»Also, ich habe nicht den Tick, dass ich den Stoff wiegen muss«, lachte er, als er den sauerlichen Gesichtsausdruck seiner Freundin bemerkte. »Ich liebe dich ja, Baby, aber du hast einen Tick.«

Sie warf ihm einen Cracker an den Kopf.

Cally sa? auf dem aufgeklappten Futon und starrte, die Arme um die Knie geschlungen, in die Finsternis. Janet und Thad waren eingeschlafen, Thad vollig weggetreten und Janet beinahe nuchtern. Nachdem der dritte Joint die Runde gemacht hatte, hatten Reefer und Thad sich aufgefuhrt wie zwei Bruder, die sich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten. Der Altere schlief jetzt den Schlaf der Bekifften; sein Schnarchkonzert konkurrierte mit einem seiner Musikwurfel und muhte sich ab, den etwas lastigen, aber alles andere als berauschenden Rauch von Eichenlaub zu durchdringen. So in der Dunkelheit wusste sie gar nicht, was sie eigentlich fuhlte, ob es nun Kalte war oder Benommenheit oder Mudigkeit. Sie lehnte sich an Reefers nicht sonderlich wohl riechenden Arm und seufzte mit einem Blick zur Decke. Fast den ganzen Tag lang hatte sie jetzt Reefers Lieblingsmusik genossen, und allmahlich fing diese an, ihr ein wenig auf den Geist zu gehen … in again, I’d like to get some sleep before I travel, but …

Sie horte das Klicken, als das Schloss der Wohnungstur aufgesperrt wurde, und ihr ausgebildeter Instinkt musste sie gewarnt haben, denn sie rollte bereits vom Futon auf den Boden vor der Tur, als diese sich aufschob und zwei kraftig gebaute Frauen in der Uniform der Sicherheitspolizei eintraten. Wie gro? ist die Chance …

Eine der beiden Frauen stolperte uber Callys ausgestrecktes Bein, als diese sich aufrichtete. Die Welt bewegte sich plotzlich in Zeitlupentempo, als Reefer sich aufsetzte und wie eine Eule in das Licht blinzelte, das die andere Frau angeknipst hatte, als sie ins Zimmer trat. Cally stolperte uber die zu Boden gehende Frau, schaffte es, die zweite aufzufangen, ihr Gleichgewicht zu halten und sie ebenfalls zu Boden zu ziehen. Auf dem Weg nach unten stie? ihre Stirn »versehentlich« gegen die Schlafe der zweiten Uniformierten, und zwar ziemlich hart. Cally wippte zuruck, fiel uber die erste Wache; wie zufallig sa? sie dann auf ihren Schultern und griff sich an den Kopf. Gleich darauf stie? sie einen verwirrten Schrei aus. »Autsch!« Sie starrte den unglaubig blickenden Reefer aus glasigen Augen an, als Janet aus dem Schlafzimmer geschossen kam. »Ich hab mir den Kopf angesto?en!«

»Sieh zu, dass du von mir runtersteigst, du blode Kuh!«, schimpfte die erste Uniformierte. Cally verschob ihr Gewicht leicht auf ihren Schulterblattern, und die Frau zuckte und fluchte dann weiter. Sie war ganz offensichtlich auf ihren Schockerstab gefallen. Die zweite Frau lag reglos auf dem Boden, als Janet mit einem grauen Plastikpackchen in der Hand ins Zimmer geschossen kam, der ersten Uniformierten die Hose von der Hufte wegzog und ihr blitzschnell eine Spritze verpasste. Die Wache erschlaffte. Dealing Janet tastete bei der zweiten Frau nach dem Puls, ehe sie erleichtert aufatmete und ihr ebenfalls eine Spritze in die Hufte jagte.

»Herrgott, hast du ein Gluck gehabt. Um jemanden k.o. zu schlagen, musst du sie praktisch umbringen.« Sie sah sich auf dem leeren Korridor vor dem Apartment um und schuttelte dann den Kopf, ehe sie die Tur schloss.

»Autsch«, wiederholte Cally klaglich und hielt sich die Hand an den Kopf, als sie von der jetzt bewusstlosen Uniformierten herunterstieg und unsicher zum Bett taumelte.

»Was zum Teufel war da los?«, wollte Janet wissen und sah zuerst Reefer, dann Cally und schlie?lich die beiden bewusstlosen Frauen auf dem Boden an.

»Ah … ich habe ein Gerausch gehort, und das hat mich erschreckt, und ich habe versucht aufzustehen, aber, na ja, dann bin ich gesturzt. Autsch.«

»Gesturzt?«, wiederholte Janet wie ein Echo.

»Ja, Mann. Das war total verruckt.« Reefer rieb sich das Kinn. »Yeah, Janny, ich schwor’s dir, sie ist gesturzt. Es war, als wollte sie ihr Gleichgewicht halten, und schlie?lich ist da kein Platz, wo doch der Futon aufgeklappt ist und alles das, und die sind einfach zu Boden gegangen. Mann … ich kann blo? sagen, wow

»Hast du ein Tylenol? Ich denke, ich habe mir auch den Knochel verstaucht.«

»Moment mal, lass mich deine Augen sehen.« Sie hielt mit einer Hand Callys Kinn und schob ihr den Kopf hoch ins Licht, sah ihr in beide Augen. »Also, nach einer Gehirnerschutterung sieht mir das nicht aus, schatze ich. Teufel noch mal, deine Augen sehen besser aus als meine, und das nach all dem Shit. Ich denke, ich werde gleich eifersuchtig.«

»Ah … was ist mit denen?« Reefer war aufgestanden, hatte sich seine Boxershorts ein Stuck hochgezogen und wusste offenbar nicht, ob er die zwei Uniformierten anstarren oder seine Jeans suchen sollte.

