Maskerade?«
»Das erzahle ich Ihnen beim Abendessen. Jane hat Sie schon lange nicht mehr gesehen.« Er klopfte eine Zigarette aus seinem Packchen. Seit einen Zigaretten nicht mehr umbringen und auch nicht mehr suchtig machen konnten, war ihre Popularitat insbesondere bei Runderneuerten wieder stark angestiegen. »Jenny, ruf Jane an und sag, sie soll zum Abendessen decken, ja?«
»Wird sofort erledigt, Peter.«
»Oh, und Ihr AID werden Sie ubrigens als PDA tarnen lassen mussen. PDAs duldet Beed gerade noch, weil man ihnen sagen kann, dass sie sich abschalten sollen und sie nicht alles aufzeichnen und es dann, so wie das bei den AIDs der Fall ist, in den Generalspeicher der Galakter laden. Beed wird von Ihnen verlangen, dass sie ihren PDA anweisen, nichts aufzuzeichnen. Ein regelrechter PDA wurde eine solche Anweisung befolgen. Ihr AID wird nicht nur nicht gehorchen, sondern es ist auch clever genug, den Befehl zu bestatigen, als ob es vorhatte, ihn zu befolgen. Herrgott, ich mag
»Stort es Sie eigentlich nicht, dass die AIDs gelernt haben, wie man lugt?«
»Das wurde es wahrscheinlich, blo? dass ich schon vor langer Zeit gelernt habe, meine Zeit und meine Energie nicht darauf zu vergeuden, mir den Kopf uber Dinge zu zerbrechen, die ich nicht andern kann. Also, James, haben Sie in letzter Zeit mit Iron Mike gesprochen?«
»Letzte Woche habe ich tatsachlich einen Brief von ihm bekommen, in dem er sich entschuldigte, dass er an dem Triple-Nickel-Treffen nicht teilnehmen kann.«
»Nicht einmal per AID?«
»Die Posleen auf Dar Ent sind wieder mal ubermutig geworden. Er steckte gerade mitten in einem Gefecht.«
»Das ist wieder mal typisch fur ihn. Und sonst? War die Beteiligung gut?«
5
Das beliebteste Auto war in jenem Jahr ein kupferfarbener Ford Peregrine in Coupe-Ausfuhrung. Danach kam der CM Smoker in Silber. Sie brauchte etwa eine Stunde, um bei einem Gebrauchtwagenhandler ein einigerma?en unauffalliges.45er-Modell des Letzteren mit Zulassung zu finden. Der Wagen roch ein wenig nach abgestandenen Pommes und Keksbroseln, und das erinnerte sie fluchtig an Hitze und eine grune, gro?zugige Stadtlandschaft mit hoheren Baumen, hohen Fichten und Pappeln zwischen den Eichen, und sie griff sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, an den Hals, weil sie ein seltsames Gefuhl der Enge verspurte. Aber vielleicht lag das auch an dem Smog in der Stadt. Sie lie? es sich zusatzliche zehn Prozent in FedCreds kosten, dass der Verkaufer ein schlechtes Gedachtnis hatte und ubersah, ihr provisorische Nummernschilder zu geben und stattdessen die alten dranlie?. Gemachlich fuhr sie auf den Parkplatz eines Burogebaudes und nahm sich die Zeit, sich in das Netz der Zulassungsbehorde zu hacken und die alte Nummer zu reaktivieren, ehe sie auf die 74 nach Indianapolis einbog. Gleich nach dem Tal ging die Stadt in Hugellandschaft mit Baumen uber, und man konnte grauwei?es Sedimentgestein sehen, bei dem nicht ganz klar war, ob es sich um Ton oder weiches Felsgestein handelte. Formal gesehen hatten es auch Berge sein konnen, sie wusste es nicht. Jedenfalls kamen ihr die Hugel nach den Smokies entlang der I-40 nicht sonderlich hoch vor. Sie fuhr durch die Vororte von Cincinnati und rollte bald darauf durch die flachen Hugel von Ohio, wo gerade das erste Fruhlingslaub herauskam.
Am Himmel waren fast keine Wolken zu sehen, und so hatte sie das Gefuhl, unter einer gewaltigen blauen Kuppel dahinzurollen, die nur am Horizont etwas blasser wurde.
