Ein Raunen ging durch die Reihen. Die verhinderten Soldaten steckten ihre Schwerter zuruck in die Scheiden, senkten die Armbruste und Lanzen und legten die Rustungen ab. Uberall war Lachen, Rufen und Scherzen zu horen.

»Her mit dem Wein, Jungs!«, forderte Ramon sie auf. »Was ist denn mit euch los?«, fragte er, als sie sich nicht von der Stelle ruhrten. »Ihr hattet wohl gerne einen Kampf gesehen, stimmt's?«

Die Gesichter der Jungen waren Antwort genug.

»Jeder von uns hatte verwundet werden oder gar sterben konnen. Hatte euch das gefallen?« Arnau und Joanet schuttelten rasch den Kopf. »Ihr solltet es anders sehen: Ihr gehort zu der gro?ten und machtigsten Stadt des Prinzipats, und alle haben Angst, sich mit uns anzulegen.« Arnau und Joanet horten Ramon mit gro?en Augen zu. »Jetzt geht und holt den Wein, Jungs. Auch ihr sollt auf diesen Sieg ansto?en.«

Das Banner von Sant Jordi kehrte ehrenvoll nach Barcelona zuruck und mit ihm die beiden Jungen, die voller Stolz waren auf ihre Stadt, ihre Mitburger und darauf, Barcelonesen zu sein. Die Gefangenen aus Creixell wurden in Ketten durch die Stra?en Barcelonas gefuhrt. Die Frauen und alle, die sich dort drangten, lie?en das Heer hochleben und spien vor den Gefangenen aus. Arnau und Joanet begleiteten den Zug auf seinem ganzen Weg, voller Ernst und Stolz, und so traten sie auch vor Bernat, nachdem die Gefangenen schlie?lich in den Palast des Stadtrichters gebracht worden waren. Erleichtert, seinen Sohn gesund und munter wiederzusehen, verga? Bernat die Standpauke, die er den Jungen hatte halten wollen, und lauschte lachelnd ihren Erzahlungen.

12

Seit dem Abenteuer, das sie nach Creixell gefuhrt hatte, waren bereits einige Monate vergangen, doch an Arnaus Leben hatte sich in dieser Zeit wenig geandert. Bis er zehn Jahre alt werden und als Lehrling in Graus Werkstatt anfangen wurde, streifte er weiterhin mit Joanet durch das wunderbare, stets uberraschende Barcelona. Er gab den Bastaixos zu trinken, und vor allem hatte er seine Freude an Santa Maria del Mar. Er sah den Bau voranschreiten und betete zur Jungfrau, erzahlte ihr von seinen Sorgen und Noten, wahrend er sich an dem Lacheln erfreute, das er auf den Lippen der steinernen Figur zu erkennen glaubte.

Wie ihm Pater Albert erzahlt hatte, wurde die Jungfrau nach der Entfernung des Altars der romanischen Kirche in die kleine Sakramentskapelle gebracht. Diese befand sich zwischen zwei Strebepfeilern im Chorumgang hinter dem neuen Hauptaltar von Santa Maria und war mit einem hohen, schweren Eisengitter versehen. Die Bastaixos waren die einzigen Stifter der Kapelle; es war ihre Aufgabe, sich um die Kapelle zu kummern, sie zu bewachen, fur Ordnung zu sorgen und darauf zu achten, dass die Kerzen nie verloschen. Dies war ihre Kapelle, die wichtigste der Kirche, in welcher der Leib Christi aufbewahrt wurde, und dennoch hatte die Pfarrei sie den einfachen Lastentragern uberlassen. Viele Adlige und reiche Handler wurden gutes Geld dafur zahlen, als Stifter und Wohltater der ubrigen dreiunddrei?ig Kapellen aufzutreten, die zwischen den Strebepfeilern im Chorumgang oder in den Seitenschiffen von Santa Maria del Mar errichtet werden sollten, erklarte ihnen Pater Albert. Doch diese, die Sakramentskapelle, gehorte den Bastaixos, und der junge Wassertrager konnte stets problemlos zu seiner Jungfrau.

