Als sie dann die Adresse hatte, war es ein Kinderspiel, durch die Hintertur bei der Telefongesellschaft die Telefone in Apartment 302 C ausfindig zu machen, die in Benutzung waren, und sie binnen Sekunden zu verwanzen. Trifft der Kerl denn uberhaupt keine Vorsichtsma?nahmen? Sie schaltete ihren PDA so, dass die Audioaufnahme auf einem Wurfel gespeichert und in Echtzeit abgespielt wurde. Den Gerauschen nach zu schlie?en und da Petanes Vorname »Charles« war, hatte sie das richtige Apartment fur seine Freundin. Sie rief ihre Notizen von der Kamerasuche auf. Es hat immer etwas leicht Obszones an sich, einer Zielperson beim Vogeln zuzuhoren. Okay, wie es aussieht, besucht er seine Freundin Montag, Mittwoch und Freitag. Vielleicht nicht so regelma?ig, aber jedenfalls scheint er ein Gewohnheitstier zu sein. Wenn ich die Freundin betaube und einen Gerauschdampfer mitbringe, kann ich ihn hier verhoren — offiziell wird man ihn erst dann vermissen, wenn seine Frau unruhig wird, und Fleet Strike bemerkt moglicherweise erst am nachsten Morgen etwas. Wenn ich noch mal nachsehe, nachdem ich nach dem Job sauber gemacht habe, verwandle ich mich in Sinda und bleibe auf dem Radar. Also Montag. Herzanfall. Freundin wacht etwas benommen auf, kann sich nicht richtig erinnern und findet neben sich eine Leiche. Kein schoner Tagesbeginn fur sie, aber ein sauberer Hit, bei dem sie am Leben bleibt. Flunitrazepam und Alkohol fur sie, ein Cocktail aus Viagra, Insulin und Koks fur ihn, eine richtig nette, kleine Party. Zuerst werde ich mit dem Kotzbrocken sanft umgehen mussen, auf die freilich sehr geringe Chance hin, dass an dem Burschen mehr dran, ist als man auf den ersten Blick erkennen kann und er sich als der gro?e Treffer erweist. Na ja, wir werden sehen.

Als er das Apartment verlie? und nach Hause fuhr, folgte sie ihm, um sich seine Adresse aufzuschreiben, fand in der Nahe ein billiges Motel und zahlte dort im Voraus fur drei Nachte bar. Sie richtete sich in dem Motelzimmer ein, stellte den Wecker auf vier Uhr fruh und legte sich ihre Kleidung in Reichweite bereit. Einerseits hatte es wenig Sinn, ihn am Samstag zu beobachten, weil der Job bis Donnerstag erledigt sein musste. Wochenendmuster waren demnach nutzlos. Andererseits wurde sie auf die Weise vielleicht zusatzliche Informationen gewinnen, die dabei halfen, seinen Wert als Informationsquelle zu beurteilen, und wenn es moglich war, konnte es ja auch nicht schaden, am Montag Zugang zu seinem Haus zu haben.

New Orleans. Mardi-Gras-Umzug, kein Krieg, keine Ausbildung, ein langes, freies Wochenende. Billige Plastikperlen, Hurrikane und ein jung aussehender Soldat von den Zehntausend, der so aussieht, als wurde er viel Zeit an den Trainingsmaschinen verbringen. An dem Abend ist sie Lilly und lacht ihm ins Gesicht, versucht diesmal, nicht mitzugehen, aber das tut sie immer, und jetzt ist es Morgen, und er erzahlt ihr schon wieder von seiner Frau, und versucht immer wieder aus dem Bett zu kommen und den Dreckskerl in die Eier zu treten, aber sie kann sich nicht bewegen und ist wieder im Uberlebenstraining in Minnesota, und der Schnee fallt und fallt und fallt.

Samstag, 18. Mai

Sie hieb auf den Knopf, damit das lastige Piepsen aufhorte, und walzte sich aus dem Bett, lie? das Licht ausgeschaltet, um ihre Nachtsicht nicht zu verlieren. So fruh am Morgen war ihr Gesicht feucht und verklebt, aber noch nicht richtig nass. Eigenartigerweise konnte sie sich uberhaupt nicht erinnern, wovon sie getraumt hatte. Aber das konnte sie nie, wenn sie mitten in der Nacht rausmusste. Die zu weiten Jeans, das T-Shirt und die Windjacke waren alle in mittleren Grautonen. Das Baumwollhalstuch, das sie sich in die Tasche steckte, war einmal schwarz und wei? gemustert gewesen, aber seit sie es ein paarmal mit dunkler Kleidung gewaschen hatte, in ein schmieriges Graubraun ubergegangen. Die Rollsneakers mit dem Segeltuchoberteil hatten ihr Dasein hellblau begonnen, waren aber inzwischen eingelaufen und hatten sich einen soliden Uberzug aus Schmutz und Staub zugelegt. Der Saum der Windjacke bedeckte den schwarzen Nylonriemen der grauen Gurteltasche aus Segeltuch, den sie sich um die Huften schnallte.

