»Ups. Jetzt musst du einfach, Cally Ich mach den Babysitter. Sie und Tommy waren schon seit einer Ewigkeit nicht mehr aus, das ist einfach deine Pflicht fur deine besten Freundinnen auf der ganzen Welt.«

»Meine einzigen Freundinnen auf der Welt«, korrigierte Cally und verzog das Gesicht. »Nicht, dass ich euch beide nicht zu schatzen wusste — ich meine, zumindest dann, wenn ihr nicht versucht, mich mit Tommys oder Grandpas Angelkumpels zu verkuppeln.«

Aber als die beiden sie dann finster anblickten, gab sie nach. »Okay, okay, ich werde daruber nachdenken. Sobald ich von diesem nachsten Einsatz zuruck bin.«

»Einem kurzen Einsatz, will ich doch hoffen?«, fragte Shari.

»Ihr wisst, dass ich daruber nicht reden darf. Aber ihr solltet keine zu gro?e Hoffnung darauf setzen.« Sie benutzte den leeren Saftbehalter, um ihren Drink umzuruhren, und nahm einen Schluck, ehe sie auf ihren PDA sah. »Alles in Ordnung. Immer noch scharf, immer noch am Scannen, keine Spuren.«

Der Rest des Nachmittags war ein richtiges Idyll. Sie spulten die Krabbensalat-Sandwiches mit Saft und Limonade hinunter — nun ja, Cally trank ein Bier. Dass sie Postie-Wache hatte, hatte nichts zu besagen, da sie, seit sie erwachsen war, Alkohol gegenuber stets immun gewesen war. Die Kinder sprachen dem Kasegeback nicht sehr zu — es machte viel mehr Spa?, es an die Mowen und den Hund zu verfuttern. Da Sandy von Kasegeback begeistert war, genauso begeistert wie vom Mowenjagen, gewann sie normalerweise jedes Rennen, wenn man ihr wieder ein Stuck zuwarf.

Duncan und James spielten gern mit Cally Ball, da sie ihn meistens auch dann fing, wenn der Wurf nicht so besonders war. Und die beiden Kids fingen ihn im Allgemeinen, weil sie ihn selbst aus funfundzwanzig Meter Entfernung sehr genau in ihre Hande platzieren konnte. Cally uberlegte, dass den Jungs, die kaum Kontakt mit nicht voll aufgewerteten erwachsenen Frauen gehabt hatten, eines Tages ein schlimmes Erwachen bevorstand. Sie hatte den Ball auch aus doppelter Entfernung genau auf den Punkt werfen konnen, aber das ware handwerklich schlecht gewesen. Wenn Fremde am Strand gewesen waren, hatte sie nicht einmal so gut geworfen.

Am Nachmittag trug sie die schlafende Annie fur Wendy die Treppe hinauf und schnallte sie in den Kindersitz in ihrem Van, wahrend die alteren Jungs die Klappstuhle und die sonstigen Sachen hinten verstauten. Ein paar Sekunden spater kletterte Mike auf den Sitz neben seiner kleinen Schwester, worauf seine Schuhe, die offenbar registriert hatten, dass ihr Besitzer nicht mehr stand oder ging, die Hologramme abschalteten.

»Das sind wirklich nette Schuhe«, sagte Cally, als sie zum hinteren Teil des Wagens ging, wo ihre Freundinnen darauf warteten, sich von ihr zu verabschieden, »aber ich war etwas uberrascht, dass diese Gefechte stumm sind. Als wir noch Kinder waren, hatten sie nette Gerauscheffekte.«

»Schsch.« Wendy hielt sich den Finger an die Lippen und musste ein Lachen unterdrucken. »Tommy hat das am ersten Abend abgeschaltet.«

Cally hatte verstanden. Jetzt spurte sie, wie ihr ein kleines Stuckchen Papier in die Hand gedruckt wurde, und blickte fragend zu Shari auf.

»Das ist ein Zeitpunkt und eine Nummer fur deinen Gro?vater. Ruf ihn an«, sagte sie.

»Was? Am Telefon?« Sie strich sich uber ihr Bikinihoschen. Immer noch feucht. Sie wurde auf einem Handtuch nach Hause fahren. Dann arbeitete ihr Verstand wieder, und sie sah Shari verblufft an. »Telefon? Warum Telefon?«

»Es geht um etwas, das wir, die wir nicht in der Welt der Dienste leben, ein personliches Gesprach nennen, Cally.« Shari klopfte ihr ubertrieben bedauernd auf den Rucken und fuhr dann etwas ernster fort: »Er will blo? mit dir reden. Keine Fachsimpelei, nichts uber Einsatze, einfach blo? ein Besuch. Okay, du wirst irgendwo ein Zahltelefon benutzen, aber … ruf einfach deinen Gro?vater an, ja?«

»Ja, freilich.« Sie druckte die beiden ein wenig verlegen an sich. »Okay, nun, dann hei?t das wohl Wiedersehen bis zum nachsten Mal.«

»Wir warten, bis du deine Sensoren zuruckgeholt hast«, sagte Wendy, stieg auf den Fahrersitz und sah Cally dabei zu, wie sie die kleinen Kastchen von den Fahnenstangen holte und sie in ihren Wagen zurucklegte.

