aufzuschnappen.

»Wo bleibt denn das Wasser?«, horten sie plotzlich eine laute Stimme hinter sich.

Arnau und Joanet fuhren herum. Die Gesichter der beiden Jungen begannen zu strahlen, als sie Ramon sahen, der ihnen zulachelte. Neben ihm waren die Augenpaare von zwanzig beeindruckend bewaffneten Bastaixos auf sie gerichtet.

Arnau tastete auf seinem Rucken nach dem Wasserschlauch. Er schien so betreten dreinzuschauen, als er ihn nicht fand, dass mehrere Bastaixos lachend zu ihm traten und ihm ihren anboten.

»Man muss immer vorbereitet sein, wenn die Stadt ruft«, scherzten sie.

Das Heer marschierte hinter dem roten Kreuz des Sant Jordi-Banners aus der Stadt heraus in Richtung Creixell, unweit von Tarragona. Die Einwohner dieser Stadt hielten eine Viehherde zuruck, die den Metzgern von Barcelona gehorte.

»Ist das so schlimm?«, fragte Arnau Ramon, dem sie sich angeschlossen hatten.

»Selbstverstandlich. Das Vieh der Schlachter von Barcelona besitzt Weide- und Wegrecht in ganz Katalonien. Niemand, nicht einmal der Konig, darf eine Viehherde aufhalten, die fur die Stadt Barcelona bestimmt ist. Unsere Kinder sollen das beste Fleisch des Prinzipats essen«, setzte er hinzu und fuhr beiden durchs Haar. »Der Grundherr von Creixell hat eine solche Herde zuruckgehalten und verlangt von dem Hirten Bezahlung fur das Weiden und Passieren seines Landes. Stellt euch einmal vor, alle Adligen und Barone zwischen Tarragona und Barcelona wurden Geld fur das Weiden verlangen. Wir hatten nichts mehr zu essen!«

»Wenn du wusstest, was fur Fleisch uns Estranya vorsetzt«, dachte Arnau. Er war versucht gewesen, seinem Vater zu erzahlen, woher das Fleisch kam, das in der Suppe schwamm, die sie an den Tagen zu essen bekamen, an denen kein Fasten vorgeschrieben war. Doch als er ihn mit Genuss essen sah und beobachtete, wie sich Graus Sklaven und Arbeiter allesamt auf die Suppe sturzten, riss er sich zusammen, schwieg und a? ebenfalls.

»Gibt es noch andere Grunde, warum das Heer ins Feld zieht?«, fragte Arnau.

»Naturlich«, antwortete ihm Ramon. »Jeder Angriff auf die Privilegien Barcelonas oder auf einen Burger der Stadt kann das Ausrucken des Heeres nach sich ziehen. Wird zum Beispiel ein Einwohner Barcelonas entfuhrt, so zieht das Heer aus, um ihn zu befreien.«

Unter derlei Gesprachen zogen Arnau und Joanet die Kuste entlang – vorbei an Sant Boi, Castelldefels und Garraf –, argwohnisch beaugt von den Leuten, denen sie begegneten und die schweigend am Stra?enrand stehen blieben, wahrend das Burgerheer voruberzog. Selbst das Meer schien Respekt vor der Armee Barcelonas zu haben. Sein Rauschen ging in den Schritten der Hunderte von Mannern unter, die hinter dem Banner von Sant Jordi marschierten. Die Sonne war den ganzen Tag ihr Begleiter, und als sich das Meer silbern zu farben begann, machten sie halt, um in Sitges zu ubernachten. Der Herr von Fonollar empfing die Ratsherren der Stadt in seiner Burg, der Rest des Heeres kampierte vor den Toren der Stadt.

»Wird es zum Kampf kommen?«, fragte Arnau.

Alle Bastaixos blickten ihn an. In der Stille war das Knistern des Feuers zu horen. Joanet schlief, den Kopf auf Ramons Oberschenkel. Mehrere Bastaixos sahen sich auf Arnaus Frage hin an. Wurde es zum Kampf kommen?

»Nein«, antwortete Ramon. »Der Grundherr von Creixell hat uns nichts entgegenzusetzen.«

Arnau wirkte enttauscht.

