Joan suchte den Blick seines Bruders, doch Arnau sah Mariona an.
Und sie hielten es aus. Tomas, der Stallbursche, wagte es nicht, Bernat zu piesacken, Arnau hingegen schon.
»Er ist auf Streit aus, mein Junge«, versuchte Bernat Arnau zu trosten, wenn dieser wieder einmal beinahe platzte vor Wut. »Wir durfen nicht in die Falle tappen.«
»Aber wir konnen nicht ein Leben lang so weitermachen, Papa«, beschwerte sich Arnau irgendwann.
»Das werden wir nicht. Ich habe gehort, wie Jesus ihn ein paar Mal ermahnt hat. Er arbeitet nicht gut und Jesus wei? das. Die Pferde, mit denen er zu tun hat, sind nicht mehr zu fuhren, sie treten aus und bei?en. Nicht mehr lange, und er wird fallen. Nicht mehr lange, mein Junge.«
Und wie Bernat vorausgesehen hatte, lie?en die Folgen nicht lange auf sich warten. Die Baronin legte gro?en Wert darauf, dass Graus Kinder reiten lernten. Es war besser, wenn Grau nichts davon erfuhr, doch die beiden Knaben mussten reiten lernen. Also verlie?en sie mehrmals wochentlich nach dem Unterricht die Stadt, Isabel und Margarida in der von Jesus gelenkten Kutsche, die Jungen, der Hauslehrer und Tomas zu Fu?, wobei der Stallbursche ein Pferd am Zugel fuhrte. Auf einem freien Feld vor den Stadttoren erhielten sie nacheinander von Jesus Reitunterricht.
Jesus hielt in der rechten Hand ein langes Seil, das er am Zaumzeug des Pferdes befestigt hatte, sodass das Tier gezwungen war, im Kreis zu laufen. In der linken Hand hielt er eine Peitsche, um das Tier anzutreiben. Die Reitschuler sa?en einer nach dem anderen auf und ritten, seinen Anweisungen und Ratschlagen folgend, im Kreis um den Stallmeister herum.
An diesem Tag lie? Tomas, der das Gespann vor der Kutsche beaufsichtigte, kein Auge vom Maul des Pferdes. Es war nur ein Ruck notig, der fester war als gewohnlich, nur einer. Es kam immer ein Moment, in dem das Tier scheute.
Genis Puig sa? nun auf dem Pferd.
Der Stallbursche sah in das Gesicht des Knaben. Panische Angst stand darin geschrieben. Dieser Junge hatte eine Hollenangst vor Pferden und klammerte sich fest. Es kam immer ein Moment, in dem ein Pferd scheute.
Jesus schnalzte mit der Peitsche, damit das Pferd in Galopp fiel. Das Tier warf den Kopf zuruck und zog an dem Seil.
Uber Tomas' Gesicht huschte ein Lacheln, das sofort wieder verschwand, als sich das Seil loste und das Pferd plotzlich frei war. Es war nicht schwer gewesen, sich in die Sattelkammer zu schleichen und das Leder des Zaumzeugs so anzuschneiden, das es nur noch lose zusammenhielt.
Isabel und Margarida schrien entsetzt auf. Jesus lie? die Peitsche fallen und versuchte, das Pferd aufzuhalten, doch vergeblich.
Als Genis sah, dass sich das Seil gelost hatte, begann er zu kreischen und klammerte sich an den Hals des Pferdes. Er presste seine Fu?e gegen die Flanken des Tieres, welches daraufhin durchging und im gestreckten Galopp auf die Stadttore zurannte, wahrend Genis auf seinem Rucken hin und her geschleudert wurde. Als das Pferd einen kleinen Hugel ubersprang, flog der Junge durch die Luft, uberschlug sich mehrmals und landete kopfuber in einer Hecke.
Bernat, der in den Stallungen war, horte zuerst die Hufe der Pferde im gepflasterten Patio und dann die Schreie der Baronin. Statt ruhig und im Schritt in den Hof zu kommen wie sonst, stampften die Pferde heftig auf. Als Bernat zum Stalltor ging, kam Tomas gerade mit dem Pferd hinein. Das Tier war unruhig, es war mit Schwei? bedeckt und schnaubte heftig.
»Was ist los?«, fragte Bernat.
»Die Baronin will deinen Sohn sprechen«, schrie Tomas, wahrend er auf das Pferd einhieb.
Vor den Stallungen war immer noch das Zetern der Frau zu horen. Bernat betrachtete erneut das arme Tier, das unruhig auf den Boden stampfte.
»Die Herrin will dich sprechen!«, brullte Tomas noch einmal, als Arnau aus der Sattelkammer kam.
Arnau blickte zu seinem Vater. Der zuckte mit den Schultern.
Sie gingen in den Patio. Die Baronin fuchtelte wutend mit der Reitgerte herum, die sie immer bei sich hatte, wenn sie ausritt, und brullte Jesus, den Hauslehrer und die Sklaven an, die alle zusammengelaufen waren. Margarida und Josep standen hinter ihr. Und daneben Genis, mit blauen Flecken ubersat, blutend und mit zerrissenen Kleidern. Als Arnau und Bernat erschienen, ging die Baronin ein paar Schritte auf den Jungen zu und zog ihm die Reitgerte durchs Gesicht. Arnau hielt sich die Wange. Bernat wollte eingreifen, doch Jesus ging dazwischen.
»Sieh dir das an«, brullte der Stallmeister und reichte Bernat das Seil und das zerrissene Zaumzeug. »Das ist das Werk deines Sohnes!«
Bernat nahm die Gegenstande und untersuchte sie. Auch Arnau, der sich immer noch die Wange hielt, sah sich das Zaumzeug an. Er hatte es tags zuvor uberpruft. Er blickte zu seinem Vater auf, und der sah zur Stalltur heruber, von wo aus Tomas die Szene beobachtete.
»Es war in Ordnung«, schrie Arnau. Er nahm das Zaumzeug und das Seil und hielt es Jesus unter die Nase. Er sah erneut zur Stalltur hinuber. »Es war in Ordnung«, beteuerte er noch einmal, wahrend die ersten Tranen in seinen Augen aufblitzten.
»Sieh nur, wie er weint«, war plotzlich eine Stimme zu vernehmen. Es war Margarida, die mit dem Finger auf Arnau zeigte. »Er ist schuld an deinem Unfall und weint«, sagte sie dann, an ihren Bruder Genis gewandt. »Du hast nicht geweint, als du durch seine Schuld vom Pferd gefallen bist«, log sie.
Josep und Genis zogerten kurz, doch dann machten sie sich uber Arnau lustig.
»Heulsuse«, sagte der eine.
»Ja, Heulsuse«, wiederholte der andere.
Arnau sah, wie sie mit dem Finger auf ihn zeigten und uber ihn lachten. Er konnte einfach nicht aufhoren zu weinen! Die Tranen rollten ihm uber die Wangen und sein Brustkorb verkrampfte sich vor lauter Schluchzen. Er stand da wie angewurzelt, streckte die Hande aus und zeigte noch einmal allen das Zaumzeug und den Strick,