Eine dicke Wolkenbank schob sich heran, und Cally konnte den Regen in der Luft riechen, als sie hinter dem blauen Mini-Van wieder auf die Stra?e rollte und die Heimfahrt in die Stadt antrat.

3

Wieder in ihrem Apartment eingetroffen, stellte sie die ein wenig angekratzte matt orangefarbene Muschel, die Annie voll Stolz fur sie »gefunden« hatte, neben einen kleinen Topfkaktus auf ihren Nachttisch und ging dann das klebrige Salz und den Sand abduschen. Sobald sie sich daruber klar war, welche ihrer Identitaten in Ferien gehen musste, wurde sie noch einmal duschen mussen, aber daruber wurde sie sich den Kopf zerbrechen, sobald sie sauber war.

Als sie ihren roten Bikini auf die Badematte fallen lie?, konnte sie drau?en den Donner horen, gleich darauf klatschten die ersten Regentropfen gegen das kleine Badezimmerfenster.

Ein paar Minuten spater kam sie aus dem Bad, ein Handtuch um den Kopf gewickelt und in einen zu gro?en, flauschigen blauen Bademantel gehullt, offnete mit einem Daumendruck die unterste Schublade ihrer Ankleide, zog sie diesmal ganz heraus und griff nach hinten, nach einer zerkratzten, schwarzen Schuhschachtel. In der Schachtel lagen ihre funf »Spezialidentitaten«, von denen selbst die Bane Sidhe nichts wussten — nicht nach ihrer Kenntnis. Grandpa hatte ihr das damals im Postie-Krieg eingeblaut: Du brauchst immer einen Geh-zur-Holle Plan. Mhm. Die beiden kommen nicht infrage, die muss ich aktualisieren. Aus der Nahe gehe ich nie fur drei?ig durch, das wurde mehr Kosmetikarbeit erfordern, als ich schaffe. Okay. Dann die hier. Marilyn Grant aus Toledo Urb. Gut, dass ich sie schon am Abend vorher ausgewahlt habe. Ich werde eine Dauerwelle brauchen und eine Tonung, die sich nicht gleich beim ersten Duschen wieder herausspult. Ups. Als Hobbys hat sie Akustikgitarre und Musik aus den Sechzigern. Kann ja heiter werden.

Ein paar Stunden spater stand sie vor dem dreiteiligen Spiegel, rumpfte uber den Chemikaliengeruch, der jetzt ihr Schlafzimmer erfullte, leicht die Nase und sah sich das Ergebnis der vorgenommenen Veranderungen an. Warme braune Augen starrten sie an, die sie altmodischen Kontaktlinsen ohne Wirkung verdankte. Nicht ganz kastanienbraune Locken reichten ihr bis zu den Schultern. Sie hatte nicht viel abschneiden mussen, weil die Locken ja das Haar ein wenig kurzer gemacht hatten. Und richtig gebraunt war sie auch nicht, eher medium. Kurze Nagel an der linken Hand und etwas langere an der rechten, mit rosa Nagellack, der besonders Brunetten so schmeichelt. Die Zehennagel waren in einer anderen Rosaschattierung gehalten. Beide mit kleinen Fehlern an den Randern, und sie wurde auch ein wenig abspringen lassen und das dann im Laufe der nachsten paar Tage nicht sehr fachmannisch reparieren.

Sie zog die Bildausweise heraus und sah sich das Gesicht an, verglich es mit dem Spiegel. Ja, das habe ich mit Wangenpolstern gemacht. Ziemlich lastig eigentlich, aber wenigstens kann man heutzutage dauergewelltes Haar waschen. Ein dreifaches Hurra fur die moderne Kosmetik. Aber stinken tut das Zeug immer noch. Ein kurzer Blick auf die Fensterscheiben, gegen die immer noch der Regen klatschte, und sie schuttelte den Kopf, offnete die Tur zum Rest ihres Apartments und schnippte den Deckenventilator an. Das und der Ventilator im Bad, der nach drau?en entluftete, wurden etwas helfen. Und im Ubrigen hatte sie auch schon in schlimmerem Gestank geschlafen.

Cally sah zur Uhr hinuber. Noch nicht einmal neun. Zum Teufel, vielleicht gibt es eine Alternative. Sie rumpfte die Nase und sah in den Kleiderschrank. Touristenma?ig, touristenma?ig … blaues Hawaii-Hemd, wei?e Caprihosen, wei?e Sandalen, billiger Muschelschmuck, eben touristenma?ig. Perfekt.

Ein paar Stra?en von der Market entfernt gab es ein wirklich gutes Seafood-Lokal — so gut, dass sie sich bewusst anstrengen musste, nicht zu oft hinzugehen, weil es dort zu viele Leute gab und sie darauf achten musste, nicht irgendwelche Verhaltensmuster erkennen zu lassen. Dass heute Abend irgendwelche Kadetten dort sein wurden, war unwahrscheinlich — das war ganz entschieden eine schlechte Woche fur Kadetten. Der perfekte Ort fur Touristen.

Sie rief auf ihrem PDA die Lokalnachrichten fur Toledo Urb aus den letzten zwei Wochen auf und schaltete auf Audio, wahrend sie sich anzog. Sie wurde — wie sie das immer tat — darauf achten, Ortsansassigen aus dem

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