Weg zu gehen, aber fur alle anderen war sie gesichert.

Im Bristol bestellte sie sich an der Bar einen tropischen Krabbensalat und eine extra gro?e Mango Margarita; als sie gegessen hatte, sa? sie dann immer wieder an ihrem Drink nippend da und horte zu, wie der Barmusiker auf seiner Gitarre Jimmy Buffett massakrierte, horte mit einem Ohr hin und belauschte mit dem anderen die ubrigen Gaste.

»… und dann habe ich Tom gesagt, dass wir den Oktobertermin niemals schaffen, wenn er mir nicht zusatzliches Personal verschafft …«

»… manchmal denke ich mir, dass sie die Richtige ist, aber dann frage ich mich wieder …«

»… unglaublich, die Preise hier! In der Urb kostet wirklich nichts so viel … yeah, wei? ich schon, aber doch nicht so viel mehr, ich meine, schlie?lich ist das Meer hier ja gleich vor der Tur …«

»… endlich, endgultig, und ich wei? auch, dass ich mich jetzt eigentlich besser fuhlen sollte und frei und alles das, aber manchmal komme ich mir wie ein richtiger Idiot vor, dass ich mich nie gefragt habe, weshalb sie eigentlich nie gemeckert hat, wenn ich wieder mit dem Boot hinaus musste …«

Bingo. Sie studierte unter halb geschlossenen Lidern den Typen, der mit dem Barkeeper redete. Um die vierzig, schutteres Haar — aber er trug es kurz und mit Wurde -, nicht uber die Glatze gekammt und auch kein schlechtes Toupet. Man hatte das hinkriegen konnen, aber der Fischer konnte sich das entweder nicht leisten oder war ganz einfach nicht eitel. Nicht fett. Na ja, ein kleiner Bauchansatz, aber ohne Verjungung war das ja kaum zu vermeiden. Sie sah Schultern und einen Bizeps, die auf ein Leben korperlicher Arbeit deuteten, sah die wettergegerbte Haut und entschied, dass sie schon Schlimmeres gesehen hatte. Ganz locker nahm sie ihr Glas und ging zu dem leeren Hocker neben ihm hinuber, bat den Barkeeper um ein Glas Wasser und ein Stuck Key Lime Pie.

»Herrgott, das sieht aber su? aus«, sagte der Fischer nach einem Blick auf ihre Margarita und schuttelte sich, »und dazu essen Sie Kuchen?«

»Ja, ich bin eben eine Su?e.« Sie grinste ihn an.

»Also, entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber das sieht man Ihnen gar nicht an.« Er warf einen kurzen Blick auf ihre Taille, sah dann aber hoflich gleich wieder weg.

Sie verzog das Gesicht, als der Typ mit der Gitarre — ihn als Musiker zu bezeichnen ware wirklich ubertrieben gewesen — schon wieder einen Akkord verpatzte, sah, wie der Fischer ebenfalls zusammenzuckte, und lachte.

»Da es also offenbar nicht die Musik ist, wurde mich wirklich interessieren, was ein hubsches, junges Madchen hierher fuhrt und mit alten Knackern wie uns trinken lasst?« Er machte eine Handbewegung, die die ganze Bar einschloss. »Arbeitet Ihr Boyfriend etwa hier?«

»Hatten Sie je einen Abend, wo Sie einfach nicht allein sein wollten?«, fragte Cally mit einem sanften Lacheln.

»Was, heute Abend meinen Sie?« Er nahm einen langen Schluck aus seinem Bierglas und starrte ins Leere. »In letzter Zeit eigentlich immer.« Dann trank er aus und winkte dem Barkeeper nach einem frischen Bier. »Sie klingen auch nicht so, als ob Sie aus der Gegend kamen. Ah, entschuldigen Sie«, wischte er dann ihre Erklarung weg. »Ich bin blo? neugierig.«

»Nee, ist schon in Ordnung.« Sie streckte ihm die Hand hin. »Ich hei?e Marilyn, und Sie haben Recht. Ich bin nicht von hier. Ich bin auf Urlaub hier, aus Toledo.« Sie nippte an ihrer Margarita und sah weg. »Eigentlich wollte ich diese Reise mit meinem Verlobten machen, na ja, Ex-Verlobten, ah … aber es hat einfach nicht geklappt. Ich bin aber trotzdem gekommen, und jetzt frage ich mich, ob ich es nicht besser hatte bleiben lassen sollen.«

»Ja, ja, da will man richtig auf den Putz hauen, um zu zeigen, dass es nicht wehtut, aber dann merkt man plotzlich, dass man dafur uberhaupt nicht in der Stimmung ist.« Er tastete in der Tasche nach einem Geldschein, um das Bier zu bezahlen, das der Barkeeper gerade brachte. »Ich schatze, von der Sorte gibt’s heute Abend ne ganze Menge.«

»Sie auch?« Cally nahm ein Stuck von ihrem Kuchen und beobachtete ihn.

