»Ganz Barcelona wei? davon«, erzahlte Joanet Arnau am nachsten Morgen, als dieser seinen Freund in der Menge entdeckte, die sich vor Graus Haus drangte. Arnau zuckte mit den Schultern. »Alle sind zur Beerdigung gekommen«, erganzte Joanet angesichts der Geste seines Freundes.
»Warum?«
»Weil Grau reich ist und jedem, der kommt, um mit ihm zu trauern, etwas zum Anziehen schenkt. So wie das hier«, sagte Joanet lachelnd und zeigte Arnau ein langes, schwarzes Hemd.
Am spaten Vormittag, als alle Anwesenden schwarz gekleidet waren, machte sich der Trauerzug auf den Weg zur Nazareth-Kirche. Dort befand sich die Kapelle des heiligen Hippolitus, Schutzpatron der Topferzunft. Die Klageweiber gingen weinend und heulend neben dem Sarg her und rauften sich vor Trauer die Haare.
Die Kirche war voller wichtiger Personlichkeiten, Zunftmeister verschiedener Innungen, Stadtrate und die meisten Mitglieder des Rats der Hundert. Nun, da Guiamona tot war, achtete niemand auf die Estanyols. Doch Bernat zog seinen Sohn zu der Stelle, wo der Leichnam aufgebahrt war und sich die schlichten, von Grau verteilten Kleider mit Seidenstoffen und kostbarem schwarzen Leinen mischten. Man hatte ihm nicht einmal erlaubt, Abschied von seiner Schwester zu nehmen.
Wahrend die Priester die Totenmesse lasen, konnte Arnau von dort die betrubten Gesichter seiner Cousins erkennen. Josep und Genis waren gefasst. Margarida zeigte Haltung, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihre Unterlippe unablassig bebte. Sie hatten ihre Mutter verloren, genau wie er. Arnau fragte sich, ob sie das mit der Jungfrau Maria wussten. Dann sah er zu seinem Onkel hinuber, der reglos dastand. Arnau war sich sicher, dass Grau Puig seinen Kindern nicht davon erzahlen wurde. Die Reichen sind anders, horte er immer wieder. Vielleicht gab es fur sie einen anderen Weg, eine neue Mutter zu finden.
Die Trauerzeit war noch nicht voruber, als Grau die ersten Ehevorschlage angetragen wurden. Und er hatte keine Bedenken, sie zu prufen. Schlie?lich fiel seine Wahl auf Isabel, ein junges und wenig ansehnliches, aber adliges Madchen. Sie sollte die neue Mutter von Guiamonas Kindern werden. Grau hatte die Vorzuge aller Anwarterinnen abgewagt, entschied sich jedoch letztlich fur die einzige Adlige. Ihre Mitgift waren keinerlei Pfrunden, Landereien oder Reichtumer, lediglich ein Titel. Doch dieser wurde ihm Zugang zu einer Klasse verschaffen, die ihm bislang verwehrt geblieben war. Was hatte er von der gro?zugigen Mitgift, die ihm einige Handler boten, weil sie auf eine Teilhabe an Graus Reichtum hofften? Die gro?en Adelsfamilien der Stadt kummerte die Witwerschaft eines einfachen Topfers nicht, so reich er auch sein mochte. Lediglich Isabels Vater, der uber keinerlei Vermogen verfugte, erkannte in Graus Personlichkeit die Moglichkeit zu einer vorteilhaften Allianz fur beide Seiten, und er tauschte sich nicht.
»Du wirst gewiss verstehen«, wandte er sich an seinen zukunftigen Schwiegersohn, »dass meine Tochter nicht in einer Topferwerkstatt leben kann.« Grau nickte. »Genauso wenig kann sie sich mit einem einfachen Topfer vermahlen.«
Diesmal wollte Grau etwas erwidern, doch sein Schwiegervater machte eine unwirsche Handbewegung.
»Grau«, setzte er hinzu, »wir Adligen konnen uns nicht mit dem Handwerk abgeben, verstehst du? Mag sein, dass wir nicht reich sind, aber wir werden niemals Handwerker werden.«
Wir Adligen … Grau lie? sich seine Befriedigung daruber, darin mit eingeschlossen zu sein, nicht anmerken. Und sein Schwiegervater hatte recht: Welcher Adlige in der Stadt besa? schon einen Handwerksbetrieb? Von nun an wurde er bei seinen Handelsgeschaften und im Rat der Hundert der ›Herr Baron‹ sein. Baron! Wie sollte ein Baron von Katalonien einen Handwerksbetrieb unterhalten?
