lassen. Die Stahlstange, die fruher einmal eine Leuchtschrift getragen hatte, war verlangert worden und trug jetzt die Funkantenne der Station.

Auf dem Parkplatz des Restaurants standen uralte Picknicktische aus verschiedenen Materialien, die man offenbar uberall zusammengekratzt hatte. Vielleicht ein Drittel davon stammte noch aus der Vorkriegszeit. Eine Hand voll Madchen im Teenageralter in Shorts und T-Shirts bedienten. Callys Omelette war zah und uberteuert, aber die Bedienung gab sich gro?e Muhe, schenkte ihr mehrfach Wasser nach und entschuldigte sich mit einem freundlichen Lacheln fur die Qualitat des Gebotenen.

»Wenn du den Geschmack von dem Zeug hier loswerden willst, solltest du dir in dem Laden dort druben ein kleines Glas eingelegte Pfirsiche besorgen. Einer von unseren Nachbarn verkauft sie, und die sind wirklich gut. Ich meine, wenn man Pfirsiche mag.«

»Danke, werde ich tun.« Cally lachelte, wobei ihr die wehmutigen Blicke des Madchens, die ihrem PDA galten, nicht entgingen.

»Du bist College-Studentin … nicht wahr? Das muss schon sein.« Das trug ihr einen bosen Blick eines anderen Madchens ein, das ein wenig schneller als sie bediente.

»Ja, mir gefallt es. Wo willst du dich denn bewerben?«

»Das wurde nichts nutzen.« Das Madchen wurde rot. »Die nehmen einen nicht, wenn man aus einem anderen Staat kommt, sofern man nicht Geld hat.«

»Ich kenne eine ganze Menge auswartige Studenten. Und es gibt schlie?lich auch Stipendien.«

»Dazu muss man Prufungen bestehen. Ich habe mich erkundigt.« Sie warf dem anderen Madchen einen finsteren Blick zu, als dieses, mit einem Stapel gebrauchter Teller beladen, einen unfreundlichen Laut von sich gab. »Ich wette, von deinen auswartigen Freundinnen kommt keine von einer Pramienfarm, oder?«

»Wenn du die Prufungen nicht schaffst, musst du eben lesen und studieren, bis du es schaffst.«

Das Madchen lachte. »Bibliothek.« Sie deutete auf den Wohnwagen des Bounty-Agenten. »Zwei Regale voller Lexika aus der Vorkriegszeit und ein zerfleddertes Exemplar von Ledergottinnen von Phobos.«

»Das kann doch nicht dein Ernst sein.« Cally fiel die Kinnlade herunter.

»Nee.« Sie grinste verkniffen. »Na ja, es sei denn, du zahlst die Pornomagazine mit, die Agent Thomas unter seinem Bett verstaut. Ich habe mich schon mal so gelangweilt. Ups, ich muss jetzt gehen, die Pfirsiche solltest du echt versuchen.« Sie zuckte zusammen, als sie das Gesicht der Frau in mittleren Jahren sah, die aus dem mit Isolierband geflickten Plastik-»Fenster« der Imbissbude heraussah, und fing an, leere Teller und Besteck einzusammeln.

Cally starrte ihr einen Augenblick lang nach, ehe sie in ihrem Rucksack nach einem abgegriffenen Exemplar von Pygmalion wuhlte und das Buch einen Augenblick lang anstarrte.

Ich kann mir ja wieder eins besorgen. Sie stopfte das Trinkgeld des Madchens hinter den Einbanddeckel, leerte ihr Wasserglas und ging dann zu der Tur, wo das Madchen gerade herauskam, um sich die nachste Ladung abzuholen. Als sie den roten Handabdruck im Gesicht des Madchens und ihre geroteten Augen sah, presste sie die Lippen zusammen und druckte ihr das Buch in die Hand. »Du darfst nie aufgeben«, redete sie ihr zu, griff ihr unters Kinn und drehte ihr den Kopf herum, damit sie ihr in die Augen sehen musste. »Niemals aufgeben. Niemals. Du schaffst das.«

Das Madchen zuckte zusammen und musterte ihr Gegenuber scharf, als ob ihr plotzlich der Verdacht gekommen ware, dass sie viel alter als zwanzig war, was auch immer sonst sie sein mochte. Sie lachelte grimmig, stopfte sich das Buch in die Tasche und machte sich wieder an die Arbeit.

Cally horte sie murmeln »Danke, Ma’am«, als sie zu dem VW-Bus zuruckschlenderte, wieder exakt wie eine Studentin auf Reisen, bemuht, ihre Selbstvorwurfe wegen Verletzung ihrer Tarnung nicht zu offensichtlich werden zu lassen.

Vor den Mauern verzog Cally das Gesicht, als sie das Kudzu-Gestrupp am Stra?enrand sah. »Das gibt Probleme mit Abat, nicht wahr?«

»Was? Ja, und wie. Das kommt an diesen Orten haufig vor. Wenn es kein gutes Anbauland ist oder dicht beim Haus von jemandem liegt, geht es niemand etwas an. Da reinzugehen und das Zeug wegzuschaffen, das macht ’ne Menge Arbeit, und dafur kriegt man keine Pramien und die eigene Saat wachst davon auch nicht. Bis dann irgendein armer Teufel von einem Grat gebissen wird. Ich kann dir blo? sagen, Mann, auf der ganzen Welt gibt’s nicht genug Geld, um mich zum Farmer zu machen.«

