brauchte blo? ein paar Augenblicke, um seine flussigen Mittel von seinem Nummernkonto auf mehrere Nummernkonten auf Dulain zu uberweisen. Mit einem Teil des Bargelds, das er bekommen hatte, hatte er auf Titan ein Konto eroffnet. Den Rest hatte er bedauerlicherweise in einem offentlichen Schlie?fach deponieren mussen, was nicht ohne Risiken war. Aber das brachte den Vorteil mit sich, dass er sein Ticket nach Dulain mit einer Identitat erwerben konnte, die nicht kompromittiert war.

Und er wurde nie wieder Sojabohnen-Burger essen mussen. Nie wieder.

Basis Titan

Samstag, 15. Juni, spater Nachmittag

An dem Zeitungsstand an der Ecke achte Etage/Flur Romeo am Korridor gab es eine reichliche Auswahl an Drogerieartikeln, darunter auch ein paar gerade populare Schlankheitsdiaten, bei denen es sich hauptsachlich um Diuretika handelte. Cally wahlte die auffallig orange und gelb gehaltene Packung, weil dieses Entwasserungspraparat nicht nur sehr schnell wirkte, sondern auch so gut wie keinen Eigengeschmack hatte und die effektive Dosis sehr gering war. Ein Bier wurde ausreichen, um den recht milden Geschmack zu uberdecken, selbst fur jemand wie sie.

Mir ist es wirklich unangenehm, ihm das Praparat zu verpassen. Das Wenigste, was ich tun kann, ist ein moglichst harmloses Mittel zu verwenden. Nun ja, harmlos hin oder her, peinlich konnte es ja werden, wenn er nicht schnell genug rennt. Trotzdem, harmloser geht es nicht. Und ich habe ja auch noch ein paar Tage Zeit.

Sie trug ihren am wenigsten auffalligen BH unter der Fleet-Strike-Seide, als sie den Kauf tatigte. Weniger weil sie ihn wirklich gebraucht hatte, sondern einfach, weil die Professionalitat Unauffalligkeit erforderte. Aber offenbar reichte das nicht. Sie war ziemlich sicher, dass der asiatische Kassier ihr wahrend der ganzen Transaktion nie in die Augen gesehen hatte. Sein Blick war nie uber ihr Schlusselbein hinausgekommen.

Basis. Titan

Samstag, 15. Juni, abends

James Stewart stand vor dem Glas seines Standbilds und versuchte darin zu erkennen, ob sein Haar richtig sa?. Es war schon lange her, dass er sich so darauf gefreut hatte, am Samstagabend zur Arbeit gehen zu mussen. Aber er war ja schlie?lich auch nicht zum Arbeiten hier.

In dem leeren Buro war es still, und er konnte das Zischen der Eingangstur horen. Einen Augenblick lang wunderte er sich uber die Tute, die sie in der Hand hielt, aber dann erinnerte er sich, dass sie verabredet hatten, sie wurde das Abendessen mitbringen. Eigentlich hatte er hungrig sein sollen, aber im Augenblick war ihm nach anderen Genussen zumute und er grinste breit, als sie hereinkam und die Tasche auf den Schreibtisch stellte.

Er breitete die Arme aus und zog sie an sich, presste ihr eine Hand ins Kreuz und vergrub die andere in ihrem Haar. Ihr Bauch war fest gegen den seinen gepresst, ihre Bruste druckten weich gegen seine Brust. Er wollte sie jetzt nehmen. Jetzt sofort. Deshalb versuchte er, sie nach hinten zu ziehen, in sein Buro oder das ihre, aber sie straubte sich, lachte.

»Warum nicht gleich hier?« Sie tippte auf die Schreibtischplatte, grinste verschworerisch. »Oder hier …« Sie rutschte vom Schreibtisch und lie? sich auf den Sessel fallen, drehte sich damit im Kreis und lachte.

Er schob skeptisch die Augenbrauen hoch, malte sich aus, wie weit er die Knie wurde durchbiegen mussen, damit das klappte. Aber sie war ihm bereits weit voraus. Entweder das oder sie hatte seine Gedanken gelesen, denn sie druckte den Knopf fur die Sesselhydraulik, worauf sich die Sitzflache weit nach oben schob.

Als sie den vorderen Saum ihrer Seidenkombination offnete und sie sich von den Schultern schob, uberlegte er. Vielleicht wurde es doch gehen. Ganz besonders, wenn sie die Knie anhob …

Nachdem sie Anders’ Philodendron wieder neu eingetopft hatten, der in der Hitze des Gefechts irgendwie aus seinem Terrakottakubel geraten war, a?en sie in Sindas Buro zu Abend. Er wusste nicht, wie sie es fertig gebracht hatte, ein altmodisches Picknick aus kaltem gebratenem Huhnchen, Kartoffelsalat, harten Eiern und Schokoladeplatzchen zustande zu bringen, aber es schmeckte jedenfalls herrlich. Ganz besonders das eiskalte echte Milwaukee-Bier, fur das sie wahrscheinlich ein kleines Vermogen ausgegeben hatte.

