»Dann komm her.«
»Ich kann nicht.« Arnau seufzte. »Hier ist so eine Art Hohle, und ich wei? nicht mehr, wo der Ausgang ist.«
»Taste dich an den Wanden entlang, bis du … oder nein!«, korrigierte sich Arnau sofort. »Tu das nicht, horst du, Joan? Es konnte noch weitere Gange geben. Wenn ich es bis dorthin schaffe … Sieht man etwas, Joan?«
»Nein«, antwortete der Kleine.
Er konnte sich weitertasten, bis er ihn fand – aber wenn er sich ebenfalls verirrte? Ah! Jetzt wusste er, wie er es schaffen konnte. Er brauchte Licht. Mit einer Laterne wurden sie zuruckfinden.
»Warte dort auf mich! Horst du, Joan? Bleib ganz ruhig und ruhr dich nicht von der Stelle! Horst du?«
»Ja. Was hast du vor?«
»Ich hole eine Laterne und komme dann zuruck. Warte hier auf mich und ruhr dich nicht vom Fleck, verstanden?«
»Ja«, antwortete Joan zogerlich.
»Denk daran, direkt uber dir ist die Jungfrau, deine Mutter.« Arnau horte keine Antwort. »Joan, hast du mich gehort?«
Naturlich hatte er ihn gehort. »Deine Mutter«, hatte er gesagt. Aber er hatte ihn nicht mit ihr reden lassen. Und wenn Arnau seine Mutter nicht teilen wollte und ihn hier in der Holle eingesperrt hatte?
»Joan?«, vergewisserte sich Arnau.
»Was?«
»Warte auf mich, und ruhr dich nicht vom Fleck!«
Muhsam robbte Arnau ruckwarts, bis er sich wieder unter dem Gerust an der Calle del Born befand. Ohne lange zu uberlegen, nahm er die Laterne, die der Wachter dort aufgehangt hatte, und verschwand wieder in dem Tunnel.
Joan sah das Licht naher kommen. Arnau drehte die Flamme hoher, als die Seitenwande zuruckwichen. Sein Freund kniete einige Schritte vom Ausgang entfernt und sah ihn angstlich an.
»Hab keine Angst«, versuchte ihn Arnau zu beruhigen.
Arnau hielt die Laterne hoch und drehte die Flamme noch hoher. Was war das …? Ein Friedhof! Sie befanden sich auf einem Friedhof. Eine kleine Hohle, die aus irgendeinem Grund unter Santa Maria uberdauert hatte wie eine Luftblase. Die Decke war so niedrig, dass sie nicht einmal aufrecht stehen konnten. Arnau leuchtete auf mehrere gro?e Amphoren, ahnlich den Krugen, die er in Graus Werkstatt gesehen hatte, nur grober gearbeitet. Einige waren zerbrochen und gaben den Blick auf die Gerippe frei, die sich darin befanden. Andere waren unversehrt: gro?e Amphoren, die aus zwei aufeinanderliegenden, versiegelten Halften bestanden.
Joan starrte zitternd auf eines der Skelette.
»Ganz ruhig«, sagte Arnau und wollte zu ihm gehen. Doch Joan wich hastig zuruck.
»Was ist …?«, fragte Arnau.
»Lass uns von hier verschwinden«, bat Joan.
Ohne eine Antwort abzuwarten, kroch er in den Tunnel, und Arnau folgte ihm. Als sie das Gerust erreichten, erlosch die Laterne. Es war niemand zu sehen. Arnau hangte die Laterne wieder an ihren Platz und sie kehrten zu Peres Haus zuruck.
»Kein Wort daruber, einverstanden?«, sagte er unterwegs zu Joan.
Joan gab keine Antwort.
14
Seit Arnau beteuert hatte, dass die Jungfrau nun auch seine Mutter sei, lief Joan in jeder freien Minute zur Kirche. Er umklammerte das Gitter vor der Sakramentskapelle, schob den Kopf zwischen die Stabe und betrachtete die steinerne Figur mit dem Kind auf der Schulter und dem Schiff zu ihren Fu?en.
»Irgendwann wirst du mit dem Kopf stecken bleiben«, sagte Pater Albert einmal zu ihm.
Joan zog den Kopf hervor und lachelte. Der Priester legte ihm die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm hinunter.
»Liebst du sie?«, fragte er ihn und deutete ins Innere der Kapelle.
Joan zogerte.
»Sie ist jetzt meine Mutter«, antwortete er, mehr aus dem Wunsch als aus der Gewissheit heraus.
Pater Albert hatte einen Klo? im Hals. Es gab so vieles, was er dem Jungen uber die heilige Jungfrau erzahlen konnte! Er versuchte, etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Er umarmte den Kleinen und wartete, dass seine Stimme zuruckkehrte.
»Betest du zu ihr?«, fragte er, als er sich wieder gefasst hatte.
»Nein. Ich spreche nur mit ihr.« Pater Albert sah ihn fragend an. »Ich erzahle ihr von mir.«
Der Priester betrachtete die Madonna.
»Nur weiter so, mein Sohn, nur weiter so«, setzte er hinzu, dann lie? er ihn allein.
Es war nicht schwer. Pater Albert fasste drei oder vier Kandidaten ins Auge und entschied sich schlie?lich fur einen reichen Silberschmied. Bei der letzten Jahresbeichte war der Handwerker sehr zerknirscht gewesen wegen
