Die beiden bekreuzigten sich – »Das musst ihr immer tun, wenn ihr die Kirche betretet«, hatte ihnen Pater Albert gesagt – und umklammerten die Gitterstabe vor der Kapelle.
»Ich mochte, dass du seine Mutter wirst«, hielt Arnau stumme Zwiesprache mit der Madonna. »Seine ist gestorben, und mir macht es nichts aus, dich zu teilen.«
Joan umklammerte mit den Handen die Gitterstabe und blickte zwischen der Jungfrau und Arnau hin und her.
»Und?«, fragte er.
»Still!«
»Papa sagt, dass er viel mitgemacht hat. Seine Mutter war eingesperrt, wei?t du? Sie streckte nur ihren Arm durch ein kleines Fensterchen, und er konnte sie nicht sehen, bis sie starb. Aber er hat mir erzahlt, dass er sie auch dann nicht angesehen hat. Sie hatte es ihm verboten.«
Der Rauch der Bienenwachskerzen, der von dem Leuchter vor der Statue aufstieg, vernebelte Arnaus Sicht, und die steinernen Lippen lachelten.
»Sie wird deine Mutter sein«, erklarte er und drehte sich zu Joan um.
»Woher wei?t du das? Du hast doch gesagt, dass sie durch die Vogel …«
»Ich wei? es eben«, unterbrach Arnau ihn unwirsch.
»Und wenn ich sie frage …«
»Nein«, fiel ihm Arnau erneut ins Wort.
Joan sah zu der steinernen Figur. Er wollte auch mit ihr sprechen konnen, wie Arnau es tat. Weshalb horte sie ihn nicht an, seinen Bruder aber wohl? Wie konnte Arnau wissen …? Wahrend Joan sich schwor, dass auch er eines Tages ihrer Worte wurdig sein wurde, horten sie ein Gerausch.
»Pssst!«, wisperte Arnau, wahrend er zu dem dunklen Portal hinubersah.
»Wer ist da?« Der Widerschein einer Laterne erschien in der Offnung.
Arnau begann, in Richtung Calle del Born davonzuschleichen, von wo sie gekommen waren, doch Joan blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf die Laterne, die sich nun bereits dem Chorumgang naherte.
»Los, lass uns verschwinden!«, flusterte Arnau ihm zu und zog ihn mit sich.
Als sie auf die Calle del Born traten, sahen sie mehrere Laternen auf sie zukommen. Arnau blickte sich um; zu dem ersten Licht im Inneren der Kirche waren weitere hinzugekommen.
Es gab keinen Ausweg. Die Wachter sprachen miteinander und riefen einander etwas zu. Was sollten sie blo? tun? Das Gerust! Arnau stie? Joan zu Boden. Der Kleine war wie gelahmt. Das Gerust war seitlich offen. Er gab Joan erneut einen Schubs, und die beiden krochen darunter, bis sie die Grundmauern der Kirche erreichten. Joan presste sich gegen die Steinquader. Die Lichter wanderten an dem Gerust entlang. Die Schritte der Wachter auf den Holzbrettern hallten Arnau in den Ohren und ihre Stimmen ubertonten das Pochen seines Herzens.
Sie warteten ab, wahrend die Manner sich in der Kirche umsahen. Es erschien ihnen eine Ewigkeit! Arnau spahte nach oben und versuchte herauszufinden, was dort geschah, doch jedes Mal, wenn ein Lichtstrahl durch die Bretterritzen fiel, duckte er sich noch tiefer.
Schlie?lich gaben die Wachter auf. Zwei von ihnen blieben auf dem Gerust stehen und leuchteten von dort aus die Umgebung ab. Wie war es moglich, dass sie sein Herz nicht pochen horten? Und das von Joan. Die Manner stiegen von dem Gerust. Doch wo war Joan uberhaupt? Arnau sah zu der Stelle hinuber, wo der Kleine gekauert hatte. Einer der Wachter hangte eine Laterne an das Gerust, der andere verschwand in der Dunkelheit. Joan war nicht mehr da! Wo mochte er nur stecken? Arnau kroch zu der Stelle, an der das Gerust an das Fundament der Kirche stie?. Er tastete mit der Hand im Dunkeln. Dort war eine Offnung, ein schmaler Gang, der sich in der Mauer offnete.
Von Arnau vorwartsgesto?en, war Joan unter das Gerust gekrochen. Nichts hatte sich ihm in den Weg gestellt, und der Junge war weitergekrochen, durch die Offnung und in den Gang, der leicht abschussig in Richtung Hauptaltar fuhrte. Durch das Gerausch, mit dem sein Korper an den Wanden des Gangs entlangschleifte, konnte er nichts horen, aber Arnau musste direkt hinter ihm sein. Erst als sich der enge Tunnel weitete und er sich umdrehen, ja sogar hinknien konnte, hatte Joan bemerkt, dass er alleine war. Wo befand er sich? Es war stockfinster.
»Arnau?«, rief er.
Seine Stimme hallte in seinem Kopf wider. Es war … es war wie in einer Hohle. Eine Hohle unter der Kirche!
Er rief erneut, immer wieder. Zuerst leise, dann immer lauter, doch seine eigene Stimme erschreckte ihn. Er konnte versuchen zuruckzukriechen. Doch wo war der Tunnel? Joan streckte die Arme aus, aber seine Hande griffen ins Leere. Er war zu weit gekrochen.
»Arnau!«, rief er erneut.
Nichts. Er begann zu weinen. Was befand sich wohl an diesem Ort? Ungeheuer? Und wenn er in der Holle war? Er befand sich unter einer Kirche – hie? es nicht, die Holle sei dort unten? Und wenn nun der Teufel erschien?
Arnau kroch in den Gang. Joan konnte nur dort sein. Niemals hatte er sein Versteck unter dem Gerust verlassen. Nachdem er ein Stuck zuruckgelegt hatte, rief er nach seinem Freund. Drau?en konnte man ihn unmoglich horen. Nichts. Er kroch weiter.
»Joanet!« rief er, dann verbesserte er sich: »Joan!«
»Hier«, horte er ihn antworten.
»Wo ist hier?«
»Am Ende des Tunnels.«
»Alles in Ordnung?«
Joan horte auf zu zittern.
»Ja.«
