seinem Wurfelspieler hallte aus dem offenen Fenster, und seine Finger klopften den Takt auf dem Fensterrahmen mit. »… gotta tip they’re gonna kick the door in again. I’d like to get some sleep before I travel … «

»Hey, du da mit dem T-Shirt. Surfst du?« Er nahm sie zur Kenntnis, als sie den Koffer heranzog.

»Na ja, ab und zu schon. Aber gewohnlich gehe ich dazu nach LA. Fur die Wellen hier habe ich nicht einmal mein eigenes Brett mitgebracht. Um so weit rauszugehen, hatte ich weder das Geld noch die Zeit.«

»Mhm«, machte er. »Dass es auch standig ums Geld gehen muss, Mann. Aber man muss ja leben, was bleibt einem da schon ubrig. Fahrst du mit dem Bus raus?«

»Na ja, eigentlich hatte ich gehofft, dass mich jemand mitnimmt. Ich hab ein bisschen zu viel Geld ausgegeben, und um mir das Ticket leisten zu konnen, hatte ich wirklich machtig am Essen sparen mussen.«

»Oh, Mann, ich wei?, wie das ist.« Er beugte sich zur Seite und machte die Beifahrertur auf. »Ich bin ubrigens Reefer. Reefer Jones.«

»Marilyn Grant. Danke, Mann.« Sie zog den Koffer um den Wagen herum, verstaute ihn hinter dem Beifahrersitz, schob dann den Rucksack vor den Sitz und stieg ein, darauf bedacht, nicht wegen des salzigen Fischgeruchs die Nase zu rumpfen.

»Oh, wir mussen uns uberlegen, wie wir das mit dir in den Papierkrieg reinbekommen.« Er grinste. »Tut mir Leid, aber mein Boss kann richtig eklig werden, wenn’s um Tramper geht. Hey, du kannst nicht etwa schie?en, oder?«

Cally fummelte in ihrer Handtasche herum und reichte ihm eine durchaus authentische Schie?platzbestatigung aus Charleston, die erst ein paar Tage alt war und in der Marilyn Grant, Nicht-Einwohnerin, als Expertin ausgewiesen war.

»Bin da einfach hingegangen, ohne mir viel zu denken. Hab schon seit Jahren nicht mehr geschossen, aber meine Mom wollte, dass ich es lerne, du wei?t schon«, sagte sie.

»Yeah, die meine auch. Ich schatze, der Krieg hat diese ganze Generation verruckt gemacht. Aber war schon in Ordnung, ich meine, wenn mir einer eine Postie-Scheibe zeigt und die von mir aufklappt, wei? ich, wie ich die abknalle.« Er lachte und kritzelte etwas auf sein Klemmbrett. »Okay, ich werde dich als freiberufliche Wache eintragen. Da hat der Boss dann nichts einzuwenden. Der hat sein ganzes Leben in den Urbs verbracht, ist dann wegen der Knete nach Charleston gekommen, Mann, der alte Knacker hat die Hosen gestrichen voll, wenn’s um Posties geht.« Er zuckte die Achseln und lie? den VW-Bus anrollen, als die Schlange sich langsam in Bewegung setzte. »Ich fahre diese Tour jetzt seit funf Jahren, und in der ganzen Zeit ist uns noch nie ein Postie naher geruckt, den diese Typen«, damit wies er auf einen Maschinengewehrturm auf dem Dach eines Neunachsers, »nicht in Stucke gesagt hatten, ehe er uns auch nur nahe gekommen ist.«

»Passiert das oft?«, fragte sie, wobei ihre Augen gro? und rund wurden.

»Nee.« Er bot ihr einen Streifen Kaugummi an und schob sich selbst einen in den Mund. »So etwa bei jeder zweiten Fahrt. Das ist immer recht argerlich, weil der ganze Konvoi anhalten muss, wahrend die sich den Kopf holen, damit sie ihre Pramie kriegen.« Er tat so, als musse er sich ubergeben. »Na ja, normalerweise halten wir nicht richtig an. Die verlieren blo? ihren Platz in der Schlange, und wir werden ein wenig langsamer.« Er deutete erneut auf die Trucks. »Von diesen Typen hat jeder irgendwo dort droben einen Boma-Sabel untergebracht, also kostet es nicht viel Zeit.«

Wahrend er redete, waren sie ans Tor gerollt, und jetzt reichte er der Wache ihre Schie?karte und die seine, zeigte dem Mann den Colt.45 neben seinem Sitz und den zweiten im Handschuhkasten. »Dem Boss wird es sogar recht sein, dass du dabei bist, denn mit einem zusatzlichen Schutzen sinkt die Konvoigebuhr.« Er zuckte die Achseln, nahm ihre Karten wieder in Empfang, reichte ihr die ihre hinuber und steckte die seine in die Brieftasche.

Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis die Wachen die restlichen Fahrzeuge freigegeben hatten und die Gruppe mit der Fahrt in die echte Zivilisation beginnen konnte.