Als das Land und die Stra?e dann hugeliger wurden, turmten sich zuerst die kleinen, immer gro?er werdenden Baume und das Gestrupp wie grune Mauern entlang der Stra?e auf, dann kamen riesige Granitdurchbruche, als sie in die Blue Ridge Mountains hinaufklettern, die wie eine gewaltige Wand vor ihnen aufstiegen, welche der nachmittagliche Dunst nur geringfugig weicher machte. Jetzt, wo das sich andernde Terrain es nicht mehr notig machte, eine Roundup-Zone zu haben, tauchten hier und da kleine Grasinseln und irgendwelche Cally unbekannten blauen Blumen auf, die sich im Felsboden festkrallten und gelegentlich dazwischen ein paar leuchtend gelbe Kleckse von Bergazaleen. Reefer schaltete die Klimaanlage ab und kurbelte die Seitenscheiben herunter, um die frische, kuhle Bergluft hereinzulassen. Cally gab sich Muhe, nicht die Nase zu rumpfen, weil damit auch der Auspuffgestank des restlichen Konvois hereinkam, und schlang sich ihr Haar zu einem Pferdeschwanz, damit ihr die dunklen Locken nicht ins Gesicht flogen.

An einem der Durchstiche konnte man noch Reste von einigerma?en exotischem Schutt erkennen, wo sie den Wall in die Luft gejagt hatten, die Stra?e dann nach Fertigstellung der Green River Gorge Zugbrucke beim Wiederaufbau der Route zum Hafen von Charleston neu zu eroffnen.

An der Zugbrucke gab es keine Verzogerung, weil der vorderste Truck bereits synchronisierte Codes vorausgefunkt hatte, um den Bruckenwarter zu verstandigen. Cally beruhigte es, den ungewohnlich wachsamen Mann dabei zu beobachten, wie er ganz offensichtlich den Konvoi und seine samtlichen Sensoren im Auge behielt, wahrend der VW uber die heruntergelassene Brucke polterte.

Nach der ersten Ausfahrt hinter der Brucke uberholten sie gelegentlich lokalen Verkehr — hie und da einen uralten Pickup-Truck oder einen Off-Roader aus den Berggemeinden, die nach der gro?en Entlassungswelle uberlebender Soldaten nach dem Krieg wieder zu einem Leben zuruckgekehrt waren, wie sie es die letzten vierhundert Jahre gefuhrt hatten. Ein wenig armer vielleicht, aber was machte das Leuten schon aus, die sich an dieses Hochland ebenso gewohnt hatten und es liebten, wie ihre Vorfahren ihr fruheres Zuhause geliebt hatten; schlie?lich hatten sie ihre Berge, ihre Nachbarn, und fur sie fuhlte sich die gerade ertragliche Armut, die sie umgab, eher wie ein vertrautes, ausgetretenes Paar alter Schuhe an, als sie wirklich zu belasten. Ihre Berge waren nichts fur Weichlinge, Faulpelze oder habgieriges Volk, aber sie hatten sie vor einer Gefahr beschutzt, die weichere und reichere Leute vollig hilflos gemacht hatte. Dieses Wissen hatte die Zuneigung der Ortsansassigen zu ihren Bergen zu einem immer wahrenden Band geschmiedet, das eigentlich weit uber blo?e Zuneigung hinausging und bis zu respektvoller Ergebenheit reichte. Und das war einer der Grunde dafur, dass die landlichen Regionen in den Appalachen die wohl niedrigsten Abwanderungsquoten auf dem ganzen Planeten hatten. Die Bewohner dieser Bergregion wussten zwar, dass es in der modernen Galaxis viele Orte gab, wo Menschen leben konnten, aber dieser Ort hier gehorte nur ihnen, und sie waren fest entschlossen, ihn auch zu behalten.

Es war fruher Abend, aber noch recht hell, als der Konvoi in den Baldwin-Pass einfuhr, wo die Southeast Asheville Urb lag. Sie bogen vom Blue Ridge Parkway auf die Victoria Road und fuhren durch die zerfallenen Uberreste vierzig Jahre alter Befestigungsanlagen in das Tal — mit einem Sammelsurium von Sensorboxen und Sendern bestuckte Anlagen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die ortsansassigen Bauern dort angebracht hatten und auch unterhielten, weil sie mehr daran interessiert waren, ihr Land und ihr Vieh zu schutzen, als irgendwelche Abschusspramien zu sammeln. Asheville verfugte uber Energie, ausreichenden Schutz und reichliche Kuhlmoglichkeiten und war deshalb Rinderland; es verkaufte einen gro?en Teil seines minderwertigen Rindfleischs an die ortlichen Urbs und schickte die besseren Qualitaten nach Charleston, damit die Touristen dort ein gepflegtes Steak-Dinner bestellen konnten. Reefer, offensichtlich ein Stadter, hatte die Fenster wieder geschlossen und die Klimatisierung eingeschaltet, als der erste Schwall Kuhmist hereingeweht war — ihr machte das nichts aus.

Das Allererste, was Cally auffiel, als sie in Sichtweite der Fahrzeugbereitstellungszone von Asheville Urb kamen, war die gro?ere Zahl von Menschen, die den Wall besetzt hatten, und die geringe Aufmerksamkeit, die all die Menschen ihrer Aufgabe widmeten. Einige trugen Kopfhorer, die aber ihrem rhythmischen Kopfnicken nach zu schlie?en Musik und nicht etwa Informationen lieferten. An einer Ecke des Walls plauderte eine junge Frau in Wachuniform mit einem Zivilisten. Eine weibliche Uniformierte stand uber dem Einfahrtstor und blickte nach

Вы читаете Callys Krieg
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату