drau?en. Aber wahrend ihre Augen die Hugel absuchten, sah es die meiste Zeit nach ihren Handbewegungen zu schlie?en aus, als hatte sie auf der Mauerkrone ein Solitarspiel liegen, mit dem sie befasst war.
»Ich denke, so dicht bei der Zivilisation gibt es nicht allzu viele Wilde«, meinte Cally als sie durchs Tor fuhren, schlupfte wieder in ihre Sandalen und schloss den Roman, den sie gerade auf ihrem PDA las.
»Ha?«
»Also, diese Wachen, ich muss schon sagen, die sahen doch recht gelangweilt aus. Nicht dass ich gro?e Vergleichsmoglichkeiten hatte, denn bei uns zuhause haben wir die nicht«, sagte sie.
»Oh, yeah«, nickte er. »Die sind hier ziemlich locker, wei?t du? Ich war schon oft mit ihnen zusammen, wenn ich hier durchkam. Das Madchen, mit dem ich geredet habe, hat gesagt, es wird ganz gut bezahlt, und das ist auch ein Bundesjob, also sind die Nebenleistungen in Ordnung.« Er schluckte und schob sich wieder einmal einen Streifen Kaugummi hinein. »Fur mich ware das nichts, Mann, ich meine, nicht dass es stressig ware oder so, aber ich konnt’s einfach nicht ertragen, fur den Bund zu arbeiten.«
»Ich auch nicht«, meinte sie grinsend. »Und was passiert jetzt?«
»Na ja, ich muss halt auf die Tussi von einem der Restaurants warten und horen, was sie kaufen mochte, und dann muss ich meinen Bus morgen fur den Konvoi herrichten. Und dann, na ja, ich schatze Abendessen und irgendwo ubernachten. Vielleicht finde ich eine Party, aber eine, wo’s nicht zu hei? hergeht, du wei?t schon, wo ich doch morgen wieder fahren muss.« Einen Augenblick lang wirkte er ziemlich unschlussig. »Oh, tut mir Leid.«
»Du musst hier oft durchkommen. Ich frag dich ja ungern, wo du ja schon so viel fur mich getan hast, aber konntest du mir vielleicht einen Tipp geben, wo ich zu Abend essen kann und, na ja, auch ubernachten, aber es darf nicht so teuer sein?«, fragte sie und sah dabei zu Boden und scharrte mit dem Fu? im Sand.
»Oh, kein Problem. Ich treffe mich mit einer Freundin, also bin ich bis morgen fruh vollig weggetreten, sei mir nicht bose. Ah … die Cafeteria ist gro?e Schei?e, also geh da gar nicht erst hin. Dort zahlst du mit Asheville- Urb-Kaloriencredits, und bei dem Wechselkurs ziehen die dir das Fell uber die Ohren. Ich schatze, am besten bist du in der Mall dran, dort gibt’s ne Menge Verkaufsstande. Taco Hell war ganz in Ordnung, als ich das letzte Mal dort war, aber das liegt jetzt schon ein paar Monate zuruck, und damals war ich ganz knapp bei Kasse. Was Zimmer betrifft, wurde ich dir, wenn du ein Kerl warst, sagen, nimm das Motel vor dem Wall und lass dein Zeug im Bus, aber an deiner Stelle wurde ich mir da ehrlich gesagt lieber einen Urbie-Typen fur ’nen One-Night-Stand aussuchen, denn besonders elegant ist die Bude nicht.« Er runzelte die Stirn, kratzte sich das Kinn unter seinem Bart und blickte verdrossen. »Schei?e. Bleib doch einfach da, bis Janet kommt. Vielleicht wei? sie was fur dich, fur die Nacht, meine ich, die Hotelpreise in der Urb sind einfach unglaublich, ehrlich, Madchen.«
»Oh, nein, ist schon in Ordnung. Ich will mich nicht in dein Date drangen oder so was. Ich meine, ich habe mir schlie?lich die Busfahrt hierher gespart und hatte vor, uber Nacht zu bleiben. Das geht schon klar.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm und lachelte beruhigend.
»Ach was, bleib einfach da. Dann lernst du Janet kennen, und wir konnen zusammen reingehen. Ich kann wenigstens dafur sorgen, dass die dich nicht zu schlimm beschei?en, wenn du dein Hotelzimmer mietest. Oh, ’tschuldigung.« Et lie? sie einfach stehen und ging zu einer etwas ubergewichtigen Frau in mittleren Jahren hinuber, die ein Klemmbrett in der Hand hielt und einen kleinen Wagen mit einem Eimer hinter sich herzog, der halb voll Wasser war.
Wahrend Reefer und die Restaurantbesitzerin feilschten, wandte Cally sich wieder Marilyns Liebesroman auf ihrem PDA zu und lehnte sich dabei an den Bus, aus dessen offenem Fenster Musik drang …
Nach einer Weile zog die altere Frau ihren Wagen weiter, wobei ein wenig Wasser aus dem Eimer spritzte. Reefer blieb zuruck und machte sich eine Weile an seinen Tanks zu schaffen, wahrend allmahlich die Nachmittagssonne hinter den Bergen versank. Schlie?lich seufzte er, kam zu ihr heruber, kratzte sich mit einer Hand am Hinterkopf und blickte in den Sonnenuntergang. »Ah … hor mal, du wurdest mir einen gro?en Gefallen tun, wenn du hier ein paar Minuten auf Janet warten wurdest, wahrend ich mich fur den Konvoi morgen eintrage. Ich meine, sie kennt meinen Bus, also, wenn du sie siehst … ah … sie ist ziemlich schmachtig, okay? Und sie hat gerades, schwarzes Haar, bis hierher, und durfte so alt sein wie du. Hast du … ah … wie soll ich das sagen … ah … hast du je von den Gothic-Leuten gehort?«, fragte er.
