»Wer bist du, Sklavin«, fragte sie eine andere Frau, »dass du dem Jungen die Ehre verweigerst, die Rechte Barcelonas zu verteidigen?«
Estranya senkte den Kopf. Was wurde ihr Herr sagen, wenn er davon erfuhr? Er hielt so gro?e Stucke auf die Ehre der Stadt. Die Glocken lauteten noch immer. Joanet war zu den Frauen getreten und forderte Arnau auf, sich ihm anzuschlie?en.
»Frauen durfen nicht mit dem Burgerheer ziehen«, rief die erste Frau Estranya in Erinnerung.
»Und Sklaven erst recht nicht«, setzte eine andere hinzu.
»Wer, glaubst du, soll sich um unsere Manner kummern, wenn nicht solche Jungen wie diese beiden?«
Estranya wagte es nicht, den Blick zu heben.
»Wer soll ihnen das Essen kochen, Botengange erledigen, ihnen die Stiefel putzen oder die Armbruste saubern?«
»Geh dorthin, wo du hingehorst«, rieten sie ihr. »Sklaven haben hier nichts verloren.«
Estranya nahm die Taschen, die bislang Arnau getragen hatte, und machte sich davon. Joanet lachelte erfreut und sah die Frauen bewundernd an. Arnau stand immer noch an derselben Stelle.
»Lauft schon, Jungs«, forderten die Frauen sie auf, »und kummert euch um unsere Manner.«
»Und sag meinem Vater Bescheid!«, rief Arnau Estranya hinterher, die erst drei oder vier Meter weit gekommen war.
Joanet merkte, dass Arnau der Sklavin, die sich muhsam vorwartsschleppte, unverwandt hinterhersah, und erriet seine Zweifel.
»Hast du nicht gehort, was die Frauen gesagt haben?«, erklarte er. »Wir sollen uns um die Soldaten von Barcelona kummern. Dein Vater wird das verstehen.«
Arnau nickte, zuerst zogerlich, dann immer heftiger. Naturlich wurde er das verstehen! Schlie?lich hatte er doch so dafur gekampft, dass sie Burger von Barcelona wurden.
Als sie wieder auf den Platz sahen, stellten sie fest, dass sich zu den beiden ersten Bannern ein drittes gesellt hatte: das Banner der Handler. Der Bannertrager trug keine Rustung, aber er hatte eine Armbrust auf dem Rucken und ein Schwert am Gurtel. Wenig spater kam ein weiteres Banner hinzu, das Banner der Silberschmiede, und nach und nach fullte sich der Platz mit bunten Fahnen, auf denen allerlei Symbole und Figuren zu sehen waren: das Banner der Gerber, der Chirurgen und Barbiere, der Zimmerleute, Kupferschmiede, Topfer …
Unter den Bannern sammelten sich, nach Berufen geordnet, die freien Burger der Stadt Barcelona. Alle waren, wie es das Gesetz verlangte, mit einer Armbrust, einem Kocher mit hundert Pfeilen sowie einem Schwert oder einer Lanze bewaffnet. Binnen zweier Stunden war das Burgerheer Barcelonas bereit auszuziehen, um die Privilegien der Stadt zu verteidigen.
In diesen zwei Stunden erfuhr Arnau, was das alles zu bedeuten hatte. Joanet erklarte es ihm.
»Barcelona verteidigt sich nicht nur, wenn es notig ist«, sagte er, »wir greifen auch jeden an, der sich uns gegenuber zu viel herausnimmt.« Der kleine Bursche uberschlug sich fast, wahrend er auf die Soldaten und die Banner deutete und man ihm seinen Stolz daruber ansah, dass sie alle gekommen waren. »Es ist phantastisch! Du wirst schon sehen. Mit etwas Gluck sind wir ein paar Tage unterwegs. Wenn jemand einem Burger von Barcelona Unrecht tut oder die Rechte der Stadt angreift, kommt der Fall vor … naja, so genau wei? ich das nicht, vor den Stadtrichter oder den Rat der Hundert. Wenn die Obrigkeit zu dem Schluss gelangt, dass der Vorwurf gerechtfertigt ist, wird das Burgerheer unter dem Banner von Sant Jordi zusammengerufen – das dort druben, siehst du? Dort, in der Mitte des Platzes, das alle anderen uberragt. Die Glocken lauten, und die Leute laufen mit dem Ruf
Arnau beobachtete staunend, was um ihn herum geschah, wahrend er sich hinter Joanet durch die auf der Plaza del Blat versammelten Gruppen zwangte.
»Und was muss man tun? Ist es gefahrlich?«, fragte Arnau angesichts der waffenklirrenden Menge.
»Normalerweise ist es nicht gefahrlich«, antwortete Joanet und lachelte ihm zu. »Du musst bedenken, dass der Stadtrichter das Heer im Namen der Stadt, aber auch im Namen des Konigs einberuft. Es geht also nie gegen die koniglichen Truppen. Es kommt immer darauf an, wer der Angreifer ist, aber wenn ein Feudalherr das Burgerheer von Barcelona anrucken sieht, unterwirft er sich in der Regel ihren Forderungen.«
»Es kommt also gar nicht zum Kampf?«
»Das hangt davon ab, wie die Obrigkeit entscheidet, und von der Haltung des Feudalherrn. Beim letzten Mal wurde eine Festung geschleift. Damals kam es schon zum Kampf, es gab Tote und Angriffe und … Sieh mal! Da druben ist dein Onkel.« Joanet deutete zu dem Banner der Topferzunft hinuber. »Los, gehen wir hin.«
Unter dem Banner stand neben den anderen drei Zunftmeistern Grau Puig. Er war fur den Kampf gerustet, in Stiefeln, einem ledernen Waffenrock, der ihm von der Brust bis zu den Waden reichte, und mit einem Schwert am Gurtel. Um die vier Zunftmeister drangten sich die Topfer der Stadt. Als Grau den Jungen bemerkte, gab er Jaume ein Zeichen, und dieser stellte sich den Kindern in den Weg.
»Wo wollt ihr hin?«, fragte er sie.
Arnau blickte Hilfe suchend zu Joanet.
»Wir kommen, um dem Topfermeister unsere Hilfe anzubieten«, antwortete Joanet. »Wir konnten die Tasche mit dem Essen tragen … oder was immer er will.«
»Bedaure«, entgegnete Jaume kurz angebunden.
»Und jetzt?«, fragte Arnau, als der Geselle ihnen den Rucken zukehrte.
»Was soll's!«, antwortete Joanet. »Keine Sorge, hier sind genug Leute, die sich freuen, wenn wir ihnen zur Hand gehen. Au?erdem werden sie gar nicht merken, dass wir mit ihnen ziehen.«
Die beiden Jungen mischten sich unter die Manner. Sie betrachteten die Schwerter, Armbruste und Lanzen, staunten uber jene, die eine Rustung trugen, oder versuchten, die angeregten Unterhaltungen