»Nachste Station Columbia.« Er drehte seine Stereoanlage ein wenig auf und warf ihr dabei einen fragenden Blick zu. »Wo willst du denn ubrigens hin?«

»Cincinnati.«

»Oh. Dann kannst du ja sozusagen die ganze Tour mitmachen. Das ist cool.« Plotzlich runzelte er die Stirn. »Ich muss dann blo? so tun, als ob du in Knoxville ausgestiegen warst, wenn die Konvoizone endet.«

»Kriegst du meinetwegen Arger?«

Er uberlegte kurz und schuttelte dann den Kopf. »Nee, eigentlich nicht. Der Boss ist gar kein so ubler Typ. Wenn er es spitzkriegt, werde ich ihm einfach sagen, das sei Teil deiner Gebuhr gewesen dafur, dass du von hier bis Knoxville als Wache mitfahrst.«

»Was fahrst du denn?«, fragte sie hoflich und blickte uber die Schulter in den hinteren Bereich des Fahrzeugs, wo mehrere voll gepackte Aquarien vor sich hin gluckerten, deren Luftaustauscher ein paar Zentimeter uber die geschlossenen Deckel hinausragten.

»Blaukrabben. Lebend, wei?t du? Da gibt’s so’n paar reiche Typen in Chicago, die das Zeug gern frisch haben.« Er zuckte die Achseln.

»Und warum gerade du und nicht einer von denen?« Sie deutete auf die Sattelschlepper vor und hinter ihnen.

»Ja, wei?t du, das ist so ne Art Nischenmarkt. Die fahren gefrorenes Zeug, und einige von ihnen haben lebende Austern und Muscheln und solches Zeug auf Eis. Krabben sind da sehr empfindlich. Aber wenn man ein wenig von dem richtigen Zeug ins Wasser tut, geht das schon.« Er grinste. »Und man kann ’ne ganze Menge von den kleinen Biestern in die Tanks reinpacken.«

»Wie, die sind mit irgendwas so voll gepumpt, dass sie einander nicht in Stucke rei?en? Hat das keine Auswirkungen? Ich meine, man isst sie doch schlie?lich.«

»Also, im Grunde genommen«, erklarte er frohlich grinsend, »muss man sie blo? in einen sauberen Salzwassertank bringen, dann sind sie in sechs Stunden wieder auf dem Damm. Und Krabben-Valium hat wirklich keine so starke Wirkung auf Menschen, wei?t du.«

Als damit alles Berufliche erledigt war, schien er mehr daran interessiert zu sein, sich seine Musik anzuhoren als mit ihr zu plaudern. Cally kam das durchaus gelegen. Es war bestimmt schon zehn Jahre her, seit sie die Zeit oder das Bedurfnis gehabt hatte, die Uberlandroute aus Charleston heraus zu nehmen, und ihre Augen wurden allmahlich glasig, als drau?en Kilometer um Kilometer Fichtenwalder vorbeizogen, gelegentlich mit verbrannten Stellen oder Abat-Wiesen dazwischen.

Erst als sie sich zwei Stunden spater Columbia naherten, wichen die jetzt gemischten Walder Getreidefeldern und Viehweiden, alle von Sensorstangen eingegrenzt.

»Ich schatze, der Aufwand fur die Sensoren und den Strom, den man ja dafur braucht, holen die sich aus ihren Pramien«, meinte sie.

»Diese Pramienfarmer sind richtig komische Vogel. Wenigstens die Halfte von ihrem Einkommen verdienen die sich mit Pramien, und die Halfte davon geben sie dafur aus, gegen Abat und Grat zu kampfen. Richtige Einzelganger. Vor funfzehn Jahren hat es da mal einen gegeben, der vollig durchgedreht hat und den sie dabei erwischt haben, wie er, ob du’s nun glaubst oder nicht, Posties gezuchtet hat. Das war vor meiner Zeit, aber er hatte neben seinem Land einen Postie-Gottkonig, mit dem er, so wie ich das mitgekriegt habe, einen Deal hatte, dass der ihm die Kopfe von Postie-Normalen gleich nach dem Nestlingsstadium geliefert hat und dafur mit der Halfte am Profit beteiligt war. Die haben dem wirklich ubel zugesetzt, als sie ihn erwischt haben.«

»Wie haben sie ihn denn erwischt?«, fragte sie hoflich, weil Marilyn sich nicht an die Story erinnern wurde.

»Er hat standig doppelt so viele Pramien geliefert wie die anderen Typen in seiner Umgebung. Ich schatze, da ist einfach einer argwohnisch geworden. Als der Postie-Gottkonig das nachste Mal geliefert hat, hatten die ihn beobachtet und so.« Er schob sich einen frischen Streifen Kaugummi in den Mund. »Das wirklich Irre war, als die dann rauskriegten, wo dieser Postie gelebt hatte. Mann, das war das reinste Elsternnest. Stanniol, polierte Pennys, verchromte Fahrradlenkstangen, Autoteile und solches Zeug, sogar etwas Gold. Dieser Postie muss total durchgeknallt gewesen sein, ich meine, was hatte der schon fur eine Chance?!« Er zuckte die Achseln, und dann fuhren sie eine Weile schweigend dahin, bis der Konvoi allmahlich langsamer wurde, als die vordersten Fahrzeuge das Tor der Columbia-Handelsstation erreichten.

Вы читаете Callys Krieg
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату