Menschen.«

»Hat man dich, ich meine, du wei?t schon, in den Knast gesteckt?« Ihre Augen wurden noch ein wenig gro?er und runder, als sie ihn uber den Rand ihres Bechers ansah.

»Nee. Hab das Gewerbe von meiner Mom gelernt, und die war echt klasse. Weil sie die richtigen Leute gekannt hat, wei?t du? Aber verdammt teuer war das.« Er blickte in die Ferne und stopfte sich wieder einmal einen Streifen Kaugummi in den Mund. »Meine Mom hat gesagt, dass die Bullen und die Politiker vor dem Krieg, was soll ich sagen, echt eklig waren, wei?t du, ich meine, die haben den Leuten standig dreingeredet, was sie nehmen durfen, um high zu werden. Und jetzt, na ja, da gibt’s schon ein paar Bullen, die sich drum kummern, aber die meisten lassen sich schmieren, und man muss einfach zusehen, dass man genugend weit nach oben kommt, und dann, ich meine, wenn man genugend Knete hinlegt, ist alles weg. Aber Bullen umbringen — also, in dem Punkt sind die immer noch richtig stur. Da gibt’s wohl nichts, was das andert. Oder wenn es was gibt, dann wei? ich es nicht, wei?t du?«

»Hor auf, von umbringen zu reden, Mann.« Sie frostelte. »Du fangst an, mir Angst zu machen.«

»Oh, na ja, was wei? ich.« Er zuckte die Achseln, druckte seinen Lieblingswurfel in das Gerat und schaltete auf Mix. »Sieht so aus, als wurd’s jetzt losgehen.«

Sie klappte ihren PDA auf und wandte sich wieder Marilyns Roman zu, gahnte gelegentlich, wenn der Luftdruck sich mit der Hohe anderte, als sie auf die I-40 rollten und spater durch die Smokies fuhren.

Never mind how I stumble and fall. You imagine me sipping champagne from your boot for a taste of your elegant pride …

Das Seltsame an den Smokies war, dass sie einen immer wieder uberraschten, ganz gleich wie oft man durchkam.

Die Blue Ridge bereiteten einen in keiner Weise auf die machtigen Mauern aus feuchtem, dunklem Felsgestein vor, von denen jeder damals als Befestigungsmauer hatte dienen konnen, was sich aber als unnotig erwiesen hatte, weil es so einfach und auch wenig aufwandig gewesen war, den I-40-Tunnel fur die Sprengung vorzubereiten. Zum Gluck fur die Leute in Asheville hatte sich das nie als notwendig erwiesen.

Ganz offensichtlich hatte man hier in letzter Zeit weniger Zeit und Geld fur den Stra?enunterhalt aufwenden konnen, als das offenbar in einem anderen Zeitalter der Fall gewesen war. Die Uberreste von Schutznetzen oder Zaunen oder was auch immer das sein mochte, hingen nach wie vor an den nackten Klippen uber der Stra?e, aber sie kamen wesentlich langsamer voran, als es moglich gewesen ware, weil man ja nie wusste, wann man plotzlich ein Ausweichmanover um einen Felsbrocken mitten auf der Stra?e fahren musste, den bis jetzt noch niemand hatte beiseite schaffen konnen. Ein paar Stellen, wahrscheinlich einige der schlimmsten, den alten, verrosteten Tafeln nach zu schlie?en, die vor Felsrutschen warnten, hatte man irgendwann einmal mit GalPlas uberzogen, aber nach der fleckigen Oberflache solcher Stellen zu schlie?en, war das schon eine ganze Weile her.

Nach dem Tunnel und nach Uberschreiten der Grenze nach Tennessee wurde der Stra?enzustand erheblich besser, aber die University of Tennessee hatte auch dafur gesorgt, dass die Wirtschaft von Tennessee zu einem der Glanzpunkte der Nachkriegserde geworden war. Seit Bundesmittel fur Fernstra?en absolut der Vergangenheit angehorten, wenn man von ganz seltenen Ausnahmen wie der Strecke von Charleston zur Green-River-Brucke absah, konnte man den Wohlstand oder die Not eines Bundesstaates deutlich von seinen Stra?en ablesen.

Dann endlich: Knoxville. Sie blickte auf, als sie an den Tennessee River kamen, und sah, wahrend sie uber die Brucke rollten, auf die Wasserflache hinunter. Auf der Stra?e von Asheville, besonders nach der Ausfahrt nach Gatlinburg, hatten sie eine Menge nicht konvoigebundenen Verkehr gesehen, der sich in die Mischung aus Personen- und Lastfahrzeugen auf der Stra?e mengte. Selbst jetzt, am spaten Vormittag, trug der Konvoi dazu bei, den Verkehr in Richtung auf die Ausfahrt Asheville zu verlangsamen.

