Fischgeruch durchtrankten Lieferwagen den Vorzug vor dem Bus zu geben.

Die leuchtend bunten neuen Strand-T-Shirts und ein paar grell bunte Souvenirs erganzten das Bild einer jungen Studentin vom Festland, die im Urlaub zu viel Geld ausgegeben hatte.

Nach dem Mittagessen fand sie eine Telefonzelle und wahlte dort die Nummer, die Shari ihr gegeben hatte.

Am anderen Ende wurde beim ersten Klingeln abgehoben. »Cally?«

»Hi, Grandpa.«

»Du bist ein wenig spat dran«, kritisierte er. »Nicht gleich ein Telefon gefunden?«

»Ich spat dran?«, stie? sie hervor. »Yeah, funf Minuten, nicht drei Stunden und funfundvierzig Minuten.«

»Ah … na ja.« Er rausperte sich und blieb dann ein paar Augenblicke stumm. »Wir hatten keine Ahnung, dass die verdammten Elfen ihren Menschen die Art von Storgeraten verpasst hatten. Ich wei?, dass er sich bei der Befragung dazu ziemlich bescheiden geau?ert hat, aber der Algorithmus, den unser gro?ter Freund per Improvisation entwickelt hat, um die falschen Bilder auszufiltern, war in Wirklichkeit geradezu genial — bis wir den hatten, hattest du irgendwo in der Stadt sein konnen. Du hattest uns gefunden, ehe wir dich gefunden haben. Falls es ein Trost ist: Du hast geradezu brillant improvisiert.«

»Damit verdiene ich mir eben meinen Lebensunterhalt. Woruber wolltest du denn mit mir sprechen? Und warum ausgerechnet am Telefon?«

»Na ja, die Leute benutzen die Dinger schlie?lich immer noch, wei?t du«, meinte er. »Das ist nach wie vor die meist verbreitete Art, uber gro?ere Distanz zu reden.«

»Aber verdammt unsicher. Und jetzt hor auf, um den hei?en Brei rumzureden, Grandpa, was gibt’s?« Dann fugte sie argwohnisch hinzu: »Das hat doch nicht etwa damit zu tun, dass Wendy und Shari mir so zugesetzt haben und mich verkuppeln wollen, oder?«

»Na ja, genau genommen …« Er hielt inne und fing dann von vorne an. »Ich denke, es ist ja nichts daran auszusetzen, wenn ich noch ein paar Urenkel erleben mochte, bevor ich sterbe.«

»Sprich mit Michelle.«

»Du wei?t verdammt gut, weshalb ich das nicht kann.« Er seufzte. »Ich wei? einfach nicht, worin das Problem liegt. Eine Weile habe ich gedacht, wenn ich einfach blo? warte … und du scheinst ja Kinder zu mogen. Honey, ich habe nicht mehr so schrecklich viel Zeit.«

»Nun, da kann ich nur sagen, es tut mir Leid.« Sie klang eher, als ware sie indigniert und nicht so sehr, als ob es ihr Leid tun wurde, »aber ich habe einfach nicht den richtigen Mann gefunden. Dafur habe ich einen Job, einen recht wichtigen sogar, den nicht jeder machen konnte. Und auf den verstehe ich mich verdammt gut.«

»Ein Job ist doch kein Ersatz fur ein Leben!« Sie konnte horen, wie er tief durchatmete und dann seufzte. »Dieser Job frisst dich auf, und er ist auch nicht gut fur dich. Dort drau?en gibt es eine Menge guter Manner und auch viele Orte, wo man sie kennen lernen kann, nicht blo? Bars.«

»Jetzt Augenblick mal, ich mag vielleicht aussehen wie zwanzig, aber ich …«

»Cally, ich will mich nicht mit dir streiten«, fiel er ihr ins Wort. »Ich wei?, dass du eine erwachsene Frau bist. Denk einfach daruber nach, ja?«

»Okay, meinetwegen.« Sie holte tief Luft und lie? den Atem dann langsam entweichen. »Damit du’s nur wei?t, ich nehme gerade eine Woche Urlaub. Ich habe die Unterlagen fur unseren nachsten Einsatz, darf aber nichts daruber sagen. Nach meiner Reise werden wir jedoch mehr als genug Zeit haben, um das alles auf die Reihe zu kriegen. Du solltest alle zusammentrommeln, und wir treffen uns dann am dreiundzwanzigsten um zwanzig Uhr auf der Windfarm. Ich melde mich wieder, okay?«

»Urlaub? Wird auch langsam Zeit. Wohin geht’s denn?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich werde das von Tag zu Tag unterwegs tun«, meinte sie. »Wenn ich alles planen musste, ware es kein Urlaub. Geht das klar mit unserem Treffen?«

»Ja, ja, zwanzig Uhr, dreiundzwanzigster. Du wirst mir also wirklich nicht sagen, wo du hingehst, wie?« Er klang leicht verstimmt.

»Nee. Alles Liebe, Grandpa. Wiedersehen.«

Sie legte auf und grinste das Telefon ein paar Augenblicke lang an, ehe sie ihre Taschen vom Gehsteig aufhob und sie zum Wagen trug. Einen Augenblick lang wirkten ihre Zuge angespannt. Okay, dann ist’s eben ein Arbeitsurlaub. Ich kann einfach nicht glauben, dass die diesen Mistkerl geschutzt haben. Verdammt, doch, ja, ich kann es. Beschissene Pragmatiker. Okay, ich bin ja auch keine Idealistin mit vertraumten Augen, aber gewisse Ma?stabe muss es doch geben.