Zuerst fuhr sie zu seinem Haus, parkte ein Stuck entfernt auf. der Stra?e und joggte das letzte Stuck. Die Kamera zu platzieren bedeutete eigentlich nur, die kleinen grauen Punkte, halb so gro? wie ein Zehncentstuck, auf Infrarotsendung uber kurze Distanz zu stellen. Sie benutzte das Display ihres PDA, um sie anzuordnen, und befestigte sie mit Klebemasse. Als sie dann auf das Ziel eingestellt waren, genugte ein leichter Druck auf einen Button, um sie auf Aufzeichnung zu schalten. Ein halbes Dutzend von den Dingern waren auf die Garage der Zielperson sowie auf strategische Punkte an Baumen und Verkehrszeichen eingestellt. Gleich darauf sa? sie wieder im Wagen und war zum Apartment seiner Freundin unterwegs. Inzwischen zeigte die Uhr halb sechs, und allmahlich ging das Grau des fruhen Morgens in Rosa uber, als sie auf dem Parkplatz des Wohnblocks ein paar Kameras an Baumen und Stangen anbrachte und sich dabei sorgfaltig nach Fruhaufstehern umsah — so etwas konnte man selbst an einem Samstag nicht ausschlie?en. Irgendjemand musste immer arbeiten, und einmal war sie gezwungen, abzubrechen und ans Ende der Gebaudereihe zu joggen und wieder zuruck, ehe sie zwei Kameras auf die Tur und eine auf die Fenster des Apartments eingestellt hatte.

Ihre graue Kleidung passte zu einem morgendlichen Jogger, und daruber hinaus war sie naturlich ideal, um in der Dunkelheit oder im Zwielicht nicht aufzufallen, aber sobald es heller geworden war, wurde sie mit solcher Kleidung auffallen, die fur eine Studentin mit einem Funken Selbstachtung einfach zu duster war. Glucklicherweise hatte sie ihre Arbeit jetzt verrichtet und somit ein paar Stunden Zeit, um zum Motel zuruckzukehren und dort zu schlafen. Schlie?lich hatte es ja keinen Sinn, sich zu uberanstrengen, solange das nicht erforderlich war.

Nach einem spaten Fruhstuck fuhr sie zur East Chicago SubUrb, fuhr unter einem tiefblauen Himmel dahin, der sich in endlose Weiten zu dehnen schien und mit kleinen Wattewolkchen betupft war. Zwischen den gelegentlich auftauchenden zerbrockelnden Gebauden am Stra?enrand wuchsen Baume und Unkraut. Im Krieg waren viele Gebaude verlassen worden, als die jungen Manner zum Militar und die alten Manner, die Jungs und die Frauen in die SubUrbs gingen und nie von dort zuruckkehrten. Denn fur jede Familie der nachsten Generation, die mutig genug war, um sich wieder an der Oberflache anzusiedeln, entschied sich eine zweite fur die Sterne und die Chance der Verjungung.

Als sie sich der eigentlichen SubUrb naherte, drangten sich billige vorfabrizierte GalPlas-Hauser mit gepflegten Vorgarten und hie und da einem kleinen Gemusefeld dazwischen um ein paar gro?e Fabrikanlagen, wo die Angestellten und Arbeiter, die auf ihren zweimal taglichen Busfahrten aus der Urb und zuruck die Oberflache gesehen hatten und sie allmahlich neu kolonisierten, stets auf der Suche nach Sonnenschein und frischer Luft waren.

Jede SubUrb hatte ihre »Stra?en«-Korridore, wenn man wusste, wie man sie fand. Die Wartungsdatenspeicher lieferten einem die Information. Man brauchte blo? die heruntergekommenen Viertel zu suchen, in die sich die Leute vom Wartungspersonal nur ungern allein trauten. Aufgespruhte Graffiti bedeckten die Mauern, und die meisten Beleuchtungskorper waren herausgerissen, abgesehen von einigen wenigen, die man einfach brauchte, um nicht uber die Mullberge in den Ecken zu stolpern. Offentliche Komm-Stationen waren Vandalismus zum Opfer gefallen, nicht zuletzt auch, um Verirrte davon abzuhalten, Hilfe anzufordern. Wenn Marilyn Grant wirklich allein hierher gekommen ware, hatte man sie sicherlich auch als eine jener Verirrten betrachtet. So reichte ein einziger Blick auf Cally O’Neals Gesicht, um anderes Raubgelichter einen weiten Bogen um sie machen zu lassen, und dies in einer Umgebung, in der sich dank Darwin die Fahigkeit, Rauber und Beute voneinander zu unterscheiden, zu einer Kunst entwickelt hatte. Als sie an ein kleines Stuck Korridor kam, dessen perfekte Beleuchtung wie ein Leuchtturm durch die Dunkelheit drang, wusste sie, dass sie gefunden hatte, was sie brauchte. Ein vielleicht zwolfjahriger Junge war vollig darauf konzentriert, ein Graffiti-Gemalde uber das vorbehandelte GalPlas zu malen. Cally sah das Bild einer freundlichen Mutter, die auf einem roten Knautschsack sa? und ihr Baby stillte, und ihre Augen wurden unwillkurlich feucht.

»Ist das jemand, den du kennst?«, fragte sie leise.

»Meine Mama und das Baby, ehe letztes Jahr die Grippeepidemie kam.« Er erschrak nicht, als Cally ihn ansprach, hielt es aber auch nicht fur notig, sich von seinem Kunstwerk abzuwenden. »Ich kenne dich nicht.«

»Nein, du kennst mich nicht. Ich bin von … drau?en. Ich bin hier, um … einzukaufen.«

»Ein seltsamer Ort zum Einkaufen.«

»Da du hier wohnst, hatte ich gehofft, du konntest mir vielleicht sagen, mit wem man reden muss, wenn man ein paar Sachen kaufen will.«

Jetzt drehte er sich zu ihr um, und sie konnte das Kruzifix und eine Christophorus-Medaille sehen, die ihm uber sein farbverschmiertes Hemd hingen. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, dass er ein wenig enttauscht wirkte, als er meinte: »Und bist du auch sicher, dass du hier einkaufen willst? Da gibt es anderswo bestimmt

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