Anschlie?end verfuhrte sie ihn — nicht, dass er sich gewehrt hatte — auf dem Schreibtisch des widerlichen Ekels. Er musste zugeben, dass ihm die Ironie des Ganzen Spa? machte.

Sonntag, 16. Juni, Nachmittag

Der uppige Duft ihres Haars betaubte ihn fast, als ihre Kusse — und dazwischen ein paar Bisse, um auch ja sicherzustellen, dass er aufpasste — an seiner Brust hinunterwanderten. Mehr Kuss als Biss, je weiter sie wanderte. Schlie?lich hatte sie sich um sein rechtes Bein geschlungen, ihre Bruste rieben an seinen Schenkeln und lie?en ihn spuren, dass sie das alles ebenso genoss wie er.

Die ersten Klange des nachsten Lieds auf ihrem Wurfel erfullten ihn mit eigenartig su?er Melancholie, die ein paar Augenblicke lang anhielt, ehe ein hei?er, peitschender Rhythmus einsetzte und das, was sie mit ihm machte, noch intensiver erscheinen lie?. Er versuchte gar nicht erst, sich daran zu erinnern, wie die Gruppe oder das Lied hie?en, aber dann wusste er es trotzdem plotzlich. Es war eine Gruppe aus der Kriegszeit, die sich Evanescence nannte, und das Lied hie? »Bring Me to Life«. Nichts hatte besser zu dem passen konnen, was hier geschah, und doch war ihm irgendwie klar, dass die Musik fur sie eine ganz besondere Bedeutung haben musste.

Der Drive, der von der Musik ausging, schien alles zu erfullen, lebendiger zu machen — ihren Duft, ihre Hande, das Gefuhl ihrer Lippen auf ihm. Ihre wunderschone blasse Haut und die ganz dunne Schwei?schicht darauf schienen von innen heraus zu leuchten. Selbst das dustere Grau der Burowande schien eine neue intensivere Realitat zu gewinnen. Die Musik tonte in ihren Knochen nach, und er fragte sich, was in drei Teufels Namen hier eigentlich mit ihm vorging. Sex war noch nie so gewesen.

Der Gedanke kam in ihm auf, dass es eigentlich etwas Perverses an sich hatte, es hier im Buro eines Kollegen zu tun, aber der Gedanke war nicht wichtig und lie? sich leicht wieder verdrangen. Au?erdem hatte Li sich eine Couch fur sein Buro besorgt. Nicht Leder, aber ein recht guter Ersatz …

Nachher, als sie zu Mittag a?en, er ein Schinkensandwich, sie Roastbeef, redeten sie. Er war bemuht, nicht in Erinnerungen zu schwelgen, wenn er mit ihr redete. Nun ja, eigentlich uberhaupt, wenn er mit jemandem redete. Ganz gleich, wie gut man Bescheid wusste und wie sehr sie einem die Tarnung glaubten, es bestand immer das Risiko, dass man irgendwo stolperte. Dass Sinda nie versuchte, uber die Vergangenheit zu reden, gehorte mit zu den Dingen, die es so erfreulich machten, sich mit ihr zu unterhalten. Sie unterhielt sich gern uber Musik oder alte Filme. Okay, sie mochte vielleicht nicht die Hellste sein, aber trotzdem hatte sie eine erstaunliche Tiefe — und sie hatte sich keineswegs nur auf Teenie-Filme konzentriert. Das wirklich Unglaubliche war, dass sie wirklich Geschmack hatte. Bis jetzt war er noch nie einer Frau begegnet, die sich tatsachlich Charlie Chaplin angesehen und uber ihn gelacht hatte — wirklich gelacht. Und dann mochten beide die Szene am Ende eines der alten Spaghetti-Western, wo der Held »ein Problem mit Kopfrechnen« gehabt hatte. Himmel, sie war seit zwanzig Jahren fur ihn das erste Madchen, das je einen solchen Film gesehen hatte.

Das Schwierigste an der ganzen Situation war, er durfte einfach nicht zulassen, dass sie ihm zu nahe kam, ganz gleich, wie sehr er sich das vielleicht auch wunschte. Er lebte hier eine Luge, und niemand wusste schlie?lich, wie sich ihre Reaktion auf ihn andern wurde, wenn sie die Wahrheit herausfand. Wurde sie in ihm dann blo? einen weiteren Opportunisten sehen? Jemanden, der sich durch nichts von General Arschloch unterschied? Jemand, der nichts anderes im Sinne hatte, als ihr an die Wasche zu gehen? Oder konnte es sein, dass sie vielleicht begreifen wurde, warum er das tun musste?

Springfield

Sonntag, 16. Juni, 17:00

Bobby Mitchell verstand sich hervorragend auf Uberwachung, und seit er den Polizeidienst quittiert hatte, war er eher noch geschickter geworden. Ob das daran lag, dass er vaterlicherseits einen Schuss Siouxblut in den Adern hatte und mutterlicherseits ein wenig Mex — jedenfalls war er ein kleiner, etwas nervos wirkender Mann

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