»Yeah, ich habe gerade eine Scheidung hinter mir.«

»Schlimm?«

»Das hatte sie werden konnen, wenn ich gewollt hatte. Ich hatte die Geschichte vor Gericht bringen konnen und dafur sorgen, dass sie nichts bekommt.« Er nahm wieder einen Schluck. »Sie hat Gluck gehabt. Als ich in die Wohnung kam und, na ja, eben sah, was ich sah, hat mich das so angewidert, dass ich blo? so schnell wie moglich von ihr loskommen wollte.«

»Ja, das ist schlimm. Ich wei? nicht, was ich getan hatte, wenn da ein anderes Madchen gewesen ware. Ich war es blo? leid, dass wir standig streiten. Er ist einer von den Leuten, die standig und an allem etwas auszusetzen haben.«

»Dann sind Sie ja noch ganz gut weggekommen.«

»Na ja, Sie ja auch. Und ich bin hierher gekommen, um mich die ganze Woche zu amusieren, und, na ja, wahrscheinlich ist das blod, aber …« Sie redete nicht weiter und wandte sich wieder ihrem Kuchen zu. Offensichtlich hatte sie sich da jemanden herausgepickt, der an diesem Abend nichts anderes im Sinn hatte, als sich einfach voll laufen zu lassen. Keine gute Wahl. Eigentlich hatte ich’s wissen mussen.

Als der Barkeeper ihm dann spater nichts mehr geben wollte, setzte sie ihn aus lauter sportlichem Ehrgeiz in ein Taxi nach Hause, ehe sie selbst zu ihrem Apartment zuruckfuhr, um dort in den Dampfen ihres Haarfarbemittels zu schlafen.

Chicago

Dienstag, 14. Mai

Die Empfangsdame sah verdammt gut aus. Nichts Besonderes in puncto Titten, aber ihr Gesicht haute einen um. Au?erdem war es ja schlie?lich keine gro?e Sache, sich die Titten richten zu lassen. Verdammt.

John Earl Bill Stuart, fur Freunde wie Feinde einfach Johnny, stolzierte in dem Vorraum herum und tat so, als wurde ihn der versnobte Kunstkram interessieren, der dort uberall herumhing und stand. Falls irgendetwas davon echt war, musste das Zeug eine Stange gekostet haben. Aber das meiste davon waren vermutlich Reproduktionen, die blo? zur Angabe dienten. Und bei manchen Leuten funktionierte das auch, darauf wurde er jede Wette eingehen. Der Ausblick hatte ihn mehr beeindruckt. Diese Terra Trade Holdings hatten das ganze Stockwerk, das unmittelbar unter dem obersten des alten Sears Tower. Die hatten ihm einen neuen Namen gegeben, aber es war trotzdem noch — oder wieder, je nachdem, wie man es betrachtete — das hochste Gebaude der Erde. Er wusste nicht, wer das oberste Stockwerk hatte, aber dort hatten inzwischen Touristen keinen Zugang mehr, und der Ausblick vom Stockwerk darunter war heutzutage fur die meisten auch unerreichbar. Verdammte Aliens, aber so war das eben, und in Wirklichkeit unterschieden sich die gar nicht so sehr von den alten Konzernen, und die hatten wirklich ganz schon zugelangt, als die Aliens aufgetaucht waren, oder nicht? Blo? dass jetzt ganz oben andere Leute sa?en.

Johnny hatte gern seine Kamera mitgebracht und fur Mary Lynn ein paar Bilder geknipst, wo er nun schon einmal hier oben war, aber das ware stillos gewesen, und er wusste, dass man bei solchen Meetings Stil zeigen musste. Bilder waren eine feine Sache gewesen, einfach um zu zeigen, dass er wirklich hier oben gewesen war, aber da war eben nichts zu machen.

»Der Tir kann Sie jetzt empfangen«, sagte das Madchen so wie die Madchen bei den Abendnachrichten. Kein Yankee-Akzent, wie man ihn hier in Chicago haufig horte. Uberhaupt kein Akzent. Eben klasse.

Das Eckburo des Tir war geradezu kriminelle Verschwendung. Die beiden Fensterwande waren von schweren Vorhangen bedeckt; diese hullten den Raum in dustere Schatten und versperrten jegliche Sicht nach drau?en. Ein wenig erinnerte ihn das an den Typen, der das letzte Stuck Huhnchen aus dem Korb nimmt, nicht etwa, weil er es haben will, sondern damit du es nicht bekommst. Aber das passte genau zu der Art und Weise, wie sein Arbeitgeber eben seine Geschafte machte.

Bis dato hatte er noch nie einen Darhel zu Gesicht bekommen. Gewohnlich hatte er uber Worth berichtet, aber er hatte eine Kontaktnummer fur den Notfall gehabt, und die hatte er angerufen, als sein unmittelbarer Vorgesetzter irgendwann zwischen Donnerstag und Montag letzter Woche vom Erdboden verschwunden war.

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