Den Rest des Nachmittags und Abends verbrachte sie damit, die offentlichen Unterlagen von Sinda Makepeace zu knacken — Fuhrerschein, Kreditkarten, Einkaufskarten, die Grundbucheintragungen fur ihren Apartmentblock, Spuren im Internet. Jay und Tommy wurden das nachste Woche sehr viel grundlicher machen, aber da sie sie jetzt noch nicht informieren durfte, wurde sie sich auf die Weise wenigstens einen kleinen Vorsprung verschaffen.

Nach zwei Stunden, in denen der Buckley Musteranalysen durchlaufen lie?, hatte sie ein vorlaufiges Profil, um anfangen zu konnen, die Rolle aufzubauen.

»Meinst du, du konntest einen kompletten Backup fur mich vornehmen, ehe wir auf diesen Einsatz gehen? Gibt schlie?lich keinen Grund, dass wir beide sterben, oder?«

»Halt die Klappe, Buckley.«

»Geht in Ordnung.«

Dann kamen die Vorbereitungen fur ihren Urlaubseinsatz. Die Zielperson war keine gro?e Nummer, also sollte das nicht schwer fallen, aber Cally war beim Vorbereiten eines Einsatzes gewohnheitsma?ig grundlich. Das war auch der entscheidende Grund dafur, dass sie noch am Leben war.

Da sie sich Petanes Gesichtszuge schon vor Jahren eingepragt hatte, als sie noch jung und eifrig und davon uberzeugt war, dass man sie fur diesen Einsatz einteilen wurde, reichte eine leichte Selbsthypnose, um die Einzelheiten wieder an die Oberflache zuruckzubefordern. Es war naturlich moglich, dass man ihn verandert hatte, aber in dem Fall hatte Robertson das ja wahrscheinlich gesagt. Immer vorausgesetzt, dass Robertson mir die Wahrheit sagt und nicht sein eigenes Spiel spielt.

Eine 3D-Gesichtsmodellierungsanwendung ermoglichte es ihr, ihr Gesicht in eine Form zu bringen, mit der das System etwas anfangen konnte. Und dann war es nur noch ein einfacher Hackvorgang, die Kameraaufzeichnungen fur die Geldautomaten Chicagos zu downloaden und eine weitere kleine Anwendung, um die Bilder nach Ubereinstimmungen durchsuchen zu lassen. Normalerweise hatte sie die Hackerei in den Banken Jay uberlassen, aber sie war schlie?lich nicht seit uber drei?ig Jahren in diesem Geschaft, ohne dabei ein paar Tricks au?erhalb ihrer eigenen Spezialitaten gelernt zu haben. Klar, beim ersten Durchgang bekam sie eine ganze Menge falscher Positivmeldungen, aber bereits beim ersten Dutzend konnte sie einen echten Treffer registrieren, ihn durch die Anwendung schicken, ihn modifizieren und erneut durchlaufen lassen. Damit konnte sie die Halfte der Treffer eliminieren. Als sie die dann nach ein paar weiteren positiven durchsuchte und die Anwendung erneut verfeinerte, brachte sie das auf etwa zweihundert echte positive, aus denen sie manuell eine Hand voll falscher und zweifelhafter aussortierte. Die lud sie in ihre Datenbasis, lie? eine dritte Anwendung laufen und forderte den Buckley auf, von einem ublichen Terminplan Montag bis Freitag auszugehen, seine Arbeit auf eine vermutliche Zone von ein paar Hauserblocks und sein Zuhause auf eine von zwei moglichen Adressen zu lokalisieren. Bei einer davon handelte es sich vermutlich um die Adresse einer Freundin. Nach einem schnellen Blick auf eine Landkarte entschied sie sich fur den Fleet Strike Tower als die vermutliche Arbeitsstelle. Na ja, dann hat Robertson in dem Punkt zumindest die Wahrheit gesagt. Fur mich sieht das jedenfalls nicht so aus, als ob der Kotzbrocken tot ware. Aber das lasst sich andern. Ich hatte ja gute Lust, seine Konten zu knacken, um ein komplettes Profil zu bekommen, aber das Risiko, dabei Spuren zu hinterlassen, ist viel zu gro?. Mir ware es wirklich lieber, wenn meine Oberen sich an die Idee gewohnen konnten, dass Petane tot ist, bevor ich mich zu dem Hit bekenne. Falls ich das je tue. Mhm. Wenn das nicht interessant ist! Die haben den nie von der Zieleliste genommen — und ihn nur automatisch als inaktiv markiert, als er als tot eingetragen wurde. Sie entschied sich fur Risiko und hackte die Nummernschilderdatenbasis von Illinois, um Marke, Modelljahr und Zulassungsnummer seines Autos zu bekommen, und lud dann die Ergebnisse der Analyse und die sonstigen Daten auf einen Wurfel, den sie so einstellte, dass er sich nicht nach dem ersten Lesen selbst loschte. Das war ein kalkuliertes Risiko, aber wenn es wirklich ernst wurde, wurde ihre eigene Magensaure den Wurfel ebenso wirksam zerstoren wie das sonst eher ubliche Glas Essig.

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