Indianapolis wirkte beinahe surrealistisch, wie etwas aus der
Sie a? unterwegs etwas und hielt schlie?lich vier Stunden spater an einem kleinen Hotel neben der US 30 an. Ein leicht metallischer Geschmack lag in der Luft, der vertraute Geruch von Sand, der aber einen Augenblick lang fremdartig wirkte, weil ihm sowohl die Salzluft von Charleston wie auch die schwule Hitze jener Stadt fehlten und weil da buschige Baume mit silbernem Blattwerk standen, die sie seit Kentucky immer wieder gesehen hatte. Mehr Busch als Baum, fand sie. Sie checkte ein und stellte den Wecker auf ihrem PDA, um fruh genug wach zu werden, um am nachsten Morgen nach Chicago zu kommen und dort mit den ersten Ermittlungen zu beginnen.
Es war vier Uhr morgens, als sie elektronisch ihre Maut bezahlte, was eigenartigerweise anonymer war, als beim Barbezahlen an einem der Mauthauschen fotografiert zu werden — was dazu gefuhrt hatte, dass ihr Gesicht geradewegs ins Netz wanderte — und rollte auf die 80/94 nach Chicago. Sie hatte einmal gehort, dass das Vorkriegs-Chicago mautfreie Stra?en gehabt habe. Heute waren alle wichtigen Verkehrsadern mautpflichtig, es sei denn, man hatte Diplomaten- oder Behordennummernschilder.
Selbst um diese fruhe Stunde herrschte Verkehr, wenn auch nicht sonderlich dicht. Der dunstige Himmel lie? die Morgendammerung flach und grau erscheinen. Sie konnte die Feuchtigkeit des Michigan-Sees riechen, obwohl die Larmbarrieren und die Unfallschutzwalle den gro?ten Teil der Umgebung verdeckten, sodass man eigentlich nur die Stra?e selbst sowie Heide und Binsen sehen konnte.
Das Profil sah vor, dass sie sich an der Ecke der Delaware/Michigan im Fleet Strike Tower einquartierte. Die meisten Geschafte hatten noch nicht geoffnet, nicht einmal in der Innenstadt, aber in einem rund um die Uhr geoffneten Lebensmittelladen konnte sie sich ein Notizheft mit dem Aufdruck Art Institute of Chicago, einen Bleistiftspitzer sowie eine Schachtel Bleistifte kaufen. Sie brauchte keine Viertelstunde auf dem Parkplatz, um das Heft ein wenig zu zerfleddern, damit es einigerma?en benutzt aussah. Heutzutage konnte man sich samtliche Lehrbucher downloaden, und ihr Skizzenblock wurde im ganzen Land verkauft — also konnte er von jeder beliebigen Kunstakademie stammen. Es dauert nicht lange, um sich elektronisch das augenblicklich gultige Buch uber Kunstgeschichte zu besorgen, und damit war Marilyns Ubertritt in das Art Institute nur umso realistischer.
Um sechs Uhr hatte sie den Wagen in einer Selbstparkergarage untergebracht und sa? bei einer Tasse Kaffee an einem Tisch im Hof gegenuber dem Haupteingang des Fleet Strike Tower; sie beobachtete die Leute, die dort aus- und eingingen, und skizzierte gelegentlich eine der Personen in kubistischer Manier.
Aus Sicherheitsgrunden war der Eingang am Nordteil des Tower der einzige, der standig in Benutzung war. Da sie so fruh dran war, war die Plaza fast leer, wenn man einmal von einem Sergeant von Fleet Strike absah, der sich eine Tasse Kaffee und eine Zigarette genehmigte und sein AID vor sich auf dem Tisch stehen hatte, vermutlich mit der Morgenzeitung. Gelegentlich forderte er es auf, umzublattern oder einen anderen Artikel zu suchen.
In den Geruch von frischem Kaffee und Geback mischten sich Auspuffgase, kalter Beton, Asphalt und der von morgendlicher Kuhle. Das Rauschen des Springbrunnens uberdeckte die Verkehrsgerausche, aber jetzt, am Morgen, war es noch ruhig genug, dass sie das Schaben ihres Bleistifts horen konnte, wahrend ihre Hande automatisch Schattierungen einfugten. Irisierende graue Tauben flatterten hoffnungsfroh auf den Granitfliesen vor