»Ah … Tylenol ist im Medizinschrankchen im Bad, geh nur.« Janet winkte Cally hinaus, ehe sie wieder die beiden Bewusstlosen anstarrte. »Also, die waren offensichtlich allein, sonst waren wir jetzt alle bewusstlos und wurden gleich eingeschlossen. Das sind Greer und Walton. Die sind echt gierig. Ich denke, die wollten uns entweder durchsuchen oder das Zeug einfach klauen. Ah … lass mich mal nachdenken.«

Als Cally ins Bad ging, sah sie aus dem Augenwinkel, wie die andere Frau zu dem Kuchen-/Schreibtisch ging, sich etwas in den Mund schob und dann ein Glas Wasser einfullte, um es runterzuspulen. Sie schloss die Tur, spulte zwei Tylenol die Toilette hinunter, zerzauste sich das Haar ein wenig, damit es so aussah, als hatte sie geschlafen, und ging ins Wohnzimmer zuruck, wo Thad und Janet jetzt hellwach waren, wenn auch nicht mehr ganz so nuchtern wie vorher. Reefer half Thad dabei, den beiden Frauen die Uniformen auszuziehen, wahrend Janet ein paar Decken auf dem Boden ausbreitete.

»Und du bist auch sicher, dass das klappen wird, Janny?«, jammerte er und zog einer der Frauen ein T- Shirt zuerst vom einen und dann vom anderen Arm.

»Was Besseres fallt mir nicht ein. Diese Schlampen werden sich an nichts mehr erinnern. Kipp sie in einen Korridor, schuft ihnen Bier druber, werf ihre Kleider in die Verbrennungsanlage, dann, darauf wette ich, sind die von der Schmiere viel zu beschaftigt damit, alles zu vertuschen, um zu viele Fragen zu stellen. Wenn die genugend Hirn gehabt hatten, jemandem zu sagen, wo sie hingehen, hatten wir jetzt dieses Gesprach nicht.« Sie zuckte hilflos die Achseln und stellte zwei Dosen Bier neben die Decken auf den Boden. »Aber schuttet sie erst voll Bier, wenn sie dort sind, okay, Reef? Ich will nicht, dass meine Wohnung die ganze nachste Woche nach Alk stinkt.«

Cally lehnte sich benommen gegen den Futon, stie? sich dabei die Knie an und lie? sich schlie?lich, immer noch mit beiden Handen ihren Kopf haltend, herunter.

»Ah, kann ich jetzt wieder schlafen?«, murmelte sie.

»Ah … klar.« Janet musterte sie scharf, schien sie aber dann nicht mehr zu beachten, als Cally sich zusammenrollte und sich das zweite Kissen uber die Augen zog.

Nevis and St. Kitts

Donnerstag, 16. Mai

Mit dem Ausbleiben der Touristen und des Geldes, das diese ins Land brachten, war es auf vielen Karibikinseln wahrend und nach dem Posleen-Krieg zu einem erheblichen Bevolkerungsruckgang und demzufolge gelinde gesagt erheblichen Umweltschaden gekommen. Nevis and St. Kitts hatten Gluck gehabt. Je nachdem wie man das sah, konnte man naturlich auch sagen, dass sie klug gewesen waren. Eine strikte Einwanderungspolitik, die vor und wahrend des Krieges nur Einwanderer zugelassen hatte, die FedCreds oder erhebliche Dollarbetrage mitbrachten, hatte es der Regierung ermoglicht, genugend Hiberzine und Lebensmittel vom Festland einzulagern, um sowohl die ursprunglichen Burger wie auch die auserwahlten wenigen Neuen damit zu versorgen.

Unglucklicherweise hatte ein Hurrikan, der die Insel erfasst hatte, eine der Anlagen mit Patienten unter Hiberzine getroffen. Man ging davon aus, dass einen, der aufs Meer hinausgespult worden war, nicht einmal Hiberzine retten konnte — jedenfalls dann nicht, wenn die Haie sich einmal mit ihm befasst hatten. Auf diese Weise hatten die Behorden plotzlich uber gro?e Betrage in harter Wahrung auf ortlichen Banken verfugt, auf die keine Angehorigen Anspruch erhoben. So wie die Dinge lagen, hatten weder die Ortsansassigen noch die wiederbelebten Patienten der beiden anderen Hiberzine-Anlagen nachhaltige Einwande erhoben, als die Regierung dieses Kapital fur Investitionen zur Wiederbelebung der touristischen Attraktionen der Inseln benutzt hatte. Zugegebenerma?en gab es in der Nachkriegswelt nicht viel Tourismus, aber um den wenigen, den es gab, bemuhte Nevis and St. Kitts sich und bekam ihn auch.

Nicht dass der schlanke, jung aussehende Mann mit schutterem Haar, der jetzt unter einem Sonnenschirm lag und die Salzluft und einen Mai-Tai mit einem winzigen Papierschirm genoss, sich mit derartigen Gedanken

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