»Wir erreichen hier in Volunteer Park sozusagen das Ende des Konvois«, sagte er, als sie von der Fernstra?e abbogen. »Du warst als Beifahrerin echt cool, wei?t du das? Wenn du Lust hast, kannst du ruhig bis nach Cincinnati mitkommen, Mann. Du bist dann zwar nicht mehr Wache oder so was, aber jetzt gibt’s ja keine Konvoitypen mehr, die mich bei meinem Boss anschwarzen, weil ich einen Passagier habe, und drum ist’s eigentlich egal. Ich kann ja immer sagen, dass ich dich in Knoxville abgesetzt habe, wei?t du?«

Der Parkplatz war frisch asphaltiert, vor kurzem auch neu gestrichen worden und gro? genug, um etwa doppelt so viele Fahrzeuge wie den augenblicklichen Konvoi aufzunehmen. Im Park gab es ein paar Spielplatze, die jetzt mitten am Schultag leer waren, eine Hand voll Zedern und gepflegte Blumenrabatten umgaben ihn, ein bunter Spielplatz, wo ein paar Mutter einer Schar Kinder dabei zusahen, wie sie auf den Schaukeln und Klettergerusten herumtollten. Zwei kleine Madchen in Shorts und T-Shirts, eine mit dunnem, hellblondem Haar, die andere mit braunen Locken, waren damit beschaftigt, in einem Sandkasten, der wie eine riesige Schildkrote aussah, eine Sandburg zu bauen.

»Also, wenn du mal fur kleine Madchen musst oder so, dann solltest du dich vielleicht beeilen und dich dann anstellen, ehe der Bus entladen wird, wei?t du?«

Als Reefer das sagte, zuckte sie zusammen, als hatte sie einen Augenblick lang vergessen, wo sie war, und sah ihn dann mit glasigen Augen an, wahrend er fortfuhr: »Ich brauche blo? ein paar Minuten, um mich von der Konvoiliste abzumelden, mein Pfand zuruckzubekommen, und dann haben wir Zeit. Man braucht den Konvoi ja wegen der Sicherheit, aber, verdammt noch mal, er ist auch machtig langsam.«

Er scheuchte sie zur Tur hinaus, und wahrend sie uber den Parkplatz eilte, um den anderen zuvorzukommen, sah sie, wie er auf die Gruppe Fahrer zuging, die sich um den Konvoimeister sammelte.

Die Toiletten befanden sich in einem schlichten Gebaude aus Hohlblocksteinen, aber es gab eine ganze Reihe davon. Da sie dem Bus zuvorgekommen war, brauchte sie nicht zu warten. Man soll nie die Gelegenheit auslassen, zu essen, zu schlafen oder zu pinkeln, und das gilt doppelt, wenn man eine Frau ist — zumindest, was Letzteres angeht.

Sie kontrollierte ihr Abbild im Spiegel. Die Dauerwelle hielt, wie erwartet, recht gut. Die Kontaktlinsen waren in Ordnung, aber heute Abend wurde sie sie rausnehmen und saubern. Der Nagellack war abgesprungen und musste ausgebessert werden — grundlich sogar.

Noch vor Reefer war sie wieder bei dem VW-Bus, setzte sich auf die hintere Sto?stange und holte ihren rosa Nagellack heraus. Sie zitterte dabei bewusst etwas, damit das Ergebnis nicht zu fachmannisch aussah. Als er ein oder zwei Minuten spater zuruckkam, waren die Nagel bereits wieder trocken.

Jetzt wieder im Funkbereich, lud sie sich zwei weitere Romane herunter, wahrend er den Benzinstand uberprufte. »Ich habe in der Innenstadt was zu erledigen, wei?t du? Wir konnen uns ja in Lexington was zu essen besorgen.«

»Mich hat es gewundert, dass du in Asheville etwas von deiner Ladung verkauft hast. Ich meine, wurden die denn nicht in Chicago mehr bezahlen? Ich wei?, was ich in Cincy fur lebende Blaukrabben bezahlen musste, wenn es dort welche gabe.«

»Oh, ja, das wurden die schon. Dieser Typ, ich meine, ich mache den Umweg fur ihn, weil er ein guter Freund ist, aber er zahlt Chicago-Preise wie alle anderen auch, wei?t du? Und was den Rest der Tour angeht, dann rufe ich vorher schon an, wenn ich ungefahr wei?, wann ich durchkomme, und, wei?t du, wenn die dann was wollen, dann erwarten sie mich schon an der Ausfahrt und ubernehmen die Ware. Aber eigentlich bringe ich alles bis ans Ende der Tour. Wenn dort nicht die Typen mit dem dicken Geld sitzen wurden, dann wurde sich die Tour sowieso nicht lohnen.«

Als sie auf der 1-40 in die Innenstadt rollten, bildete die Skyline von Knoxville einen willkommenen Kontrast zu all den Bergen und dem Farmland, obwohl sie ein wenig durch leichten Smog verdeckt war.

»Was ist das fur ein Riesenmikrofon?«

»Ha? Oh, du meinst den Turm mit dem Ball oben drauf? Yeah, Mann, ich schatze, das sieht tatsachlich wie so ein altmodisches Mikrofon aus. Das stammt noch aus der Zeit vor dem Krieg. Ein Uberrest von irgendeiner Vorkriegs-›Welt‹, wei?t du?« Er schwenkte auf die 158 ab und nahm Kurs auf den Fluss.

»Oh, das ist interessant. Wo ist denn das Restaurant von deinem Freund?«

»Direkt am Fluss. Klasse Bude mit einem Steg und allem Moglichen.«

»Stimmt was nicht mit meinen Augen oder ist alles wirklich plotzlich orange geworden?« Als sie in die West Cumberland bogen, waren plotzlich uberall gro?e orangefarbene Transparente und Ballons mit einem silbernen Atomsymbol darauf aufgetaucht. Sie fuhren unter einem riesigen Transparent quer uber die Stra?e durch, auf dem »AntimatterFest ›47‹!« stand. Und ein weiteres Transparent begru?te sie in Knoxville, »Geburtsstatte des

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