»Ah … nein. Na ja, wei?t du … sie tragt meistens Schwarz, okay? Und Silberschmuck. Wahrscheinlich wird sie ’ne ganze Menge Silberschmuck tragen. Und an einem Handgelenk hat sie eine echt coole Tatowierung, so etwas Keltisches. Links, denke ich. Du kannst sie gar nicht ubersehen. Also … ah … wenn sie hier … ah … auftaucht, wahrend ich weg bin, und das wird sie wahrscheinlich, wurdest du ihr da sagen, dass ich gleich wieder da bin?« Er biss sich auf die Unterlippe, reckte den Hals und sah zum Eingang der Urb hinuber, als konnte er sie heraufbeschworen, wenn er nur oft genug hinsah.
»Geht klar, Reefer, ich sage ihr, du bist gleich wieder da«, sagte sie.
»Klasse. Danke, Mann.« Er ging auf die Reihe von Sattelschleppern zu, die die vordere Partie des Konvois von Charleston gebildet hatte.
Als Reefer mit seiner Konvoinummer fur den nachsten Tag zuruckkam, hatten sich die Wolken in strahlende Schmierer aus grellem Pink und Orange verwandelt. Als er au?er Cally niemand bei seinem VW vorfand, sackte ihm der Unterkiefer herunter.
»Shit«, murmelte er halblaut, als er die Fahrertur offnete und seinen Rucksack herauszog. »Ich schatze, ich habe dich umsonst hier warten lassen. Tut mir Leid, Marilyn. Ah, gehen wir, denke ich.«
Cally griff sich wortlos ihren Rucksack und folgte ihm auf das Tor der Urb zu. Der Parkplatz war mit Schlaglochern ubersat und hatte dringend eine neue Asphaltschicht gebraucht, aber die frisch aufgemalten Streifen auf dem ausgebleichten Asphalt lie?en erkennen, dass das fur die unmittelbare Zukunft nicht geplant war. Selbst aus der Ferne konnte sie sehen, dass die Mauern im Eingangsbereich der Urb mit Graffiti bedeckt waren, einige davon neu, andere mit den Jahren ebenso verblasst wie die ursprungliche Farbe des Gebaudes.
Als sie auf das Tor zugingen, kam ein Paar in ausgeblichenen Jeans und kunstvoll zerrissenen schwarzen T-Shirts auf sie zu. Reefer schien sie zu erkennen, und sein Schritt stockte kurz, aber er ging dann gleich weiter. Als sie voreinander standen, registrierte Cally sein etwas angestrengtes Lacheln.
»Also, ich muss schon sagen, cool. Hi, Janet. Janet, das ist Marilyn. Marilyn, Janet.« Seine Stimme klang etwas gequalt. Cally trat neben ihn und legte den Arm um seine Taille.
»Oh, freut mich, dich kennen zu lernen.« Janet legte den Kopf etwas in den Nacken, um zu dem hageren Jungen in ihrer Begleitung aufblicken zu konnen. »Thad, das ist der Typ, von dem ich dir erzahlt habe, Reefer. Du bist ein guter Maler, Mann. Freut mich.«
»Yeah, klar.« Er griff nach der Hand, die Cally um seine Hufte gelegt hatte, und strahlte sie dankbar an. Dann herrschte einen Augenblick lang verlegenes Schweigen, als sie einander gegenseitig musterten. Thads roter Backenbart kontrastierte schrill mit den neonblauen Spitzen in seinem schwarzen Haar. Auf der einen Schulter, wo er den Armel aus dem Hemd gerissen hatte, konnte man den eintatowierten Kopf eines Posleen-Gottkonigs mit gestraubtem Kamm und aufgerissenem Maul sehen. Auf der Stirn trug er eine metallisch goldene Tatowierung eines Blitzes. Seine Haut war vollig rein, typisch fur eine Generation, die Akne mit derselben Skepsis betrachtete wie ihre Gro?eltern Erzahlungen aufgenommen hatten, in denen es darum ging, am Morgen durch den Schnee zur Schule zu gehen.
Cally brach die inzwischen peinlich werdende Stille, indem sie Reefer in den Po zwickte und grinste, als der zusammenzuckte. »Hey, Babe, holen wir uns was zu futtern, oder wie?«
»Hey, Marilyn, ist ja wirklich nett von dir, aber das brauchst du nicht zu tun.« Das flusterte Reefer ihr ins Ohr, als sie die Wohnkorridore zu Janets Apartment hinuntergingen, wobei er sich drei Schritte hinter seiner Ex- Freundin und deren neuem Typen hielt.
»Schsch«, sie legte ihm den Finger auf die Lippen, »ist schon in Ordnung.«
»Wir konnen nach oben gehen und uns im Hotel Zimmer nehmen, separate Zimmer naturlich, und auch wenn ich wie eine Schlafmutze aussehe, du hast mir wirklich den Abend gerettet …«
»Schsch.« Sie hielt ihn wieder an und flusterte ihm ins Ohr: »Ich mache da kein Angebot, ich brauche blo? ’ne Bleibe fur die Nacht und du ein wenig moralische Unterstutzung, also beruhig dich und halt die Klappe, ja?«