»Vielleicht ja doch«, versuchte ihn ein anderer Zunftmeister von der anderen Seite des Lagerfeuers aus zu trosten. »Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Bursche war, ungefahr in deinem Alter«, Arnau brannte darauf, seine Geschichte zu horen, »wurde das Heer einberufen, um nach Castellbisbal zu ziehen. Der dortige Grundherr hatte eine Herde aufgehalten, so wie jetzt der Herr von Creixell. Der Herr von Castellbisbal lenkte nicht ein und stellte sich dem Heer der Stadt entgegen. Vielleicht glaubte er, die Burger Barcelonas – Handler, Handwerker oder Bastaixos wie wir – seien nicht in der Lage zu kampfen. Barcelona sturmte die Burg, nahm den Burgherrn und seine Soldaten gefangen und machte die Festung dem Erdboden gleich.«

Arnau sah sich bereits mit gezucktem Schwert eine Sturmleiter erklimmen oder siegreich von den Zinnen der Burg von Creixell herabrufen: »Wer wagt es, sich dem Heer von Barcelona entgegenzustellen?« Samtliche Bastaixos beobachteten den Jungen, der vertraumt in die Flammen starrte, wahrend er mit den Handen einen Stock umklammerte, mit dem er zuvor herumgespielt hatte, und wild in der Glut herumstocherte. »Ich, Arnau Estanyol …« Das Gelachter brachte ihn wieder nach Sitges zuruck.

»Leg dich schlafen«, riet ihm Ramon und stand selbst auf, Joanet auf dem Arm. Arnau verzog unwillig das Gesicht. »Du kannst ja vom Krieg traumen«, trostete ihn ein Bastaix.

Die Nacht war kuhl und jemand gab den beiden Jungen eine Decke.

Am nachsten Morgen machten sie sich schon fruh wieder auf den Weg nach Creixell. Sie kamen durch La Geltru, Vilanova, Cubelles, Segur und Bara, alles Orte mit eigener Burg. In Bara lie?en sie die Kuste hinter sich und wandten sich landeinwarts nach Creixell. Der Ort lag eine knappe Meile vom Meer entfernt auf einem Hugel, an dessen hochstem Punkt sich die Burg des Herrn von Creixell erhob, eine Festungsanlage auf einer elfeckigen Steinwehr mit mehreren Verteidigungsturmen, um die sich die Hauser des Dorfes drangten.

Es waren noch einige Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Die Zunftmeister wurden zu den Ratsherren und dem Stadtrichter gerufen. Das Heer von Barcelona nahm in Kampflinie Aufstellung vor Creixell, die Banner stets voran. Arnau und Joanet liefen durch die Reihen und boten den Bastaixos Wasser an, doch fast alle lehnten ab, den Blick fest auf die Burg gerichtet. Niemand sprach, und die Jungen wagten es nicht, das Schweigen zu brechen. Dann kehrten die Zunftmeister zuruck und begaben sich zu ihren Leuten. Das ganze Heer konnte sehen, wie sich drei Gesandte Barcelonas dem Ort Creixell naherten, wahrend die gleiche Anzahl Manner die Burg verlie?. Sie trafen sich in der Mitte.

Wie alle Barcelonesen beobachteten Arnau und Joanet die Unterhandler schweigend.

Es kam nicht zum Kampf. Dem Herrn von Creixell war hinter dem Rucken des Heeres die Flucht durch einen Geheimgang gegluckt, der von der Burg zum Meer herunterfuhrte. Der Dorfschulze gab angesichts der zum Kampf formierten Burgerschaft Barcelonas den Befehl, sich den Forderungen der graflichen Stadt zu beugen. Seine Mitburger gaben das Vieh zuruck, lie?en den Schafer frei, akzeptierten die Zahlung einer satten Entschadigung und verpflichteten sich, zukunftig die Privilegien der Stadt zu achten. Dann lieferten sie zwei ihrer Einwohner aus, denen sie die Schuld an dem Streit gaben. Diese wurden augenblicklich verhaftet.

»Creixell hat sich ergeben«, teilten die Ratsherren dem Heer mit.

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