Durch Graus Protektion, der nach wie vor Zunftmeister war, hatte Jaume keinerlei Probleme, in den Meisterstand aufzusteigen. Die Angelegenheit wurde in aller Hast erledigt, weil es Grau sehr eilig damit war, Isabel zu heiraten. Ihn plagte die Angst, dass diese stets launischen Adligen es sich noch einmal anders uberlegen konnten. Der zukunftige Baron hatte keine Zeit zu verlieren. Jaume wurde Meister werden, und Grau wurde ihm die Werkstatt und das Haus verkaufen, zahlbar in Raten. Es gab nur ein Problem.
»Ich habe vier Sohne«, erklarte Jaume. »Es wird schon schwierig genug fur mich werden, Euch den Kaufpreis zu zahlen.« Grau forderte ihn auf fortzufahren. »Ich kann nicht alle Beschaftigten halten, die Ihr habt, Sklaven, Gesellen, Lehrlinge … Ich konnte sie nicht einmal ernahren! Wenn ich vorwartskommen will, muss ich mit meinen vier Sohnen zurechtkommen.« Grau erklarte sich mit allem einverstanden.
Der Tag der Hochzeit stand bereits fest. Auf Vermittlung von Isabels Vater hatte Grau einen kostspieligen Stadtpalast in der Calle de Monteada erworben, wo die Adelsfamilien Barcelonas lebten.
Sie hatten jeden Winkel seines neuen Zuhauses inspiziert. Grau uberschlug im Kopf, was es ihn kosten wurde, all diese Raume zu fullen. Hinter dem gro?en Portal zur Calle de Monteada lag ein gepflasterter Innenhof. Gegenuber befanden sich die Stallungen, die den gro?ten Teil des Erdgeschosses einnahmen, sowie der Kuchentrakt und die Schlafraume der Sklaven. Zur Rechten fuhrte ein gro?er, steinerner Treppenaufgang in den ersten Stock, wo sich die Salons und weitere Wohnraume befanden. Daruber lagen im zweiten Stock die Schlafraume. Der gesamte Stadtpalast war aus Stein erbaut. Die gro?zugigen Spitzbogenfenster der Wohnetagen gingen auf den Patio hinaus.
Noch am selben Tag unterzeichneten sie den Kaufvertrag fur die Werkstatt und Grau erschien stolz mit dem Schriftstuck bei seinem Schwiegervater.
»Herr Baron«, antwortete dieser und reichte ihm die Hand.
»Und nun?«, uberlegte Grau, als er wieder alleine war. »Die Sklaven sind kein Problem. Ich behalte die, die ich gebrauchen kann, die anderen kommen auf den Markt. Was die Gesellen und Lehrlinge betrifft …«
Grau sprach mit den Zunftmitgliedern und brachte sein gesamtes Personal gegen Zahlung geringer Summen anderweitig unter. Blieben nur sein Schwager und der Junge. Bernat hatte keinerlei Stand in der Zunft; er war nicht einmal Geselle. Niemand wurde ihn in seiner Werkstatt einstellen, abgesehen davon, dass es verboten war. Der Junge hatte noch nicht einmal mit seiner Lehre begonnen, aber es existierte ein Vertrag. Und uberhaupt: Wie sollte er jemanden darum bitten, einen Estanyol einzustellen? So wurden alle erfahren, dass diese beiden Landfluchtigen mit ihm verwandt waren. Sie hie?en Estanyol, wie Guiamona. Alle wurden erfahren, dass er zwei Leibeigenen Unterschlupf gewahrt hatte, und nun, da er in den Adelsstand aufgenommen werden wurde … Waren nicht die Adligen die erbittertsten Feinde der fluchtigen Bauern? Waren es nicht ebendiese Adligen, die den Konig drangten, die Gesetze so zu andern, dass solche Fluchten unmoglich wurden? Wie sollte er ein Adliger werden, wenn die Estanyols in aller Munde waren? Und was wurde sein Schwiegervater sagen?
»Ihr kommt mit mir«, sagte er zu Bernat, der schon seit Tagen in Sorge wegen der neuen Ereignisse war.
Jaume, der als neuer Besitzer der Werkstatt nicht langer Graus Anweisungen befolgen musste, setzte sich zu einem vertraulichen Gesprach mit ihm hin.
»Er wird es nicht wagen, etwas gegen euch zu unternehmen. Ich wei? es, er hat es mir gesagt. Er will nicht, dass eure Situation bekannt wird. Ich habe ein gutes Geschaft gemacht, Bernat. Er hat es eilig, er muss dringend
