Munzen, die Grau ihm ausbezahlt hatte, und tat sie, vor sich hin murmelnd, in die Geldborse. Sie mussten eigentlich ausreichen, aber … diese verfluchten Genuesen! Wann wurde die Belagerung enden, unter der das Prinzipat litt? Barcelona hungerte.
Bernat befestigte die Borse an seinem Gurtel und machte sich auf die Suche nach Arnau. Der Junge war abgemagert. Bernat sah ihn besorgt an. Es war ein harter Winter gewesen. Aber zumindest hatten sie ihn uberstanden. Wie viele konnten das von sich behaupten? Bernat presste die Lippen aufeinander und strich seinem Sohn ubers Haar. Dann legte er ihm die Hand um die Schulter. Wie viele Kinder waren an Kalte, Hunger und Krankheiten gestorben? Wie viele Vater konnten nun noch die Hand um die Schultern ihrer Sohne legen? »Zumindest bist du am Leben«, dachte er.
An diesem Tag lief ein Schiff mit Weizen im Hafen von Barcelona ein, eines der wenigen, denen es gelungen war, den Belagerungsring der Genuesen zu durchbrechen. Das Getreide wurde von der Stadt zu astronomischen Summen aufgekauft, um es dann zu einem bezahlbaren Preis an die Bewohner weiterzugeben. An diesem Freitag gab es Weizen auf der Plaza del Blat. Seit den fruhen Morgenstunden stromten die Menschen herbei und machten sich die Platze streitig, um zuzusehen, wie die Beamten das Korn abma?en.
Trotz der Bemuhungen der Ratsherren, ihn zum Schweigen zu bringen, predigte seit einigen Monaten ein Karmelitermonch gegen die Machtigen. Er warf ihnen vor, die Hungersnot verursacht zu haben, und beschuldigte sie, heimlich Getreide zu horten. Die Brandreden des Monchs hatten Eindruck auf die Glaubigen gemacht und die Geruchte verbreiteten sich in der ganzen Stadt. An diesem Freitag versammelten sich immer mehr Menschen auf der Plaza del Blat. Sie diskutierten und drangten sich vor den Standen, an denen die stadtischen Beamten mit dem Getreide hantierten.
Die Behorden berechneten die Menge an Korn, die jedem Barcelonesen zustand, und betrauten den Marktaufseher der Plaza del Blat mit der Uberwachung des Verkaufs.
»Mestre hat gar keine Familie!«, wurden wenige Minuten nach dem Beginn des Verkaufs die ersten Rufe laut. Sie galten einem zerlumpten Mann, der in Begleitung eines noch abgerisseneren Jungen war. »Sie sind alle wahrend des Winters gestorben.«
Die Beamten nahmen Mestre das Getreide wieder weg, doch immer neue Beschuldigungen waren zu horen: Der da habe einen Sohn an einem anderen Stand anstehen. Jener habe bereits gekauft. Dieser habe keine Familie. Das sei nicht sein Sohn. Er habe ihn nur mitgebracht, um mehr zu bekommen …
Der Platz verwandelte sich in eine Geruchtekuche. Die Menschenschlangen losten sich auf, es kam zu Auseinandersetzungen, und aus Argumenten wurden Beschimpfungen. Jemand verlangte lautstark, dass die Obrigkeit das heimlich gehortete Getreide verkaufen sollte, und das wutende Volk stimmte in die Forderung mit ein. Die Beamten sahen sich einer zahlenma?ig uberlegenen Menge gegenuber, die sich vor den Verkaufsstanden drangte. Die Buttel des Konigs begannen, gegen die hungernden Menschen vorzugehen, und nur eine rasche Entscheidung des Marktaufsehers rettete die Lage. Er ordnete an, das Getreide in den Palast des Stadtrichters am ostlichen Ende des Platzes zu bringen, und setzte den Verkauf fur den Vormittag aus.
Enttauscht daruber, das begehrte Lebensmittel nicht bekommen zu haben, kehrten Bernat und Arnau zu Graus Haus zuruck, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Noch im Hofeingang, gegenuber den Stallungen, erzahlten sie dem Stallmeister und jedem, der es horen wollte, was auf der Plaza del Blat vorgefallen war. Beide hielten sich nicht mit Schmahungen gegenuber den Behorden zuruck und beklagten sich uber den Hunger, den sie litten.
Angelockt von dem Geschrei, stand die Baronin an einem der Fenster zum Hof und ergotzte sich an der Not des fluchtigen Leibeigenen und seines unverschamten Sohnes. Wahrend sie die beiden beobachtete, huschte ein Lacheln uber ihre Lippen bei dem Gedanken an die Anweisungen, die Grau ihr gegeben hatte, bevor er auf eine Reise aufgebrochen war. Er hatte doch gewollt, dass seine Schuldner etwas zu essen hatten?
Die Baronin nahm die Borse mit dem Geld, das fur die Ernahrung der Gefangenen bestimmt war, die als Schuldner ihres Mannes im Gefangnis sa?en, lie? den Hausverwalter rufen und trug ihm auf, Bernat Estanyol mit dieser Aufgabe zu betrauen. Fur den Fall, dass es Schwierigkeiten gab, sollte er seinen Sohn Arnau
