der Herr.«
»Und wovon sollen wir leben?«, fragte Arnau.
»Mach dir darum keine Sorgen, mein Junge. Ich habe ein wenig Geld gespart, damit werden wir zurechtkommen. Wir werden uns anderswo Arbeit suchen. Grau Puig ist nicht der Einzige, der Pferde hat.«
Bernat lie? keinen Tag verstreichen. Noch am selben Abend versuchte er, eine neue Anstellung fur sich und Arnau zu finden. Er fand ein Adelshaus mit Stallungen und wurde vom Hausverwalter freundlich empfangen. Viele in Barcelona beneideten Grau Puig um seine gut gepflegten Pferde, und als Bernat sich als der zustandige Mann vorstellte, zeigte der Verwalter Interesse, ihn einzustellen. Doch als Bernat am nachsten Tag erneut in den Stallungen erschien, um die Bestatigung fur eine Nachricht zu erhalten, die er bereits mit seinen Sohnen gefeiert hatte, wurde er nicht einmal empfangen. »Sie haben nicht genug bezahlt«, log er beim Abendessen. Bernat versuchte es auch in anderen Adelshausern, die uber Stallungen verfugten, doch wenn es schien, als sei man gewillt, sie anzustellen, war am nachsten Morgen alles anders.
»Du wirst keine Arbeit finden«, erklarte ihm schlie?lich ein Stallmeister. Er hatte Mitleid mit Bernat, dem die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand. »Die Baronin wird nicht zulassen, dass du eine Anstellung findest. Nachdem du bei uns warst, erhielt mein Herr eine Nachricht von der Baronin, in der diese ihn bat, dir keine Arbeit zu geben. Es tut mir leid.«
»Du Bastard.«
Er sagte es ihm ins Ohr, leise, aber bestimmt, die Vokale lang gedehnt. Tomas fuhr zusammen und versuchte zu entkommen, doch Bernat packte ihn von hinten um den Hals und druckte zu, bis der Stallknecht zusammensackte. Erst dann lockerte er den Griff. Wenn die Adligen Botschaften erhielten, hatte Bernat uberlegt, musste ihm jemand folgen. »Lass mich durch die Hintertur raus«, bat er den Stallmeister. Tomas, der sich in einer Ecke gegenuber der Stalltur postiert hatte, sah ihn nicht kommen. Bernat schlich sich von hinten an.
»Du hast das Zaumzeug so prapariert, dass es sich loste, stimmt's? Und jetzt, was willst du noch?« Bernat druckte erneut den Hals des Stallburschen zu.
»Was … was tut das noch zur Sache?« Tomas schnappte nach Luft.
»Was willst du damit sagen?« Bernat druckte fest zu. Der Stallknecht ruderte mit den Armen, konnte sich jedoch nicht befreien. Nach einigen Sekunden merkte Bernat, wie Tomas erneut in sich zusammensackte. Er lie? seinen Hals los, bis er wieder zu sich kam. »Was willst du damit sagen?«, fragte er noch einmal.
Tomas schnappte ein paar Mal nach Luft, bevor er antwortete. Sobald wieder Farbe in sein Gesicht kam, erschien ein spottisches Grinsen auf seinen Lippen.
»Bring mich um, wenn du willst«, sagte er atemlos, »aber du wei?t ganz genau, wenn es nicht das Zaumzeug gewesen ware, dann ware es eben etwas anderes gewesen. Die Baronin hasst dich und wird dich immer hassen. Du bist nur ein fluchtiger Unfreier und dein Sohn der Sohn eines fluchtigen Unfreien. Du wirst keine Arbeit in Barcelona finden. Die Baronin hat es befohlen, und wenn ich es nicht mache, wird dir ein anderer hinterherspionieren.«
Bernat spuckte ihm ins Gesicht. Tomas ruhrte sich nicht und sein Grinsen wurde noch breiter.
»Es gibt keinen Ausweg, Bernat Estanyol. Dein Sohn wird um Entschuldigung bitten mussen.«
»Ich werde mich entschuldigen«, gab Arnau an diesem Abend mit geballten Fausten und Tranen in den Augen nach, nachdem er die Erklarungen seines Vaters angehort hatte. »Gegen den Adel kommen wir nicht an, und wir brauchen Arbeit. Diese Schweine! Diese verdammten Schweine!«
Bernat sah seinen Sohn an. »Dort werden wir frei sein«, hatte er ihm wenige Monate nach seiner Geburt beim Anblick von Barcelona versprochen. Und dafur alle diese Muhen und all diese Anstrengungen?
»Nein, Junge. Warte. Wir werden uns etwas anderes suchen …«
»Sie haben das Sagen, Papa. Der Adel hat das Sagen. Auf dem Land, auf Eurem Grund und Boden und auch in der Stadt.«
Joanet beobachtete sie schweigend. »Man schuldet der Obrigkeit Gehorsam und Fugsamkeit«, hatten ihm seine Lehrer beigebracht. »Des Menschen Freiheit liegt in Gottes Reich, sie ist nicht von dieser Welt.«
»Sie konnen nicht ganz Barcelona beherrschen. Nur die Adligen besitzen Pferde, aber wir konnen einen anderen Beruf erlernen. Irgendetwas wird sich schon finden, Junge.«
Bernat bemerkte einen Funken Hoffnung in den Augen seines Sohnes. Er sah aus, als wollte er die letzten Worte formlich aufsaugen.
»Ich habe dir die Freiheit versprochen, Arnau. Ich schulde sie dir, und ich werde sie dir geben. Gib sie nicht zu schnell verloren, mein Junge.«
In den folgenden Tagen lief Bernat auf der Suche nach der Freiheit durch die Stra?en. Am Anfang folgte ihm Tomas – nun ganz offen –, wenn er seine Arbeit in Graus Stallungen beendet hatte. Doch als die Baronin begriff, dass sie auf Handwerker, kleine Handler oder Schiffsbauer keinen Einfluss hatte, horte er damit auf.
»Er wird schwerlich etwas erreichen«, versuchte Grau seine Frau zu beruhigen, als diese zu ihm kam, um sich unter Tranen uber das Verhalten des Bauern zu beschweren.
»Wie meinst du das?«, fragte sie.
»Er wird keine Arbeit finden. Barcelona leidet an den Folgen seiner wenig vorausschauenden Politik.«
Die Baronin bat ihn fortzufahren. Grau irrte sich nie in seinen Urteilen.
»Die Ernten der letzten Jahre waren katastrophal«, erklarte er seiner Frau. »Das Land ist ubervolkert, und das wenige, was der Boden hergibt, gelangt nicht in die Stadte. Sie essen es selber auf.«
»Aber Katalonien ist gro?«, wandte die Baronin ein.
»Tausche dich nicht, meine Liebe. Katalonien ist gro?, gewiss, doch seit Jahren pflanzen die Bauern kein Getreide mehr an, und das ist es, was gegessen wird. Jetzt kultivieren sie Flachs, Wein, Oliven oder Obst, aber kein Getreide. Die Umstellung hat die Herren der Bauern reich gemacht, und es ist uns, den Handlern, sehr gut gegangen, doch nun beginnt die Situation untragbar zu werden. Bislang ernahren wir uns von Getreide aus Sizilien und Sardinien, doch durch den Krieg mit Genua konnen wir uns nicht langer mit diesen Produkten versorgen. Bernat wird keine Arbeit finden, aber die Lage wird fur alle schwierig werden, auch fur uns, und die Schuld daran tragen vier unfahige Adlige …«
»Warum sprichst du so?«, unterbrach ihn die Baronin, die sich angesprochen fuhlte.
