waren. Hin und wieder, wenn niemand zuschaute, hob Bernat den Jungen ausnahmsweise auf eines der Tiere, ohne Sattel, wahrend dieses im Stall stand. Die Aufgaben, die man Arnau zugewiesen hatte, erlaubten es ihm nicht, die Geschirrkammer zu verlassen. Dort putzte er ein ums andere Mal das Sattelzeug; er fettete das Leder ein und rieb mit einem Lappen daruber, bis das Fett eingezogen war und die Oberflache der Sattel und Zaumzeuge glanzte. Er reinigte die Trensen und Steigbugel und burstete die Decken und anderes Zubehor, bis auch das letzte Pferdehaar verschwunden war, eine Arbeit, bei der er am Ende Finger und Fingernagel zu Hilfe nehmen musste, um die feinen Borsten zu entfernen, die sich im Stoff verhakt hatten. Wenn er dann noch Zeit hatte, polierte er sorgfaltig die Kutsche, die Grau erstanden hatte.

Im Laufe der Monate musste sogar Jesus anerkennen, dass der Bauer ein Handchen fur Pferde hatte. Wenn Bernat einen der Stalle betrat, ruhrten sich die Tiere nicht von der Stelle. Meistens suchten sie sogar seine Nahe. Er tatschelte und streichelte sie und flusterte ihnen zu, um sie zu beruhigen. Wenn hingegen Tomas in den Stall kam, legten die Pferde die Ohren an und drangten sich an die am weitesten entfernte Wand, wahrend der Stallknecht sie anbrullte. Was war nur mit dem Mann los? Bisher war er ein vorbildlicher Stallbursche gewesen, dachte Jesus, wenn er wieder einmal das Geschrei horte.

Jeden Morgen, wenn Vater und Sohn zur Arbeit gingen, machte sich Joanet mit Feuereifer daran, Peres Frau Mariona zu helfen. Er putzte, raumte auf und begleitete sie zum Einkaufen. Spater, wahrend sie das Essen kochte, lief er zum Strand, um Pere zu suchen. Dieser hatte sein Leben lang als Fischer gearbeitet und verdiente sich zusatzlich zu den gelegentlichen Zuwendungen seiner Zunft ein paar Munzen dazu, indem er Segel flickte. Joanet leistete ihm Gesellschaft, lauschte aufmerksam seinen Erklarungen und lief hierhin und dorthin, wenn der alte Fischer etwas brauchte.

Und sooft er konnte, ging er seine Mutter besuchen.

»Heute Morgen«, erzahlte er ihr eines Tages, »wollte Bernat Pere die Miete bezahlen, aber Pere hat ihm einen Teil des Geldes zuruckgegeben. Er hat gesagt, dass der Kleine – wei?t du Mama, ›der Kleine‹ bin ich – also, er sagte, Bernat brauchte meinen Anteil nicht zu bezahlen, weil ich im Haus und am Strand helfe.«

Die Gefangene horte zu, ihre Hand ruhte auf dem Kopf des Kindes. Wie viel hatte sich doch verandert! Seit ihr kleiner Junge bei den Estanyols lebte, hockte er nicht mehr schluchzend dort drau?en, um auf ihre stummen Liebkosungen und ein liebes Wort zu warten – eine blinde Liebe, jetzt sprach er, erzahlte er, lachte er sogar!

»Bernat hat mich umarmt«, erzahlte Joanet weiter, »und Arnau hat mir auf die Schulter geklopft.«

Die Hand schloss sich uber dem Haar des Jungen.

Und Joanet sprach weiter. Ohne Punkt und Komma. Von Arnau und Bernat, von Mariona, von Pere, dem Strand, den Fischern, den Segeln, die sie flickten, doch die Frau horte nicht mehr zu, glucklich daruber, dass ihr Sohn endlich wusste, was eine Umarmung war. Dass ihr Kleiner endlich glucklich war.

»Lauf, mein Junge«, unterbrach ihn seine Mutter irgendwann und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. »Sie warten bestimmt schon auf dich.«

Aus dem Inneren ihres Kerkers horte Joana, wie ihr Kleiner von der Kiste hupfte und davonlief. Sie stellte sich vor, wie er uber die Mauer sprang, die sie aus ihren Erinnerungen zu verbannen versuchte.

Welchen Sinn hatte das alles noch? Jahrelang hatte sie bei Wasser und Brot in diesen vier Wanden ausgehalten, dessen kleinsten Winkel sie Hunderte Male mit ihren Fingern abgetastet hatte. Sie hatte gegen die Einsamkeit und den Wahnsinn angekampft, indem sie durch das winzige Fensterchen, das ihr der Konig, dieser gro?herzige Herrscher!, zugestanden hatte, den Himmel betrachtete. Sie hatte Fieber und Krankheit uberstanden, und das alles nur fur ihren kleinen Jungen, um ihm uber den Kopf zu streichen, ihm Mut zu machen, ihm das Gefuhl zu geben, dass er trotz allem nicht alleine auf der Welt war.

Doch nun war er nicht langer allein. Bernat umarmte ihn! Bernat war wie ein Bekannter fur sie. Sie hatte von ihm getraumt, wahrend Stunden zu Ewigkeiten wurden. »Gib gut auf ihn acht, Bernat«, sagte sie ins Leere hinein. Joanet war glucklich, er lachte und rannte, und …

Joana lie? sich zu Boden gleiten und blieb so sitzen. An diesem Tag ruhrte sie weder das Brot noch das Wasser an. Ihr Korper hatte kein Verlangen danach.

Joanet kehrte anderntags wieder und auch am nachsten und am ubernachsten Tag. Sie horte ihm zu, wie er lachte und voller Hoffnung von der Welt erzahlte. Durch das Fenster drangen nur mehr schwache Laute: ja, nein, geh, lauf, lebe!

»Lauf und genie?e das Leben, das du durch meine Schuld nicht gehabt hast«, flusterte Joana noch, als der Junge schon uber die Gartenmauer gesprungen war.

Das Brot stapelte sich in Joanas Gefangnis.

»Wei?t du, was passiert ist, Mama?« Joanet schob die Kiste an die Wand und setzte sich darauf. Seine Fu?e reichten noch nicht bis auf den Boden. »Nein – woher solltest du das wissen?« Zusammengekauert lehnte er sich mit dem Rucken gegen die Wand, an der Stelle, wo er wusste, dass die Hand seiner Mutter nach seinem Kopf tasten wurde. »Ich werde es dir erzahlen. Es ist sehr lustig. Offenbar hat gestern eines von Graus Pferden …«

Es erschien kein Arm in dem Fensterchen.

»Mama? Hor mal zu, ich sag's dir, es ist wirklich lustig. Eines der Pferde …«

Joanet sah zu dem Fensterchen hinauf.

»Mama?«

Er wartete.

»Mama?«

Er spitzte die Ohren und versuchte, etwas durch das Hammern der Kesselschmiede hindurch zu horen, das durch das ganze Viertel hallte. Nichts.

»Mama!«, rief er.

Er kniete sich auf die Kiste. Was sollte er tun? Sie hatte ihm immer verboten, sich dem Fenster zu nahern.

»Mama!«, rief er noch einmal, wahrend er sich zu der Offnung hochreckte.

Sie hatte ihm immer gesagt, er solle sie nicht ansehen, er solle nie versuchen, einen Blick auf sie zu erhaschen. Aber sie antwortete nicht! Joanet spahte durch das Fenster. Drinnen war es ziemlich dunkel.

Er zog sich hoch und schwang ein Bein in die Offnung. Es ging nicht. Er konnte nur seitlich hinein.

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