»Mama?«, wiederholte er noch einmal.

Er hielt sich oben am Fenster fest, stellte beide Fu?e auf das Fensterbrett und schwang sich hinein.

»Mama?«, wisperte er, wahrend sich seine Augen an die Dunkelheit gewohnten.

Er wartete, bis er ein Loch ausmachen konnte, von dem ein unertraglicher Gestank ausging. Auf der anderen Seite, links von ihm, lag auf einem Strohsack zusammengekauert ein Korper.

Joanet wartete. Der Korper regte sich nicht. Das Drohnen der Hammer auf dem Kupfer war drau?en geblieben.

»Ich wollte dir etwas Lustiges erzahlen«, sagte er und trat naher. Tranen begannen, uber seine Wangen zu kullern. »Du hattest gelacht«, stammelte er, als er neben ihr stand.

Joanet hockte sich neben seine tote Mutter. Joana hatte das Gesicht zwischen ihren Handen verborgen, als hatte sie geahnt, dass ihr Sohn in den Kerker kommen wurde, als hatte sie nicht gewollt, dass er sie in diesem Zustand sah – nicht einmal im Tod.

»Darf ich dich beruhren?«

Der Junge streichelte uber das schmutzige, verfilzte, sprode Haar seiner Mutter.

»Du musstest erst sterben, damit wir zusammen sein konnen.«

Und Joanet begann, bitterlich zu weinen.

Bernat zogerte keinen Augenblick, als ihm Pere und seine Frau bei seiner Heimkehr noch in der Tur aufgeregt mitteilten, dass Joanet nicht nach Hause gekommen war. Sie hatten ihn nie gefragt, wo er hinging, wenn er das Haus verlie?. Sie hatten angenommen, dass er nach Santa Maria ging, doch dort hatte ihn an diesem Tag niemand gesehen. Mariona schlug die Hand vor den Mund.

»Und wenn ihm etwas zugesto?en ist?«, schluchzte sie.

»Wir werden ihn finden«, versuchte Bernat sie zu beruhigen.

Joanet war neben seiner Mutter sitzen geblieben. Er strich ihr mit der Hand ubers Haar, fuhr mit den Fingern hindurch, um es zu entwirren. Er unternahm keinen Versuch, ihre Gesichtszuge zu erkennen. Dann stand er auf und sah zu dem Fenster hinauf.

Es wurde dunkel.

»Joanet?«

Joanet sah erneut zum Fenster.

»Joanet?«, horte er noch einmal eine Stimme auf der anderen Seite des Fensters fragen.

»Arnau?«

»Was ist los?«

Er antwortete von drinnen: »Sie ist tot.«

»Warum bist du nicht …?«

»Ich kann nicht. Hier drinnen gibt es keine Kiste. Es ist zu hoch.«

»Es stinkt entsetzlich«, stellte Arnau fest. Bernat klopfte an die Tur von Ponc, dem Kupferschmied. Was hatte der Junge den ganzen Tag dort drinnen gemacht? Er hammerte noch einmal kraftig gegen die Tur. Warum machte er nicht auf? In diesem Augenblick offnete sich die Tur und ein Hune erschien. Er fullte den gesamten Turrahmen aus. Arnau wich zuruck.

»Was wollt ihr?«, raunzte der Kupferschmied. Er war barfu? und trug lediglich ein zerschlissenes Hemd, das ihm bis zu den Knien reichte.

»Ich hei?e Bernat Estanyol, und das ist mein Sohn«, sagte Bernat und schob Arnau nach vorne, »der Freund Eures Sohnes Joanet …«

»Ich habe keinen Sohn«, unterbrach ihn Ponc und machte Anstalten, die Tur zuzuschlagen.

»Aber Ihr habt eine Frau«, entgegnete Bernat und druckte die Tur mit dem Arm wieder auf. Ponc gab nach. »Ihr hattet eine Frau«, erklarte er angesichts der Blicke des Kupferschmieds. »Sie ist tot.«

Ponc zeigte keine Regung.

»Und?«, fragte er und zog fast unmerklich die Schultern hoch.

»Joanet ist bei ihr dort drinnen.« Bernat versuchte, alle Harte in seinen Blick zu legen, deren er fahig war. »Er kann nicht heraus.«

»Da hatte er schon sein ganzes Leben lang hingehort, dieser Bastard.«

Bernat hielt dem Blick des Kupferschmieds stand, wahrend er seinen Sohn an der Schulter festhielt. Arnau hatte sich am liebsten ganz klein gemacht, aber als der Kupferschmied ihn ansah, blieb er aufrecht stehen.

»Was gedenkt Ihr zu tun?«, beharrte Bernat.

»Nichts«, antwortete der Kupferschmied. »Morgen, wenn der Raum abgerissen wird, kann der Junge wieder raus.«

»Ihr konnt das Kind nicht die ganze Nacht …«

»In meinem Haus kann ich tun und lassen, was ich will.«

»Ich werde es dem Stadtrichter melden«, drohte Bernat, wohl wissend, dass seine Drohung nutzlos war.

Ponc kniff die Augen zusammen und verschwand wortlos im Haus. Die Tur lie? er offen stehen. Bernat und Arnau warteten, bis er mit einem Seil zuruckkehrte, das er Arnau uberreichte.

»Hol ihn raus«, wies er ihn an, »und sag ihm, dass ich ihn hier nicht mehr sehen will, jetzt, wo seine Mutter

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