Eines Morgens war Bernat gerade dabei, seine Habseligkeiten unter die Matratze zu raumen, wo er die Borse mit dem Geld aufbewahrte, das er bei seiner ubersturzten Flucht vom Hof vor knapp neun Jahren retten konnte, sowie dem kargen Lohn, den ihm sein Schwager zahlte, als Jaume den Schlafsaal der Sklaven betrat. Bernat sah den Gesellen erstaunt an. Normalerweise lie? sich Jaume nicht dort blicken.

»Was …?«

»Deine Schwester ist tot«, kam Jaume seiner Frage zuvor.

Bernats Beine gaben nach. Er sank auf die Matratze, die Borse mit den Munzen in den Handen.

»Wie … Wie ist es passiert?«

»Der Meister wei? es nicht. Sie lag am Morgen tot im Bett.«

Bernat lie? die Borse fallen und schlug die Hande vors Gesicht. Als er sie wieder wegnahm und aufblickte, war Jaume bereits verschwunden. Mit zugeschnurter Kehle erinnerte sich Bernat an das kleine Madchen, das gemeinsam mit ihm und dem Vater auf den Feldern gearbeitet hatte, an die junge Frau, die stets ein Lied auf den Lippen hatte, wahrend sie das Vieh versorgte. Bernat hatte oft gesehen, wie sein Vater in der Arbeit innehielt und die Augen schloss, um sich fur einen Augenblick von dieser frohlichen, unbekummerten Stimme davontragen zu lassen. Und nun …

Arnaus Gesicht wirkte ungeruhrt, als ihm sein Vater beim Essen die Nachricht mitteilte.

»Hast du gehort, was ich gesagt habe, mein Junge?«, fragte Bernat.

Arnau nickte. Er hatte Guiamona seit einem Jahr nicht mehr gesehen, abgesehen von den inzwischen auch schon eine Weile zuruckliegenden Gelegenheiten, bei denen er auf den Baum geklettert war, um zuzusehen, wie sie mit seinen Cousins spielte. Da sa? er, verborgen in seinem Versteck, und weinte stumme Tranen, wahrend sie lachten und umherliefen, und niemand … Er war versucht, seinem Vater zu sagen, dass Guiamona ihn nicht geliebt hatte, dass ihm daher ihr Tod gleichgultig war, doch der traurige Ausdruck in Bernats Augen hielt ihn davon ab.

»Vater …« Arnau trat zu seinem Vater.

Bernat umarmte seinen Sohn.

»Nicht weinen«, murmelte Arnau, den Kopf an die Brust des Mannes gelehnt.

Bernat druckte ihn fest an sich und Arnau schlang seine Arme um ihn.

Gemeinsam mit den Sklaven und Lehrlingen nahmen sie schweigend ihre Mahlzeit ein, als der erste Klagelaut ertonte. Es war ein markerschutternder Schrei, der die Luft zu zerrei?en schien. Alle sahen zum Haus heruber.

»Klageweiber«, sagte einer der Lehrlinge. »So wie meine Mutter. Vielleicht ist sie das. Keine in der ganzen Stadt weint so ergreifend wie sie«, setzte er stolz hinzu.

Arnau blickte zu seinem Vater. Ein weiterer Schrei erklang, und Bernat sah, wie sein Sohn zusammenzuckte.

»Wir werden noch einige davon horen«, warnte er ihn. »Ich habe gehort, dass Grau sehr viele Klageweiber hat rufen lassen.«

Und so war es. Den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch beweinten mehrere Frauen Guiamonas Tod, wahrend die Leute in das Haus der Puigs stromten, um ihr Beileid auszusprechen. Weder Bernat noch sein Sohn taten bei diesem unablassigen Jammern der Klageweiber ein Auge zu.

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